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Hoffen auf eine Ruine

Erbarmungswürdig dämmert das Schloss Schwepnitz in der Königsbrücker Heide vor sich hin. Der Eigentümer will es seit Jahren retten. Aber ein Rechtsstreit verhindert das.

© Thomas Schade

Von Thomas Schade

Regen kann noch so lange ausbleiben und Dürre noch so heftig über Acker und Flur am Rande der Königsbrücker Heide herfallen. Dem Wildwuchs rund um das Schwepnitzer Schloss kann wochenlange Trockenheit nichts mehr anhaben. Zu tief sind junge Kiefern und Hagebuttensträucher bereits verwurzelt.

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Schloss Schwepnitz im neugotischen Stil in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Schloss Schwepnitz im neugotischen Stil in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. © Rainer Frenzel (privat)
Eigentümer und Schlossherr Torsten Winger.
Eigentümer und Schlossherr Torsten Winger. © Heiko Repsch
Im Keller des Schwepnitzer Schlosses sind die Spitzbögen der Neugotik zu finden. Er ist nicht mehr begehbar.
Im Keller des Schwepnitzer Schlosses sind die Spitzbögen der Neugotik zu finden. Er ist nicht mehr begehbar. © René Plaul
Bürgermeisterin in Schwepnitz ist Elke Röthig.
Bürgermeisterin in Schwepnitz ist Elke Röthig. © Christian Kluge

Dem alten Gemäuer fehlt seit Jahren das Dach. Die mächtige Zwischendecke ist eingebrochen. Sie teilte das Gebäude einmal in zwei Etagen. An den Fassaden sind Backsteine und Ziegel zu sehen, mit denen das Schloss vor rund 150 Jahren im neugotischen Tudorstil erbaut wurde. Die typischen Türmchen an den Ecken des Walmdaches sind verschwunden. Im Keller und am Eingangsportal blieben wenigstens die Spitzbögen erhalten. An der Fassade erinnern umlaufende Wandfriese an den im 19. Jahrhundert beliebten Baustil. Aber den hohen Fenstern fehlen fast überall die Scheiben. Wind und Wetter haben freien Zugang zum Schloss und sorgen derzeit dafür, dass es seinem Tod entgegengeht.

Damit verliert ein weiterer Ort in der sächsischen Provinz vielleicht für immer eines seiner wichtigsten Denkmale. „Verluste, die wir uns eigentlich nicht leisten können“, sagt Bürgermeisterin Elke Rö-thig. Von einem „Ding der Unmöglichkeit“ spricht Rainer Frenzel, einer der besten Kenner der Schwepnitzer Geschichte. Die sei zwar vor allem durch die Glasherstellung geprägt gewesen, sagt der pensionierte Kinderarzt. Aber auch das Schloss gehöre zur wechselvollen Ortsgeschichte.

Wo die Ursprünge liegen, ist nicht genau bekannt. 1985 fanden zwei Schüler am Rande einer Kiesgrube 121 römische Silbermünzen, die im ersten und zweiten Jahrhundert nach Christus geprägt worden waren. „Ein Hinweis, dass Germanen schon im zweiten Jahrhundert durch die ausgedehnten Wälder streiften, die heute als Königsbrücker Heide bekannt sind“, sagt Rainer Frenzel. Bei Schwepnitz kreuzten sich schon an der Schwelle zum 2. Jahrtausend Handelswege nach Cottbus, Dresden, Senftenberg und Kamenz. Ein Rittersitz Schwepnitz wird 1387 erstmals urkundlich erwähnt. Die Herren von Knobloch, ein altes meißnisches Adelsgeschlecht, gehörten zur ersten namentlich bekannten Herrschaft im Ort. Sie traten die Hälfte ihres Besitzes Mitte des 16. Jahrhunderts an die Burggrafen von Dohna ab, die Schwepnitz 1562 zum Rittergut erhoben und ein herrschaftliches Haus errichteten, von dem heute aber nichts mehr zu sehen ist.

