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Die Stromkletterer von Heidenau

Durch den Landkreis verläuft eine Energie-Autobahn. Unwetter könnten ihr gefährlich werden. Jetzt wird vorgebaut.

Funkenregen an der Stromautobahn: Monteure trennen Teile des veralteten Masts Nummer 7 ab. Der Stahlriese gehört zur Hochspannungsleitung, die von Dresden in den Raum Chemnitz führt.
Funkenregen an der Stromautobahn: Monteure trennen Teile des veralteten Masts Nummer 7 ab. Der Stahlriese gehört zur Hochspannungsleitung, die von Dresden in den Raum Chemnitz führt. © Daniel Schäfer

Wenn Roman Beu zur Arbeit kommt, hört man das schon von Weitem. An seinen Hüften klimpern und klappern massenweise Ösen und Karabinerhaken. Die sind seine Lebensversicherung. Sein Arbeitsplatz ist da, wo sonst nur die Krähen sitzen oder der Wanderfalke. Roman Beu ist Freileitungsmonteur. Er muss nicht nur Ahnung vom Strom haben und vom Metallbau. Er muss auch seine Gedanken zusammennehmen: Nichts vergessen, was er oben braucht, und unten lassen, was überflüssig ist. Mal schnell aufs Klo rennen geht nicht. Erst in fünf Stunden wird Beu wieder auf der Erde stehen.

Zu Beus Baustelle am Hang über Heidenau führt ein Band aus schimmernden Aluminiumplatten. Es führt mitten durch eine Pflaumenplantage. Eine paar Bäume haben dafür weichen müssen. Aber ohne Straße geht es eben nicht. Einen Freileitungsmast aufzurichten, ist kein Pappenstiel. Siebzig Meter hoch wird die Gitterkonstruktion werden. Autokran und Hebebühne sind obligatorisch. Heute aber wird nichts aufgebaut, sondern etwas abgerissen. Der alte Mast, vom neuen schon halb umschlossen, muss gekappt werden, damit der Neubau weiter wachsen kann.

Aufsteigen zum Absägen: Freileitungsmonteure der Firma Cteam aus Oberschwaben erklettern den ausgedienten Mast Nummer 7 bei Heidenau, um Spitze und Traversen zu kappen. Danach wird der Neubau, hier als eine Art Umhüllung schon zu erkennen, vollendet.
Aufsteigen zum Absägen: Freileitungsmonteure der Firma Cteam aus Oberschwaben erklettern den ausgedienten Mast Nummer 7 bei Heidenau, um Spitze und Traversen zu kappen. Danach wird der Neubau, hier als eine Art Umhüllung schon zu erkennen, vollendet. © Daniel Schäfer

Torsten Wollrab, schlacksig, sonnengebräunt, mit Pferdeschwanz unterm Helm, beobachtet den Aufstieg der Spezialisten. Für diese Arbeit muss man gemacht sein, sagt er. Oft sind schon die Väter auf solche Masten gestiegen. „Das sind Freileitungsmonteure mit Herzblut.“ Mit Herzblut und, vor allem, mit Teamgeist. „Die Jungs verstehen sich blind.“

425 Freileitungsmasten werden ausgetauscht

Energie-Elektroniker Wollrab koordiniert dieses Bauprojekt für den Auftraggeber, die Firma 50hertz mit Zentrale in Berlin. 50hertz ist eins der vier Unternehmen, die das deutsche Übertragungsnetz für Höchstspannung betreiben, die Stromautobahnen sozusagen. Auf diesen Autobahnen muss es rollen, effizient und sicher. Das geht nur mit stabilen Stützen. 50hertz hat sich vorgenommen, in seinem Gebiet – von der Ostsee bis zum Thüringer Wald – 425 Freileitungsmasten auszuwechseln. Weitere 2.400 sollen verstärkt werden. Eine Investition in dreistelliger Millionenhöhe.

So macht die Arbeit Laune: Bei Sonnenschein und moderatem Wind steigt Monteur Roman Beu auf den Freileitungsmast bei Heidenau. Fünf Stunden wird er da oben bleiben.
So macht die Arbeit Laune: Bei Sonnenschein und moderatem Wind steigt Monteur Roman Beu auf den Freileitungsmast bei Heidenau. Fünf Stunden wird er da oben bleiben. © Daniel Schäfer

Auch durch den Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge führt eine Stromautobahn. Die 380-Kilovolt-Trasse verbindet die Umspannwerke von Dresden-Süd und Röhrsdorf bei Chemnitz. Zurzeit ist sie stillgelegt. Bis August werden hier 25 Masten ausgewechselt. Auch Mast Nummer 7 in der Pflaumenplantage bei Heidenau ist dabei, seine Nachbarn ebenfalls. Das hat System. Speziell die neuralgischen Punkte will 50hertz absichern, in diesem Falle die Autobahn A17, die Bundesstraße B172 und die Bahnlinie durch das Elbtal.

