merken
PLUS Löbau

Doppeltes Pech für Schüler-Jahrgang

Vor zehn Jahren vermieste das Hochwasser den Schulanfang, jetzt torpediert Corona die Abschlussparty. Zwei Ebersdorfer erzählen, wie sie sich jetzt fühlen.

Die Schulzeit von Jasper Krenzien - und seinem Bruder Jesse (nicht im Bild) - säumen zwei Krisen: Hochwasser und Corona. Hund Boomer sieht's gelassen.
Die Schulzeit von Jasper Krenzien - und seinem Bruder Jesse (nicht im Bild) - säumen zwei Krisen: Hochwasser und Corona. Hund Boomer sieht's gelassen. © Matthias Weber/photoweber.de

Von ihrer Schulanfangsfeier werden Jasper und Jesse Krenzien wohl ihr Leben lang erzählen können: Das 2010er Hochwasser platschte buchstäblich mitten hinein und machte aus der Familienfeier ein Abenteuer. Über eine offizielle Schulabschlussparty hingegen können sie niemals berichten - sie fiel Corona komplett zum Opfer. Die zwei Ebersdorfer gehören damit zu einem Jahrgang, der sozusagen doppelt gekniffen ist. Empfinden sie das auch so?

Jesse Krenzien überlegt eine Weile. "Das verkorkste Schulende ist schlimmer", sagt der 16-Jährige aus heutiger Perspektive. Er und sein Zwillingsbruder hatten sich schon darauf gefreut: Auf die Abschlussfahrt, die vom 11. bis 15. Mai nach Hamburg führen sollte. Auf den letzten Schultag samt Lehrerfrühstück, das die Abschlussklassen ebenso traditionell geben wie einige lustige Unterrichtsstunden. "Ja, man denkt schon daran, was hätte sein können", sagen die beiden unisono. Es ist immerhin der Abschluss eines großen Lebensabschnitts.

Einkaufen und Schenken
Nur einen Klick entfernt
Nur einen Klick entfernt

Hier erhalten Sie nützliche Tipps und die aktuellsten Neuigkeiten rund ums Thema Einkaufen und Geschenke aus Ihrer Region.

Tante musste zurück nach Hause

Was zum Schulanfang hätte sein können - das beschäftigt die Familie auch in der Rückschau. Denn viele Familien nicht nur in Herwigsdorf, sondern überall im Landkreis Görlitz hat das Hochwasser arg getroffen. "Zum Glück liegen wir in Ebersdorf hoch genug, da bestand keine Gefahr, das wir überflutet werden", skizziert Mutter Steffi Krenzien. Damit war die Familie in diesen Stunden und den folgenden Tagen durchaus privilegiert, während viele andere Sandsäcke schleppten, Wasser aus Kellern pumpten, Schlamm wegputzten oder nur hilflos zusehen konnten, wie ein Teil ihres Lebens unterging. So richtig zum Feiern war den Krenziens auch nicht zumute. Eine Patentante drehte auf dem Weg zur Feier wieder um - sie wohnte in Oderwitz, wo das Landwasser über die Ufer trat und das Regenwasser in Strömen über die Felder rann. Anderen Gästen war der Weg zur Feier abgeschnitten. "Das war schon krass - überall Wasser auf den Wiesen, überall Blaulicht", erinnert sich Jesse Krenzien.

Die Bilder, die sie auf dem Weg von ihrer Grundschule in Herwigsdorf zurück nach Ebersdorf sahen, haben sich eingeprägt. Und auch die Feier in der Schule selbst: "Wir saßen ganz vorn und als die Sirenen losgingen, war der Saal hinter uns schlagartig halb leer, weil viele Feuerwehrmitglieder zum Einsatz mussten", erinnert sich Jesse an den Nachmittag. Seine Eltern hatten in der Turnhalle genau an der Stelle Platz genommen, an der es durch das Dach regnete. Doch die Schule habe das Programm eisern durchgezogen. Die vierten Klassen spielten ein kleines Stück. "Ich weiß noch, wie es darin hieß: ,Lass uns doch ein Picknick machen, das Wetter ist so schön'", erinnert er sich. In den Augen der meisten war das - unabsichtlich - blanker Hohn.

Mit Gummistiefeln durchs Dorf

Der Weg nach Hause war von Feuerwehrabsperrungen und Flatterband gesäumt. "Auch eine Tante der Jungs kam nicht weiter, die Straße von Cunewalde nach Löbau war gesperrt", erinnert sich Steffi Krenzien. Das war doppelt misslich, denn sie hatte das Essen für die Festgesellschaft in ihrem Auto. Über Umwege kam der Schmaus dann doch noch an. Gegessen wurde dann nicht wie geplant im Garten, sondern in der Wohnung. Für die Jungs war der Tag ein großes Abenteuer: "Wir sind in Gummistiefeln dann durchs Dorf gelaufen und haben geschaut, wie die Lage ist", erinnert sich Jasper Krenzien. Bei so viel Aufregung geriet die Zuckertüte selbst fast in Vergessenheit. "Was war denn da drauf?", sagen die beiden und sehen ihre Mutter fragend an. Die lächelt: "Traktoren," sagt sie - und ihre Söhne erinnern sich: "Und ganz oben ein Kuscheltier."

Weiterführende Artikel

Ungeahnte Spuren der Verwüstung

Ungeahnte Spuren der Verwüstung

Im August 2010 verwandelte eine Jahrhundertflut Zittau und seine Umgebung in eine Wasserlandschaft. Eine Kurzchronik der Ereignisse.

Noch immer sind nicht alle Schäden weg

Noch immer sind nicht alle Schäden weg

In Bertsdorf-Hörnitz und anderswo sind alle Zerstörungen der Flut-Katastrophe von 2010 behoben. Andere Orte im Landkreis brauchen dafür noch Jahre.

Das Stiefkind der Hochwasserschützer

Das Stiefkind der Hochwasserschützer

Der Bachlauf der Seltenrein in Löbau ist stellenweise völlig zugewuchert. Bei viel Wasser wirkt das wie eine "Grüne Staumauer".

Zittau unter Wasser - so schlimm sah es aus

Zittau unter Wasser - so schlimm sah es aus

Die Mandau-Stadt gehörte zu denen, die es besonders schwer getroffen hatte. SZ hatte Leser aufgerufen, ihre Fotos von damals zu zeigen.

Heute würden Jasper und Jesse bei Hochwasser wohl selbst mit den Feuerwehrkameraden ausrücken - die beiden sind schon zu Grundschulzeiten in die Wehr eingetreten. "Das lag aber nicht am Hochwasser", stellt Jasper klar. Klar ist hingegen der weitere Weg für die beiden Ebersdorfer - auch wenn Corona das letzte Schulhalbjahr kräftig durcheinandergewirbelt hat: "Wir beginnen eine Ausbildung zum Pflegefachmann im Krankenhaus Oberlausitzer Bergland", sagen die beiden. Und vielleicht holen sie mit ihren Mitschülern in den kommenden Wochen dann doch noch ihre Abschlussparty nach - ganz privat mit gemütlichem Grillen. Wenn es die Corona-Lage zulässt.

Mehr Nachrichten aus Löbau und Umgebung lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Zittau und Umgebung lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Löbau