Ein Blitzschlag, so ist überliefert, vernichtete am 19. Juni 1852 das alte Herrenhaus und die meisten Gutsgebäude. Zu jener Zeit sei erstmals ein Bürgerlicher der Herr auf Schloss Schwepnitz gewesen, sagt Rainer Frenzel. Es war der Vermessungsingenieur Ernst Heinrich Feurig. Er ließ das über 1 000 Hektar große Anwesen umgestalten, den neugotischen Herrensitz errichten und einen Schlosspark anlegen. Vor und nach Feurig wechselten die Herrschaften in Schwepnitz häufig. Sie lebten von der Landwirtschaft, keiner brachte es zu großen Reichtümern, weiß der Heimatforscher. Die Familie von Wolffersdorff war vor 1945 letzte Eigentümerin, wurde mit der Bodenreform enteignet und verzog 1952 in den Westen Deutschlands.

In der DDR wurde das alte Schloss zunächst als Schule, später als Lehrlingswohnheim genutzt. Fast alle Schwepnitzer, die heute über 50 sind, seien im Schloss zur Schule gegangen, sagt Rainer Frenzel. „Ich auch, deshalb liegt uns das Schloss auch so am Herzen, obwohl es nur noch eine Ruine ist.“ Die meisten Einwohner hofften, dass es noch erhalten werde.

Nach 1990 fiel das Schloss an die Treuhand, und im Ort wechselte die Meinung über die Immobilie mehrfach. Anfangs stellte die Gemeinde einen Antrag zur Rückübertragung. Aber die Kommune war nie Eigentümer des Schlosses, und so lehnte die Liegenschaftsverwaltung TLG ab. Wenig später bot sie das Schloss der Gemeinde zum Kauf an. Aber im Herbst 1994 wollte Schwepnitz sein Schloss nicht mehr. Nicht mal für eine D-Mark, ließ der damalige Bürgermeister Lothar Helmert die TLG wissen. Die Sanierung würde die Gemeinde in den Ruin treiben, erklärte er damals.

Zwei Jahre später, am 10. November 1996, einem Sonntag, ging der Schwepnitzer Herrensitz nach fast 150 Jahren zum zweiten Mal in Flammen auf. Kurz nach 18 Uhr rückte die Freiwillige Feuerwehr aus, um zu retten, was noch zu retten war. Da brannte das Dach lichterloh, berichteten Einwohner, die herbeigeeilt waren. In der oberen Etage standen Holz und Schaumstoffmatten in Flammen. 80 Feuerwehrleute aus der Umgebung konnten nur zusehen, wie das Gebäude niederbrannte. „Viele Schwepnitzer sprachen am nächsten Tag von Brandstiftung“, erzählt Bürgermeisterin Röthig. Eine Woche zuvor hatte es im Obergeschoss schon einmal gebrannt. Da wurde das Feuer rechtzeitig entdeckt und gelöscht. Nun erklärte die Kriminalpolizei, dass man wegen Brandstiftung ermittle. Ein Brandstifter wurde nie gefunden.

Viele Einwohner, die sich seit Jahren um das Schloss sorgten, fragten, warum die Treuhand nach dem ersten Brand das Gebäude nicht besser gesichert habe. Der örtlichen Zeitung ist zu entnehmen, dass ein Treuhandsprecher in Dresden damals den Verlust des „schönen alten Spätrenaissance-Herrenhauses“ bedauerte. Der erste Brand sei in Dresden bekannt gewesen. Aber nur ein Wachdienst hätte verhindern können, dass wieder jemand in das Gebäude eindringt, und das sei zu teuer gewesen.

Seither sieht es nicht gut aus um das Schwepnitzer Schloss. Die Treuhand dachte nicht an Wiederaufbau. Sie wollte das Schloss loswerden. Schon 1994 war die Immobilie in einem 130-seitigen Katalog der TLG aufgetaucht. Damals wurden ostdeutsche Schlösser und Burgen im Dutzend verscherbelt. Doch auf Schloss Schwepnitz – ohne Brandschäden – blieb die TLG sitzen.

Vier Jahre nach der ersten Auktion und zwei Jahre nach dem Brand bot die TLG die nunmehr ruinöse Immobilie erneut auf einer Auktion an. Für ein Mindestgebot von 10 000 D-Mark war das vom Feuer gezeichnete Schloss nunmehr zu haben.

