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„Hört ihr Leute, lasst euch sagen ...“

Sie wachen über den nächtlichen Frieden in den Ansiedlungen rund um den Windberg. 1902 verabschiedete sich der letzte Nachtwächter.

Von Heinz Fiedler

Sie haben von Berufs wegen ständig schlaflose Nächte. Ihr Tagewerk beginnt in der zehnten Abendstunde. Bei jedem Wetter brechen sie auf, um bis zum frühen Morgen über Recht und Ordnung zu wachen. Der Ruf des Nachtwächters, den der Mann im Dunkeln meist singend vorträgt, tönt stündlich an allen Ecken und Enden einheimischer Ortschaften. Vorausgeht für gewöhnlich ein Hornsignal. An Stammtischen und Männerrunden macht man sich einen Jux daraus, den Reim des Wächters nachzuahmen:

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„Hört ihr Leute, lasst euch sagen,

zwölfe hat die Glock geschlagen:

Bewahret gut das Feuer und Licht,

dass niemandem ein Schaden geschieht.“

Mit Laterne und Spieß

Meist übernehmen ausgemusterte Soldaten den von Steuergroschen finanzierten Wächterdienst. Reichtümer kann keiner dabei verdienen. Dass Nachtwächter eine gewisse Popularität erlangen, ist wohl vor allem Poeten und Malern zu danken. Sie setzen in ihren Werken immer mal wieder den Männern, die mit Spieß, Laterne und Horn unterwegs sind, so manch künstlerisches Denkmal.

Wächterdienste werden nicht von ungefähr gefordert. An eine elektrische Straßenbeleuchtung ist vor 200 Jahren noch nicht zu denken. Städte und Dörfer liegen in totaler Finsternis. Noch um 1840 lässt die Obrigkeit Gesetze ergehen, die es selbst kleinsten Ansiedlungen zur Pflicht machen, Nachtwächter einzustellen. Ihre Streifzüge, so heißt es in amtlichen Dokumenten, seien bestens geeignet, Diebereien, Rowdytum und unbotmäßigen Lärm heimkehrender Zecher einzudämmen. Überdies falle ihnen die Aufgabe zu, bei auftretenden Bränden, die „Männer an der Spritze“ zu alarmieren.

Keine Ausnahme für Frauen

Wann mögen sich Nachtwächter überhaupt mal aufs Ohr gelegt haben, um fehlenden Schlummer nachzuholen? Tagsüber besteht nur wenig Gelegenheit. In etlichen Orten des Weißeritztales haben die Hüter zeitaufwendige Aufträge zu übernehmen. Man belastet sie mit Botengängen und mitunter sind sie selbst für die Verwaltung des lokalen Polizeiwesens mit zuständig. In Spechtritz, Kleinnaundorf und Birkigt wird die Nachtwache aus Sparsamkeitsgründen im wöchentlichen Wechsel allen Einwohnern zugemutet. Selbst alleinstehende Frauen dürfen sich nicht ausschließen.

Einen gut funktionierenden Wächterdienst melden Mitte des 19. Jahrhunderts die Gemeinden Deuben, Potschappel und Niederhäslich. Als rund um den Windberg Feld- und Obstdiebstähle überhand nehmen, drängt die Königliche Amtshauptmannschaft des Dresdner Kreisdirektionsbezirkes mehrfach auf die umgehende Verpflichtung von Wächtern und Flurschützern. Kleinburgk sieht sich mangels finanzieller Mittel außerstande, der behördlichen Forderung nachzukommen. Die Argumente der Dorfverwaltung: „Bei uns gibt es keine unliebsamen Vorkommnisse. Seit langem hat sich kein Bettler in der Gemeinde sehen lassen. Außerdem leben bei uns nur bedürftige Bürger, die sich ihr täglich Brot mühselig mit der Hand verdienen müssen.“ In Birkigt gibt es jahrzehntelang keine besoldeten Wächter.

Der letzte Nachtwächter auf dem Gebiet der heutigen Stadt Freital beschließt am 3. Juni 1902 sein kümmerliches Dasein. Lange Zeit wachte er über den nächtlichen Frieden der damals noch souveränen Gemeinde Schweinsdorf. Seinen eigentlichen Namen Benno Arthur Otto kannte kaum einer der Einwohner. Allgemein nannte man ihn Schweinsdorfer Arthur, was nicht böse gemeint war. Otto genoss große Volkstümlichkeit. Es hieß, er sei ein „Überstudierter“, der noch immer Bildung besitze. Tatsächlich beherrschte der Wächter die Kunst des Schönschreibens und setzte sachkundig Gesuche von Dörflern an Behörden auf.

Man sah ihn nie anders als in einem verblichenen Uniformrock unbestimmten Alters. Säbel und Tutehorn gehörten zu seinen wichtigsten Requisiten. Der am Fuß von Schweinsdorf gelegene „Bergkeller“, wegen seiner grünen Umgebung auch „Strauchschänke“ genannt, bildete Arthurs Hauptquartier. Von hier aus trat er seine nächtlichen Runden an, hier wärmte er sich auf und ließ sich von Wirt oder Gästen einen Klaren spendieren.

Am Tag erledigte er gewissenhaft Botengänge, die nicht selten mit Fußmärschen nach Dresden verbunden waren. Dass ihm die Schuljugend manch Streich spielte, nahm Arthur nicht weiter tragisch. Mit Nachsicht ertrug er selbst grobe Kränkungen. Seine Philosophie: „Die Menschen sind nun einmal so.“ im Großen und Ganzen aber konnten sich die Leute ihr Heimatdorf ohne Arthur nicht vorstellen. Er zählte zu den lokalen Besonderheiten, die man nicht missen wollte.