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Hoch die Tassen!

Auf dem Striezelmarkt sind 100.000 Glühweinpötte in Umlauf. Michael Andresens Team erledigt diesen riesigen Abwasch.

Von Nadja Laske
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Rund 100 Kilo schwer ist Sebastians voll beladene Sackkarre. Der 33-Jährige liefert saubere Glühweintassen und holt schmutzige ab. Das muss im Eiltempo gehen, auch wenn die Striezelgassen verstopft sind.
Rund 100 Kilo schwer ist Sebastians voll beladene Sackkarre. Der 33-Jährige liefert saubere Glühweintassen und holt schmutzige ab. Das muss im Eiltempo gehen, auch wenn die Striezelgassen verstopft sind. © Christian Juppe

Sie tragen Arbeitshose und robuste Jacke, und statt eines Sackes auf dem Rücken, schieben sie Sackkarren vor sich her. Darin: zerbrechliche Ware, blitzblank oder von süßen Neigen verklebt. Tassen, die der Spülmaschine zustreben oder von dort kommen. Michael Andresen und sein Team sorgen auf dem Striezelmarkt dafür, dass jeder Glühwein, jeder Punsch, jeder Tee in eine saubere Tasse fließen kann, und bewältigt dafür einen Abwasch der Superlative.

In Kinderbüchern kuscheln sich Wichtel in roten Samt. Hier braucht‘s Engelbert Strauss. Denn wer bei Kälte und Wind den ganzen Tag auf dem Altmarkt unterwegs ist, kann nicht niedlich aussehen. Doch wie es von den Gehilfen des Weihnachtsmannes bekannt ist, arbeiten auch die Mitarbeiter der Firma cup&more wie die Heinzelmännchen im Hintergrund – und bewegen dabei Tausende Tassen von A nach B und wieder zurück.

A wie Ausgangspunkt: Das sind drei Container im Windschatten der Kreuzkirche. Sie wurden speziell ausgestattet und zusammen mit der übrigen Ladung auf sechs Lkw von Hamburg nach Dresden gebracht. Im Inneren befindet sich Michael Andresens Hochleistungswaschanlage, mit der er 8.000 Tassen pro Stunde säubern kann. Diese Art Mehrweglogistik ist seine Entwicklung, die einst begann, als der gebürtige Bad Segeberger sich über den faden Nachgeschmack einer an sich gelungenen Veranstaltung ärgerte. Das liegt schon mehr als 30 Jahre zurück. Damals war er noch Vorsitzender der Segeberger Kreislandjugend und hatte ein Festival mitorganisiert. „Noch Tage später beschwerten sich Anwohner darüber, dass sie Plastiktrinkbecher in ihren Vorgärten gefunden haben. Da dachte ich: Das kann nicht die Lösung sein, es muss ein Mehrwegsystem geben!“

Pro Stunde wäscht Michael Andresens Superspülmaschine 8000 Tassen. Der Chef der Firma cup & more begann vor 30 Jahren, sich auf die Reinigung von Mehrweggeschirr zu spezialisieren.
Pro Stunde wäscht Michael Andresens Superspülmaschine 8000 Tassen. Der Chef der Firma cup & more begann vor 30 Jahren, sich auf die Reinigung von Mehrweggeschirr zu spezialisieren. © Christian Juppe

B wie Bude: Dort wird gebraucht, was Andresen inzwischen drei Jahrzehnte konzipiert, entwickelt, etabliert und lizenzieren lassen hat – ein hocheffizienter Geschirr-Kreislauf. Auf dem Dresdner Striezelmarkt beginnt er mit der Lieferung der bestellten Tassen bis an die Hüttentür. 100.000 Stück hat Michael Andresen mit nach Dresden gebracht. Zu achtundzwanzigst stehen sie kopfüber in grauen Plastikboxen und werden am Spülstandort auf Sackkarren geladen. Schützend umhüllt von einer Plane rollen sie dann auf kürzestem Weg zum Besteller, mit Bedacht aber energisch gezogen und geschoben von einem sogenannten Runner.