Die alten Masten, errichtet noch in der DDR-Zeit, kommen an ihre Grenzen. „Die Anforderungen an das Netz-System sind gestiegen“, sagt Volker Gustedt, Sprecher bei 50hertz. Das hat vor allem mit Wetterextremen zu tun. Bereits bei Sturm „Kyrill“ 2007 waren diverse Masten im 50hertz-Gebiet umgebrochen. In den folgenden Jahren gab es weitere Umbrüche durch lokale Wirbelstürme und Fallwinde. Die Masten knickten im oberen Bereich ab. Manche fielen sogar samt ihrer Fundamente um, so groß waren die Gewalten.

Geschafft: Eine Hälfte der oberen Traverse hängt frei am Haken des Autodrehkrans und wird behutsam abgelassen.
Geschafft: Eine Hälfte der oberen Traverse hängt frei am Haken des Autodrehkrans und wird behutsam abgelassen. © Daniel Schäfer

Beim neuen Mast 7 wird das nicht passieren. Der Bau ist mithilfe einbetonierter Stahlstreben verankert, die zwanzig Meter in die Tiefe, bis hinab in den gewachsenen Sandstein, reichen. Der alte Mast hatte nur zwei Meter zwanzig Fundament unter sich. Auch seine Standfläche ist kleiner, beträgt etwa neun mal neun Meter. Mit 14 mal 14 Metern umschließt ihn die neue Gitterkonstruktion bequem.

Einen Mast neu aufzubauen, dauert etwa fünf Wochen. Jede Strebe, jede Schraube, jeder Sprengring wird lose angeliefert. Am Boden setzen die Monteure die Einzelteile zu Segmenten zusammen, die dann mittels Kran aufgetürmt werden. Etwa dreißig Meter hoch ist Mast 7 inzwischen geworden. Zeit für den Vorgänger, in handliche Stücke zerlegt zu werden.

Gelandet: Das tonnenschwere Bauteil hat den Erdboden erreicht und wird von der Bodencrew in Empfang genommen. Ihm steht die Verschrottung bevor.
Gelandet: Das tonnenschwere Bauteil hat den Erdboden erreicht und wird von der Bodencrew in Empfang genommen. Ihm steht die Verschrottung bevor. © Daniel Schäfer

Die Crew ist inzwischen aufgestiegen. Jetzt hängen die Männer bei der oberen Traverse des Mastes und werfen die Trennschleifer an. Funken sprühen. Nur gut, sagt Torsten Wollrab, dass die Baustelle nicht in einem Acker mit vollreifem Korn liegt, wie es manchmal vorkommt. „Ein Feldbrand ist kein Spaß.“ Ist die Feuergefahr zu groß, hat der „Mutternknacker“ seinen Einsatz. Er zerstört die Schraubverbindungen auf kaltem Wege, hydraulisch.

Hochspannender Brutplatz für Fischadler

Zu tragen haben die Traversen nichts mehr. Die Leiterseile, also die Stromleitungen, ruhen längst auf eigens zu diesem Zweck erbauten Gerüsten. Nur wenige Augenblicke vergehen, und die erste Traversenhälfte schwebt am Kranhaken der Erde und damit ihrer Verschrottung entgegen.

„Es gibt immer genug Brot.“ Der Energie-Elektroniker Torsten Wollrab koordiniert und kontrolliert für den Netzbetreiber 50hertz das Baugeschehen.
„Es gibt immer genug Brot.“ Der Energie-Elektroniker Torsten Wollrab koordiniert und kontrolliert für den Netzbetreiber 50hertz das Baugeschehen. © Daniel Schäfer

Koordinator Wollrab hat inzwischen schon wieder ausgiebig in sein Handy gesprochen. Diesmal wegen ein paar Nisthilfen für Vögel. Strommasten sind auch Lebensräume. In manchen Gegenden sogar für Fischadler. 

Was wird, wenn einmal alle Masten erneuert oder verstärkt sind? Dann wird kontrolliert. Dass alles auch fest sitzt, nichts rostet und die Bäume den Leitungen fern bleiben. Wollrab macht sich keine Sorgen. „Es gibt immer genug Brot.“

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