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Hochkultur fürs flache Land

Das Festival Lipa Musica verspricht Musik und Tanz auf höchstem Niveau und kommt damit auch ins Zittauer Gebirge.

Von Steffen Neumann

Keine Angst vor Experimenten. Das könnte das Leitmotiv des tschechisch-deutschen Musikfestivals Lipa Musica sein, das in diesem Herbst zum 16. Mal stattfindet. Didgeridoo, Sopranstimme und Shruti Box treffen auf die hochmittelalterlichen Kodizes von Hildegard von Bingen. Tänzer des Prager Kammerballetts stellen das Mysterium der Zeit dar. Und der Ausnahmeklarinettist Karel Dohnal spielt und tanzt sich durch Ausnahmekomposition von Karlheinz Stockhausen „Harlekin für Klarinette“.

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„Wenn es ein verbindendes Instrument dieses Jahrgangs gibt, dann ist es die Klarinette“, sagt Festivalgründer und -leiter Martin Prokes. Mit diesem Instrument hat Tschechien drei Virtuosen hervorgebracht, die sich alle in diesem Jahr vorstellen.Mit dem bereits erwähnten Karel Dohnal im Textildruckzentrum in Ceska Lipa (Böhmisch Leipa), seinem Kollege Milan Rericha im Jirasek-Theater der Stadt und dem Schloss Decin (Tetschen) dürfen sich Musikliebhaber auf ein Feuerwerk des Solisten Igor Frantisak mit dem tschechischen Barockensemble „Barocco sempre giovane“ freuen. Wer will, findet noch mehr rote Fäden. Radek Baborak ist so einer. Der frühere Solo-Hornist der Berliner Philharmoniker steht für eine Reihe tschechischer Musiker, die im Ausland fast bekannter sind als zu Hause. Zu ihnen gehören neben Baborak der bereits erwähnte Klarinettist Rericha, Alena Leja, das Collegium Marianum sowie der neue Star am Mozart-Himmel, Adam Plachetka. „Um Letzteren zu gewinnen, hat es mehr als zwei Jahre gedauert“, sagt Festivalchef Prokes. Das Publikum im Salda-Theater Liberec kann sich auf eine regelrechte Mozart-Gala von Plachetka freuen, der seit 2010 Ensemble-Mitglied der Wiener Staatsoper ist. Dirigent an diesem Abend ist übrigens Radek Baborak.

Der Hornist tritt nicht nur an drei Konzertabenden auf, sondern arbeitet seit diesem Jahr auch als künstlerischer Garant. Mit dem Kenner der deutschen Musikszene kann sich das Festival noch mehr als grenzübergreifende Veranstaltung profilieren. Sicher kein Zufall, dass Baborak mit dem Bläserquintett „Afflatus“ in der Barockkirche Lückendorf auftritt, die erstmals als Konzertort fungiert. Ceska Lipa ist zwar mit fünf Konzerten das Festivalzentrum. „Eines der Hauptziele des Festivals ist aber die kulturelle Belebung der ländlichen Regionen. Deshalb werden wir immer Konzerte in kleinen Orten ausrichten“, erinnert Prokes an einen Grundgedanken des Festivals, das seit 2000 mit dem Schwerpunkt geistliche Musik stattfindet.

Ein weiterer ist die Ausrichtung über die Grenzen nach Sachsen sowie die Präsentation deutscher Musiker und Ensembles. In den drei weiteren Konzerten in Sachsen können Zuhörer großartige Chorensembles wie Schola Gregoriana Pragensis (Dresden), Martinu Voices (Waltersdorf) und Collegium Floreum (Zittau) erleben. Umgekehrt treten an tschechischen Orten deutsche Künstler auf. Mit der Organistin und Cembalistin Barbara Maria Willi lebt eine von ihnen sogar in Tschechien. Sie begleitet in Jezve (Neustadtl) den Tenor Markus Brutscher zu Bach-Kantaten. In Litomerice (Leitmeritz) gastiert der Freiberger Domorganist Albrecht Koch und in Ceska Lipa das deutsche Flamengo-Duo „Café del Mundo“.

Wer sich auf das Festival einlässt, lernt nicht nur neue Musik kennen, sondern auch neue Spielorte. Denn das Festival macht sich auch um den Erhalt sakraler Räume verdient. Angst vor Experimenten ist da auch für die Zuhörer fehl am Platz.