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Hören ohne Hindernisse

Gudrun Kermel erhielt vor 20 Jahren eines der ersten Hörimplantate in Dresden. Ein Eingriff mit Folgen.

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© sächsische zeitung

Von Juliane Richter

Wenn Gudrun Kermel neue Menschen kennenlernt, hört sie ihnen gern erst einmal einige Minuten zu, beobachtet ihren Mund beim Sprechen und gewöhnt sich an ihre Stimme. In größeren Gruppen kostet es sie etwas Mühe, die einzelnen Stimmen auseinanderzuhalten. Doch ansonsten versteht sie alles. Möglich machen es zwei Cochlea-Implantate, die ihr 1995 und 2006 im Dresdner Uniklinikum eingesetzt worden sind. Elektroden in der Hörschnecke und ein Mikrocomputer in der Schädeldecke ermöglichen dabei das Hören. „Das war eine unglaubliche Steigerung meiner Lebensqualität“, sagt die 54-Jährige. Von Geburt an konnte sie hören, doch als Mittzwanzigerin folgte ein Hörsturz auf den nächsten. Die ehemalige Turmspringerin glaubt, dass der Sport ein Grund dafür war. Mehrere Jahre hat sie sich dann quasi taub durch den Alltag gekämpft. Hörgeräte konnten ihr keine Besserung verschaffen. Also zog sich Gudrun Kermel immer mehr aus dem gesellschaftlichen Leben zurück.

Auch ihren Beruf als Modellmacherin auszuüben, fiel ihr zusehends schwer, Telefonate waren nicht mehr möglich. Als sie vor 20 Jahren durch einen Zeitungsartikel von der neuen Methode der Hörimplantate erfahren hatte, griff sie nach diesem letzten Rettungsanker. „Ansonsten hätte ich Gebärdensprache lernen müssen“. Die erste Operation war aufwendig. Ein gut zehn Zentimeter langer Schnitt vom Ohr über die rechte Schädelseite war nötig, um das erste Implantat einzusetzen. Weil die Haare großflächig abrasiert werden mussten, hat sich Gudrun Kermel danach nur mit Perücke auf die Straße getraut. Aber an das Gefühl, endlich wieder zu hören, erinnert sie sich noch heute. „Da habe ich eine Gänsehaut bekommen“, sagt sie. Die Stromversorgung war damals über ein externes Gerät geregelt, das sie ständig bei sich tragen und dessen große Batterien sie alle drei bis vier Tage wechseln musste. 20 Jahre später ist nur noch ein kleiner Schnitt hinter dem Ohr nötig. Außerdem sitzen kleine Batterien nun in jenem Gegenstück, das ähnlich wie ein normales Hörgerät hinter das Ohr geklemmt wird. Mittels eines Magneten ist es mit dem Implantat in der Schädeldecke verbunden. Löst der Nutzer es vom Kopf ab, wird die Übertragung unterbrochen. Wenn Gudrun Kermel abends ins Bett geht, nimmt sie beide Geräte ab und hört somit absolut nichts mehr. Die Müllabfuhr am Morgen oder störende Bauarbeiten seien kein Problem, sagt sie mit einem Lachen.

Als sie ihr erstes Implantat bekam, wurde das Cochlear Implant Centrum am Uniklinikum gerade erst gegründet. In den ersten Jahren gab es zunächst einzelne Operationen, später waren es zwischen zehn und 20 pro Jahr. Heutzutage operieren die Spezialisten in Dresden bis zu 130 Patienten jährlich. Laut dem ärztlichen Leiter des Zentrums, Professor Dirk Mürbe, reicht die Operation allein aber nicht aus. Beinahe noch wichtiger sei die zugehörige Therapie. Logopäden, Ergo- und Musiktherapeuten gehören zum Angebot. Denn die Geräte müssen richtig eingestellt werden.

Die Implantate sind so zuverlässig, dass sie bei Gudrun Kermel bisher nie gewechselt werden mussten. Nur die Gegenstücke wurden ausgetauscht. „Die heutige Technik ist kleiner, leistungsfähiger und feiner“, sagt Dirk Mürbe. Damit können die Patienten auch ganz andere Ansprüche formulieren. Gerade ältere Menschen, die viele Jahre gut gehört haben, wollen auch wieder Musik hören können. Gudrun Kermel genießt klassische Musik, laute Popmusik ist ihr jedoch zu anstrengend.

Am Sonnabend feiert das Cochlea-Zentrum mit rund 250 ehemaligen Patienten sein 20-jähriges Bestehen. Die Verbindung bleibt, wie bei Gudrun Kermel, immer bestehen. Denn die Ärzte haben ihnen ein großes Geschenk gemacht.