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HNO-Arzt sucht Arbeit

Jamal Alsulaiman hatte in Syrien eine Praxis. Nach seiner Flucht landete er zunächst in Löbau - und will als Arzt in der Oberlausitz bleiben.

Jamal Aldin Alsulaiman ist HNO-Arzt. In Deutschland muss er einen großen Teil seines Berufsweges noch mal neu gehen.
Jamal Aldin Alsulaiman ist HNO-Arzt. In Deutschland muss er einen großen Teil seines Berufsweges noch mal neu gehen. ©  André Schulze

Am Freitag hatte Jamal Aldin Alsulaiman die nächste Prüfung, die Sprachprüfung C2. Die ist Grundlage, wenn man mit einem Studium in Deutschland beginnen möchte. Aber Jamal Aldin Alsulaiman hat längst studiert, an der Universität Damaskus. Er ist HNO-Arzt. Fünf Jahre lang hatte er seine eigene Praxis und arbeitete außerdem im Krankenhaus. „Das ist in Syrien üblich“, erklärt er. „In der Praxis habe ich akute oder chronische Fälle behandelt, im Krankenhaus macht man die OPs.“ Mikroskopische Operationen sind sein liebstes Gebiet. „Da ist man ein bisschen wie ein Künstler“, erzählt er. „Ein Loch im Trommelfell zu schließen, ist keine leichte OP, aber sehr spannend.“

Über seine Arbeit kann man mit Jamal Aldin Alsulaiman ewig reden. Er hätte sie gerne zurück. Dafür hat er diverse Sprachprüfungen abgelegt, kürzlich die Fachsprachenprüfung für Mediziner, am Freitag nun die C2-Prüfung. Aber es steht auch noch eine Menge an: das Approbationsverfahren. Das hat er eigentlich längst in der Tasche. Aber: Eine ausländische Approbation ist in Deutschland nicht automatisch mit einer ärztlichen Befugnis verbunden, die Berufszulassung muss nach hiesigen Standards erneut beantragt werden.

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Assistenzarzt-Stelle gesucht

„Mediziner haben viel Geduld“, versucht es Jamal Aldin Alsulaiman mit Humor zu nehmen, „was glauben Sie, wie viele Prüfungen man im Medizinstudium macht?“ Das Problem ist ein anderes: Um zur Approbation zugelassen zu werden, muss er ein Jahr als Assistenzarzt arbeiten. Jamal Aldin Alsulaiman hat bereits Bewerbungen rausgeschickt. Er hat auch schon Ablehnungen bekommen. „Die Kliniken wollen lieber approbierte Ärzte“, erzählt er, „ich kann es auch verstehen.“

Arzt auf Berufszulassung, so heißt die Stelle ganz korrekt, erklärt Hans-Joachim Tauch vom Ärzte-Netz Ostsachsen in Niesky. Tatsächlich seien Krankenhäuser oft vorsichtig bei der Einstellung von Ärzten im Berufszulassungsverfahren. Denn ganz ähnlich wie beim Assistenzarzt dürfen sie aus rechtlichen Gründen nicht eigenständig diagnostizieren, sie dürfen auch nicht im Bereitschaftsdienst eingesetzt werden, erklärt Tauch. Er hat bereits mehrfach Ärzte aus dem Ausland bei ihrem Weg zur Zulassung in Deutschland begleitet. „Es ist sehr komplex“, sagt er. Es gibt verschiedene Verfahren. Welches das richtige ist, hängt beispielsweise vom Herkunftsland ab. „Für einen Arzt aus Tunesien kann es anders aussehen als für einen Arzt aus Syrien.“ Eine andere Frage ist, ob jemand mit Visum nach Deutschland gekommen ist oder über ein Asylverfahren, „auch daraus ergeben sich unterschiedliche Verfahren“, die selbst mit sehr umfangreichen Prüfungen verbunden sind – zum Beispiel auf die Echtheit der Dokumente. „Man muss das ganz nüchtern sehen“, sagt Hans-Joachim Tauch. Die komplexen Verfahren hätten auch Gründe. Vor ein paar Jahren, erzählt er, gab es zum Beispiel die Fachsprachenprüfung noch nicht. Sie wurde 2016 in Sachsen eingeführt. „Wir in der Oberlausitz sind vertraut mit der Situation, dass viele Ärzte aus dem Ausland kommen. Wir sind auf sie angewiesen. Aber wenn die deutsche Sprache nicht funktioniert, dann ist das problematisch“, sagt er. „Mit einer Sprachbarriere lässt sich kein gutes Patient-Arzt-Verhältnis aufbauen.“

Vom Ärztemangel weiß auch Jamal Aldin Alsulaiman. Er würde gerne in Görlitz bleiben. „Wir fühlen uns hier wohl und haben viele gute Erfahrungen gemacht.“ Mit seiner Frau und den vier Kindern wohnt die Familie in der Südstadt. Er engagiert sich auch im Assalam-Verein. „Wir helfen uns dort“, erzählt er. Wenn zum Beispiel jemand, der noch nicht so gut Deutsch kann, Post bekommen hat. „Wir machen auch Deutsch-Kurse.“ Aber seine Arbeit fehlt ihm. Sechs Jahre, erzählt er, hat er an der Universität Damaskus Medizin studiert, vier Jahre dauerte die Facharztausbildung, danach eröffnete er seine Praxis in Deir ez-Zor, eine Stadt im Osten Syriens.

