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Hoch auf dem gelben Wagen

Seit Freitag verbindet der Postbus Görlitz mit Berlin, dem Ruhrpott und Köln. Die SZ begleitete die Jungfernfahrt.

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© nikolaischmidt.de

Von Tilo Berger

Verdammt lang her“, heißt ein Titel der Kölner Rockgruppe BAP. Verdammt lang her, dass Görlitzer ohne umzusteigen mit dem Zug nach Köln, Berlin oder in andere Metropolen fahren konnten. Seit Freitag ist das wieder möglich – nicht mehr auf der Schiene, sondern per Bus. Genauer gesagt, per Postbus der Deutschen Post AG.

Jungfernfahrt für den ersten Fernbus ab Görlitz: Am gestrigen Freitag war es so weit.Fotos: Nikolai Schmidt
Jungfernfahrt für den ersten Fernbus ab Görlitz: Am gestrigen Freitag war es so weit.Fotos: Nikolai Schmidt © nikolaischmidt.de

Der gelbe Reisebus zieht am Freitagmorgen in Görlitz viele Blicke auf sich. Am Vorabend hatten die beiden Busfahrer Heinrich Slaba und Mahmood Nahbani den Postbus von Köln in die Neißestadt gebracht und hier im Hotel übernachtet. Kurz nach 8 Uhr am Freitag fahren sie am Südausgang des Görlitzer Bahnhofes vor. Hier wartet schon Oberbürgermeister Siegfried Deinege. Mitfahren will er nicht, aber den Fernbus zu seiner ersten Tour ab Görlitz verabschieden. Er sieht den Bus vor allem als preisgünstiges und umsteigefreies Angebot für Touristen, Studenten und Pendler. „Und es kann der Bahn nichts schaden, wenn sie Konkurrenz hat“, sagt der frühere Manager des Schienenfahrzeugbauers Bombardier Transportation. Deinege hat bereits seine Tochter in Düsseldorf verständigt, dass sie jetzt ohne umzusteigen in die alte Heimat und zurück reisen kann.

Zur Jungfernfahrt ab Görlitz haben sich fünf Reisende eingefunden, Presseleute nicht mitgezählt. Postbus-Geschäftsführer Joachim Wessels hätte sich über mehr Mitfahrer gefreut, ist aber nicht unzufrieden: „Es ist eben wie bei jedem neuen Angebot: Es muss sich erst mal herumsprechen.“

Eine der fünf Reisenden ist die junge Görlitzerin Laura Müller. Sie will privat nach Berlin und musste nicht lange überlegen, ob sie wie bisher mit dem Zug fährt oder den Postbus nimmt. Mit dem Zug müsste sie in Cottbus umsteigen und würde ohne Bahncard 44 Euro bezahlen, die Fahrt mit dem Postbus kostet sie 8,90 Euro, und als Sahnehäubchen gibt’s kostenloses Internet. „Das sind unsere Einführungspreise“, erklärt Geschäftsführer Wessels. Kurze Strecken wie von Görlitz, Bautzen oder Hoyerswerda nach Berlin kosten bis Ende Juni 8,90 Euro, mittlere Strecken wie nach Magdeburg 12,90 Euro, der lange Kanten bis nach Köln 19,90 Euro.

Was die Fahrkarten ab Juli kosten, lässt Wessels noch offen. „Aber generell gilt: Je eher Reisende buchen, umso günstiger kommen sie. Wer am Reisetag spontan zum Bus kommt, bezahlt wahrscheinlich mehr.“ Er rät, Fahrkarten immer möglichst im Voraus zu kaufen. Das geht im Internet, über Telefon und in rund 12 000 Postfilialen in ganz Deutschland. Und natürlich verkaufen auch die Busfahrer Tickets – sofern die 53 Sitzplätze noch nicht ausgebucht sind. Stehplätze werden ebenso wenig angeboten wie Fahrkarten für Strecken unter 50 Kilometer – das verbietet ein Gesetz. Wer also beispielsweise mit dem Postbus nur von Bautzen nach Hoyerswerda will, bekommt dafür weder im Vorverkauf noch vom Busfahrer ein Ticket. – 8.20 Uhr müsste der Postbus in Görlitz starten, er tut es acht Minuten später – wegen des Presse-rummels. Heinrich Slaba bittet die Fahrgäste, sich anzuschnallen und die Toilette nur sitzend zu benutzen, dann steuert er den Bus zur Autobahn. So weit östlich waren er und sein Kollege Mahmood Nahbani mit dem Bus noch nie. Der Hannoveraner und der Kölner fuhren bisher die Postbus-Strecke zwischen dem Rheinland und Berlin. Slaba wird an diesem Freitag bis Hannover am Lenkrad sitzen, mit einer längeren Pause in Berlin. In Hannover übernimmt Nahbani, der sich selbst „eingedeutschter Iraner“ nennt.

9.08 Uhr erreicht der gelbe Bus den Bautzener Busbahnhof – drei Minuten nach der geplanten Abfahrtszeit. Busfahrer Slaba bleibt ganz ruhig. „Wenn es gut läuft, holen wir das unterwegs allemal wieder auf.“ Selbst 15 Minuten Verspätung gelten bei Fernbussen immer noch als pünktlich. „Unsere Busse sind zu mehr als 90 Prozent pünktlich am Ziel“, macht Joachim Wessels etwas Eigenwerbung. – In Bautzen steigen zwei Frauen zu. Erna Kubisch und Karin Schuppan wollen nach Berlin. „Das ist doch günstig, da muss ich unterwegs nicht umsteigen“, sagt Karin Schuppan, die ihren Sohn in der Hauptstadt besuchen möchte. Auf der Bundesstraße 96 zwischen Bautzen und Hoyerswerda zuckelt der Bus hinter einem tschechischen Brummi her. Hier wird Heinrich Slaba die Verspätung nicht aufholen können. Beim Zwischenstopp am Lausitzer Platz in Hoyerswerda fragt er die Fahrgäste, ob jemand etwas knabbern oder trinken will. Doch im Moment braucht niemand etwas. Große Mahlzeiten hat der Postbus nicht an Bord, aber Müsliriegel, Marmorkuchen oder auch Erdnüsse allemal. Wer Durst hat, kann beispielsweise zwischen Mineralwasser, Kaffee und Bier wählen.

Zwischen Hoyerswerda und Cottbus sind kaum Lkws unterwegs, der Busfahrer gibt Gas. Unterdessen übt Post-Pressesprecherin Tina Birke den Zungenbrecher vom Cottbuser Postkutscher, der den Postkutschkasten blank putzt. Und in der Tat: Am Cottbuser Busbahnhof, den Heinrich Slaba übrigens auf die Minute pünktlich erreicht, steht auch schon der Cottbuser Postkutscher und überreicht dem Postbus-Team zur Jungfernfahrt einige Souvenirs.

Der Bus rollt weiter, nach Zwischenstopps in Berlin, Magdeburg, Hannover, Duisburg und Düsseldorf soll er gegen 22 Uhr Köln erreichen. Der Gegenbus ist 8.15 Uhr in der Domstadt gestartet und soll 22 Uhr in Görlitz ankommen. In Richtung Westen rollt der Bus täglich außer mittwochs, nach Görlitz ist dienstags Pause. Ab 11. Juni soll es täglich noch eine zweite Verbindung zwischen Görlitz und der Domstadt Köln geben – über Dresden, Jena, Kassel und Dortmund.

Vorverkauf Tickets: www.postbus.de, telefonisch über die gebührenpflichtige Nummer 01806 972797.