Das sind Kollegen wie Sebastian. Mit voll beladener Karre bricht er gerade zum Altmarkt auf. Rund 100 Kilo schwer ist seine Fracht. Es nieselt und das Pflaster glänzt nass. In den Striezelgassen stehen die Leute mit ins Gesicht gezogenen Kaputzen. So weit es geht, meidet der Tassentransporteur die Enge des Marktes. „Ich laufe außen herum und stoße erst in Standhöhe ins Getümmel“, erklärt er. Vor jeder Kabelschwelle stoppt er sanft ab und zieht die Gummiräder rückwärts darüber. Ein hoher Bordstein macht ihm zu schaffen, doch der

33-Jährige hat auch da den Dreh raus. „Die Leute machen meistens sehr freundlich Platz, wenn ich komme“, sagt er. Nur bei Regen seien sie zu sehr mit sich beschäftigt. Sebastian liefert seine sauberen Tassen ab und bestückt die Karre mit schmutzigen. Gut eine viertel Stunde hat er dafür gebraucht.

Am Ende der Weihnachtszeit werden die Striezelmarkttassen rund 800.000 Mal kreuz und quer über den Markt transportiert und gespült worden sein. Und nur ganz wenige davon haben keinen Inhalt erlebt. Das kann eigentlich nur passieren, wenn ein Händler seine sauberen Tassen länger als drei Tage unbenutzt stehen lässt. „Jede Transportstiege hat einen eigenen Barcode“, erklärt Michael Andresen. Über diese Kennziffer können er und seine Kollegen der logistischen Schaltzentrale auf ihren Bildschirmen genau sehen, welche Kiste welchem Händler wann wohin geliefert wurde. Retour ebenso. Die gesamte Zirkulation inklusive eventueller Irrwege lässt sich per Computer überwachen. Sollte eine Tassenlieferung doch mal aus Versehen im falschen Stand gelandet sein, bekommt der Chef vom Dienst darüber Meldung. Auch eine zum Beispiel ausgeliehene Tassen-Kiste, die von einem anderen Händler als vorgesehen zurückgegeben wird, bleibt dem System nicht verborgen. Fast logisch, dass es auch merkt, wenn Tassen gar nicht bewegt werden. „Dann informieren wir den Kunden rechtzeitig und bitten ihn, die Tassen vor der Dreitagesfrist auszureichen. Sonst müssen sie zurück in die Spülmaschine“, erklärt Andersen. Meist passiere das, wenn Glühweinverkäufer in der Eile immer die Tassen aus der obersten Stiege nehmen. So leeren sich die darunter nicht.

Die magischen drei Tage haben hygienische Gründe. So sichert cup&more ab, dass das Geschirr immer frisch ist. „An Samstagen braucht eine Tasse gerade mal eine halbe Stunde vom Verkaufsstand zum Spülen und zurück.“ Die kommt noch warm vom Trocknen wieder beim Verkäufer an, so groß ist der Umschlag an den Wochenenden. Dafür braucht es dann aber auch ein zehnköpfiges Team. Eine Stunde maximal darf es laut Vertrag von Bestellung bis Lieferung dauern.

Erschwerte Bedingungen haben die Tassenlieferanten nun allerdings durch all die Sicherheitsmaßnahmen rund um den Striezelmarkt. Die Zugänge am NH-Hotel – Haupteinflugschneise der Runner – sind so beengt, dass entweder zwei Marktbesucher hindurch passen oder eine Sackkarre. Andresens Computersystem hat errechnet, dass im Vergleich zu früheren Jahren seine Leute im Schnitt sieben Minuten länger pro Tour brauchen. Das bedeutet für ihn, gerade an Wochenenden muss er zwei bis drei Transporteure zusätzlich beschäftigen.

Michael Andresen, Logistiker aus Leidenschaft, versorgt den Dresdner Striezelmarkt nun das vierte Jahr mit sauberen Tassen. In Zusammenarbeit mit Kunststoffherstellern, Glasproduzenten und Spülmittelentwicklern erarbeitet er immer bessere Mehrwegmaterialien für die Gastronomie. Auf den Festivals Rock am Ring und Wacken Open Air fließt das Bier in seine Mehrwegbecher. Das ist die Zukunft, und auf die ist der Hamburger vorbereitet: „Wenn Dresden sich entschließen würde, stadtweit ein einheitliches Mehrwegsystem für Café to Go einzuführen“, sagt er, „dann bräuchte ich nur vier Wochen Zeit, um das zu realisieren.“