2015 kam er mit seiner Frau und seinen vier Kindern nach Deutschland. Die ersten Wochen war die Familie in Dresden, verbrachte dann einige Monate im Flüchtlingsheim an der Georgewitzer Straße in Löbau. Dann zogen sie nach Weißwasser in eine Wohnung. Bei verschiedenen Stellen besuchten sie die Sprachkurse. „Schwierig war, dass wir dort wenig Kontakte hatten“, erzählt Jamal Aldin Alsulaiman. Es gab einmal pro Woche die Unterrichtsstunde, die Familie kaufte Sprachbücher und CDs, lernte vieles selber, aber die Sprachpraxis fehlte, erzählt er. 2017 zog die Familie nach Görlitz um. Die Kinder besuchen hier die DPFA-Regenbogen-Grundschule und die Melanchthon-Oberschule. „Die sprechen mittlerweile besser Deutsch als meine Frau und ich. Sie korrigieren uns immer, beim Ö und Ü“, erzählt er mit einem Schmunzeln. „Wir haben hier viele Menschen kennengelernt, die uns geholfen haben.“ Nicht zuletzt die Leute beim Jobcenter, „sie haben uns viele Steine aus dem Weg gerollt“.

Oder auch Siri Zuchold, die Leiterin der DPFA-Weiterbildung in Bautzen und Görlitz. Bei der DPFA hat Jamal Alsulaiman sich auf die Fachsprachenprüfung und nun auf die C2-Prüfung vorbereitet. Siri Zuchold kennt auch die Geschichte, warum die Familie aus Syrien geflohen ist: In seiner Praxis hat Jamal Alsulaiman Kriegsverwundete behandelt, er wurde verhaftet, für zwei Wochen in einem Gefängnis inhaftiert und gefoltert. Bereits 2013 hatte beispielsweise RP online darüber berichtet, dass Ärzte in Syrien enormen Gefahren ausgesetzt sind, wenn sie Regime-Gegner behandeln. Kurze Zeit später schlug in einer Kriegsnacht direkt am Haus der Familie eine Bombe ein, der Familienwagen brannte komplett aus, erzählt Siri Zuchold.

„Ich möchte eigentlich nicht zurückschauen“, sagt Jamal Aldin Alsulaiman. „Dann würde ich nur sehr traurig aus unserem Gespräch rausgehen, das möchte ich nicht.“ Seine Hände zeigt er kurz. Um beide Gelenke herum ziehen sich Narben. „Das ist im Gefängnis passiert“, sagt er.

Immer größere Angst

Eine kurze Weile blieb die Familie noch in Deir ez-Zor. „Wir hatten sogar ein neues Auto gekauft“, sagt Jamal Alsulaiman. „Aber die Situation wurde immer unsicherer, die Kinder hatten Angst. Wir sind dem Tod eigentlich jeden Tag begegnet.“ Natürlich denke er oft zurück, „aber ich konzentriere mich jetzt auf das Leben hier“.

Und das bedeutet im Moment: Warten auf eine Zusage als Arzt auf Berufszulassung. Es braucht einen langen Atem, bestätigt Siri Zuchold. Vieles habe sich seit 2015 besser eingespielt. „Das Görlitzer Jobcenter ist zum Beispiel sehr kooperativ“, erzählt sie, „da findet sich immer eine Lösung.“ Der einzige Akademiker ist Jamal Alsulaiman in ihren Kursen nicht. „Im Moment lernen bei uns auch eine Juristin aus dem Iran und ein Literaturwissenschaftler aus Afghanistan“, erzählt sie. „Aber auch bei denen, die keine solche Ausbildung haben, merkt man meistens: Die wollen sehr. Natürlich gibt es auch welche, bei denen das weniger der Fall ist“, aber das sei selten geworden. Dennoch, manche Hürde findet sie auch heute noch zu hoch. „Hier bei uns gehen die Ärzte in Rente, finden keinen Nachfolger. Und Herr Alsulaiman hätte ja überhaupt kein Problem damit, im ländlichen Raum zu arbeiten.“ Sie hofft sehr mit ihm, dass es mit der gesuchten Stelle klappt. „Ich kann verstehen, dass Kliniken wirtschaftlich arbeiten müssen“, sagt Siri Zuchold. „Aber ich finde, es müsste von staatlicher Seite eine Unterstützung für die Krankenhäuser geben, dass sie öfter Ärzten wie Herrn Alsulaiman eine Möglichkeit geben können.“

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