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Hoch zu Rad

170 Jahre Sportgeschichte in Großenhain werden in einer lebhaften und anschaulichen Sonderausstellung gezeigt.

Die Sonderausstellung „Großenhain bewegt sich“ ist eröffnet. Jens Bemme von der Sächsischen Universitäts- und Landesbibliothek Dresden hielt den Einführungsvortrag.
Die Sonderausstellung „Großenhain bewegt sich“ ist eröffnet. Jens Bemme von der Sächsischen Universitäts- und Landesbibliothek Dresden hielt den Einführungsvortrag. © Foto: Kristin Richter

Als die Velocipede, die Schnellfüße, in Großenhain auftauchten, suchten manche Großenhainer noch ängstlich das Weite. Jene ersten schweren Vehikel aus Holz und Eisen verbot die Polizei vor 150 Jahren auf Fußwegen und Promenaden. Doch Kaufmann Quaas und andere mutige Kaufleute zeigten mit ihrem Fahrradclub, dass man sich nicht nur in Kutschen schneller als zu Fuß fortbewegen kann. In den 1860er Jahren begann das gemeinschaftliche Radfahren in Großenhain, und die Turnvereine waren sogar noch eher da: ab 1846. Fußball allerdings wurde erst in den 1930er Jahren vereinsmäßig gespielt – im Rahmen eines Turnvereins. Diese vielseitige und illustre Geschichte, wie sich Großenhainer einst bewegten, kann man seit Sonntag im Museum Alte Lateinschule nachvollziehen.

Museale Schätze kommen dabei zum Vorschein. So ein Hochrad, der Nachbau eines ganz alten Holzrades und manch anderes nostalgisches Gefährt. Dazu prächtige Vereinsstandarten und viele viele Fotos, seltene Dokumente und anschauliche Objekte wie Medaillen und Banner.

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Wie schon die Sonderausstellung zu den musikalischen Vereinen der Stadt, so bietet auch die jetzt eröffnete Schau einen ungeheuer breiten Blick aufs städtische Leben mit interessanten Fakten. Oder haben Sie schon gewusst, dass der Tuchboden im Rathaus zeitweise als Turnhalle diente? Dass bereits 1909 Frauen in Hosen in aller Öffentlichkeit turnten? Ja, dass es 1893 schon eine eigene Turnerinnen-Abteilung in der Stadt gab? Die Turner hatten sich um Emil Reiniger im Gasthof Stern, heute EZG auf der Radeburger Straße, versammelt und versuchten sich im dortigen Garten an Leibesübungen. Der erste Radfahrerverein wurde von Händlern und Handwerksmeistern in der „Goldenen Kugel“ am Hauptmarkt gegründet. Die Allgemeine Radfahrer Union unterhielt ein „Konsulat Großenhain“. Der Arbeiter-Radfahrerverein nannte sich „Wanderlust“. Sieben Fahrradhandlungen gab es einst in der Stadt, 1903 sind sogar 14 Einträge im Adressbuch rund ums Zweirad verzeichnet. 

Tolle Exponate warten nun auf hoffentlich viele Besucher.
Tolle Exponate warten nun auf hoffentlich viele Besucher. © Foto: Kristin Richter

Bei damaligen Saalradfesten im Gesellschaftshaus zählten korrekte Haltung und „gefällige“ Sportkleidung. Den Museumsleuten um Dr. Jens Schulze-Forster ist daran gelegen, nicht nur die Geselligkeit und den Wunsch der körperlichen Ertüchtigung zu zeigen. Deutlich wird auch, dass selbst Sportvereine politischen Charakter hatten. „Sie dienten auch der Erziehung von Freiheitskämpfern zum Beispiel gegen die deutsche Kleinstaaterei“, weiß Oberbürgermeister Sven Mißbach. Er wolle heutzutage mit ordentlichen Radwegen dafür sorgen, dass die Großenhainer öfter klimabewusst aufs Fahrrad umsteigen, sagt er. Der Museumsleiter fuhr selbst neulich mit dem Dienstfahrrad der Stadt und merkte, dass die Klingel nicht in Ordnung ist. Daher übergab er im Museum an den Rathauschef eine neue – was das Ausstellungspublikum natürlich zum Lachen brachte. Allerdings könne man noch heute mit alten Tourenbüchern Ausflüge machen, so Jens Bemme von der Sächsischen Universitäts- und Landesbibliothek Dresden. Dort kommt natürlich auch Großenhain vor.

Zahlreiche Leihgeber halfen mit, anschauliche Objekte zusammenzutragen, so Steffen Stiller vom Radfahrverein Weinböhla. Steffen Täuber von der Elsterwerdaer Straße stellte die Meisterurkunde seines Großvaters Erhard Täuber zur Verfügung. Urgroßvater Bruno begründete mit seinen Söhnen 1949 das führende Fachgeschäft für Fahr- und Motorräder in Großenhain. Anneliese Heerde erkennt auf einem Foto ihren Vater Kurt wieder, der 1936 am Fackellauf anlässlich der Olympiade teilnahm – ebenso wie ihr Sportlehrer Fritz Mattke. „Ich hab noch den Fackelhalter und sogar ein Stück Fackelstumpf“, sagt Anneliese Heerde. Blond und blauäugig ist ihr Vater auf diesem Foto. Grauhaarig war er, als er 1949 aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte.

Alle, die mit dem Fahrrad zum Museum kommen oder die Mitgliedschaft in einem Großenhainer Sportverein nachweisen, erhalten ermäßigten Eintritt in die Sonderausstellung. Sie läuft bis 10. November.

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