merken
PLUS Döbeln

Waldheimer Flutbaby ist jetzt 18 Jahre alt

Jessica Hofmann wurde in den Wirren der Katastrophe 2002 geboren. Trotzdem ist sie nicht wasserscheu.

Jessica (rechts) und Antje Hofmann stehen unterhalb der Heiste in der Waldheimer Niederstadt. Die wurde samt des darüber befindlichen Spielwarenladens kurz vor Jessicas Geburt im Jahr 2002 überflutet.
Jessica (rechts) und Antje Hofmann stehen unterhalb der Heiste in der Waldheimer Niederstadt. Die wurde samt des darüber befindlichen Spielwarenladens kurz vor Jessicas Geburt im Jahr 2002 überflutet. © Lars Halbauer

Waldheim. Sie liebt Wasser. „Ich bade gern im Meer“, sagt Jessica Hofmann. Auch deshalb hat sie ihren 18. Geburtstag gemeinsam mit den Eltern und Großeltern am Balaton in Ungarn gefeiert.

Wasser gab es auch kurz vor ihrer Geburt am 14. August 2002. Viel zu viel Wasser. Wie war das damals, als die Zschopau nach starken Regenfällen über die Ufer trat und scheinbar unaufhörlich anschwoll? „Chaotisch“, sagt Jessica, die diese Zeit nur aus Erzählungen kennt.

Anzeige
Nicht lange warten, ab ins neue Heim!
Nicht lange warten, ab ins neue Heim!

Schauen, beraten lassen, mit dem Bauherren sprechen. Kommen Sie zu der Baustellenbesichtigung in Nossen am 27. September 2020

Ihre Mutter Antje Hofmann erinnert sich so genau, als ob das Hochwasser erst gestern über Waldheim hereingebrochen wäre. Mit ihrem Mann Bernd hat sie von der Niederstadtbrücke aus den steigenden Pegel des Flusses beobachtet. „Da hat die Brücke schon gezittert“, sagt Antje Hofmann. Überall sind Sandsäcke verteilt worden. Aber die konnten nichts mehr retten.

Wasser dringt schnell in Geschäft

Obwohl der Spielzeugladen, den Familie Hofmann führt, auf der Heiste und damit etwa zwei Meter über der Straße liegt, ist das Wasser schnell in das Geschäft eingedrungen. Zuerst durch die hintere Tür. Letztendlich stand es etwa einen Meter hoch im Laden.

Am Abend zog Familie Hofmann zu den Großeltern in die Bergstraße. In der folgenden Nacht kamen die Wehen. Aber nicht aufgrund der Aufregung durch die Flut. Es war in etwa Jessicas errechneter Geburtstermin.

„Mein Mann hat mich nach Leisnig ins Krankenhaus gebracht. Bis dorthin sind wir auch gut durchgekommen“, sagt Antje Hofmann. Am nächsten Tag erzählte Bernd Hofmann der fünfjährigen Michelle, dass sie nun eine große Schwester ist. „Sie war mächtig stolz“, erinnert sich ihre Mutter. Dass die Familie gerade zu diesem Zeitpunkt gewachsen ist, „war das Positivste an der Situation.“

Antje Hofmann brachte Jessica am 14. August 2002 zur Welt. Die Kleine ging als Flutbaby in die Geschichte ein.
Antje Hofmann brachte Jessica am 14. August 2002 zur Welt. Die Kleine ging als Flutbaby in die Geschichte ein. © Jens Hoyer

Deprimierende Situation

Täglich haben Bernd und Michelle Hofmann die junge Mutter und das Baby im Krankenhaus besucht. Dabei konnte der Vater kaum etwas Gutes aus Waldheim berichten. Im Geschäft war ein Regal mit Farben umgefallen, die die Wände bunt gefärbt haben. Die Platten der Fußbodenheizung schwammen einzeln durchs Geschäft. Unter dem befand sich Felsen, der ausgespült wurde. Dadurch hat sich das Schaufenster verschoben. Später war eine umfangreiche Sanierung des Hauses notwendig.

„Man vergisst nicht, wie die Stadt ausgesehen hat. Das war deprimierend“, so Antje Hofmann. Und täglich musste sie zweimal mit dem Kinderwagen und Jessica an den Müllbergen vorbei, die die Menschen aus ihren Häusern geräumt haben. Immer dann, wenn sie Michelle in die Kita Zschopauknirpse brachte oder von dort abgeholt hat.

Im Spielzeugladen groß geworden

Das Laufgitter von Jessica stand im Spielwarenladen. Sie ist quasi zwischen Spielzeug groß geworden. „Das war toll. Ich hatte Spielzeug im Überfluss“, sagt die 18-Jährige. Am liebsten hatte sie Barbies und Playmobil. Die drohten im Jahr 2013, zur zweiten Flut, wieder wegzuschwimmen. Die Situation beschreibt Jessica mit „Angst“. Angst, die sie selbst hatte, und Angst, die ihre Eltern um sie und ihre Schwester hatten. Deshalb wurden beide wieder zu den Großeltern gebracht. Die Eltern sicherten den Laden. Aber diesmal blieb er verschont.

Jessica ist inzwischen eine junge Frau, die sehr genau weiß, was sie will. Die Ferien hat sie genutzt, um das Autofahren zu lernen. Nur noch wenige Fahrstunden trennen sie von der Prüfung. Ab September besucht sie die zwölfte Klasse des Martin-Luther-Gymnasiums Hartha. Dabei hofft sie, wieder richtig in die Schule gehen zu können. Auch, wenn es mit Maske sein müsste. „Das Home-Schooling mochte ich nicht“, sagt sie. Manches sei unübersichtlich gewesen. Und für einige Fächer, wie Mathematik, sei es besser, wenn jemand die Herangehensweise an eine Aufgabe erklärt.

Berufswunsch steht fest

Die Barbie-Zeiten sind Geschichte. Jetzt reitet Jessica, macht Zumba und Yoga und sie ist sehr kreativ. „Ich zeichne gern. Am liebsten mit Acrylfarbe und Kohle“, erzählt sie. Dabei entstehen Porträts, Menschen, Tiere, Landschaften und manchmal Kleidungsstücke. Die näht die junge Frau auch selbst. Deshalb wollte sie lange Zeit Modedesignerin werden.

Sie habe sich auch in dieser Richtung umgeschaut, empfindet den Wunsch inzwischen aber als unrealistisch. Ein Bürojob sei ebenfalls nichts für sie. Ein Praktikum, das sie als Zehntklässlerin in der Röntgenabteilung des Klinikums Döbeln absolviert hat, und mehrere Praktika, die sie selbst organisiert hat, haben sie in ihrem neuen Berufswunsch bestärkt: Gesundheits- und Krankenpflegerin. Für eine solche Ausbildung möchte sie sich an einem Chemnitzer Klinikum bewerben.

Mehr lokale Nachrichten aus Döbeln und Mittelsachsen lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Döbeln