Ohne voneinander zu wissen, fuhren am 29. September 1998 zwei Männer zu der Auktion ins Palace Hotel nach Berlin, die ehrliches Interesse an der Immobilie hatten. Einer war Lothar Helmert, seit 1990 Bürgermeister der Gemeinde. Er war nunmehr bereit, bis zu 30 000 D-Mark für das Schloss zu zahlen. Der Gemeinderat hatte ihm Prokura erteilt, so weit mitzubieten. In Schwepnitz war die Meinung umgeschlagen. Schließlich sei das Schloss „ein wichtiges Stück unserer jüngeren Geschichte“, so Lothar Helmert nunmehr. Man wollte den Verfall aufhalten und aus dem Schloss ein Seniorenheim machen. Das sei für die Gemeinde allein zwar nicht zu finanzieren, aber man habe als Eigentümer die Möglichkeit, Einfluss zu nehmen bei der Suche nach privatem Kapital für das Vorhaben.

Der zweite Mann, der sich an jenem Tag von Aken aus auf den Weg nach Berlin machte, war Torsten Winger – ein Elektromeister, der seit 20 Jahren als Mittelständler auf verschiedenen Geschäftsfeldern tätig ist. Er führt eine Elektrofirma mit zwölf Mitarbeitern, betreibt einen Saunabetrieb und ist Nostalgiker. Seit 20 Jahren sammelt er alte Fernseh- und Rundfunkgeräte, stellt sie in einem kleinen Privatmuseum aus. Darüber hinaus hat er eine Vorliebe für alte Häuser. Er habe schon mehrere alte Villen erworben, saniert und vermietet, sagt der 45-Jährige am Telefon. „Zum Schluss sollte es auch noch ein kleines Schloss sein“, erklärt er den Wunsch, der ihn 1998 umtrieb. Bei der Suche sei ihm der TLG-Auktionskatalog in die Finger gekommen. Da sei er am Schloss Schwepnitz hängen geblieben. Deshalb saß auch er am 29. September 1998 im Auktionssaal – mit einem selbstgesetzten Limit von 10 000 D-Mark.

Aber beide Männer wurden an diesem Tag überboten. Den Zuschlag erhielt kein geringerer als Sir John H. Noble, der berühmte Mitentwickler der Dresdner Spiegelreflexkameras, der nach seinem wechselvollen Leben im Wirtschafts- und Politikbetrieb der USA nach 1990 zurück nach Dresden gekommen war, um die Pentacon-Kamerawerke unter seinem Namen fortzuführen. Doch großer unternehmerischer Erfolg blieb ihm versagt.

Mit Noble wurde auch dessen Dresdner Prokuristin Sigrid Z. Miteigentümerin. Beiden gelang es in den folgenden Jahren nicht, das Schloss zu revitalisieren. Nobel starb 2007 in Dresden, Sigrid Z. im Oktober 2013. Danach wurde ihr Ehemann Horst Z. Eigentümer des Anwesens, langjähriger Schriftleiter eines kirchlichen Verlages.

Er habe nach der Auktion die Eigentümer des Schlosses nie aus den Augen verloren, sagt Torsten Winger. „Ich habe an Schwepnitz gehangen, trotz des schlechten Bauzustandes.“ Nachdem ihm zu Ohren gekommen war, dass das Schloss zum Verkauf stand, habe er 2014 Kontakt zu Horst Z. aufgenommen. Der gebürtige Zwickauer lebte in Norddeutschland, war inzwischen über 80 Jahre und wollte verkaufen. Man sei handelseinig geworden, sagt Elektromeister Winger. „Wir unterschrieben beide den notariellen Vertrag. Ich zahlte den Kaufpreis. Danach gehörte das Schloss mir.“ Wenige Monate später, im April 2015, verstarb Horst Z. in Hamburg.

Winger wollte möglichst schnell mit der Sanierung des Bauwerkes beginnen. Er fuhr nach Schweppnitz, lud die Einwohner im Dezember 2014 zu einen Tag der offenen Tür ins Schloss ein und versprach ihnen, den alten Herrensitz in den kommenden Jahren wieder nutzbar zu machen. Eine Ferienpension mit 20 Zimmern und einem Frühstückssaal sowie ein Café mit bis zu 35 Plätzen will er im Schloss unterbringen. Im Keller könne man auch eine Sauna betreiben. „Eine Pension und ein Café könnten wir dringend gebrauchen“, sagt Bürgermeisterin Elke Röthig und verweist auf die zahlreichen Fahrradtouristen, die die Königsbrücker Heide für sich entdeckt hätten. Die Gemeinde unterstützte den Investor nach Kräften, stimmte allen seinen Anträgen zu. Eine Schwepnitzer Architektin begann zu planen. Winger stellte Förderanträge, riss Nebengebäude ab und fing an, das Hauptgebäude zu entkernen.

Doch bald musste er die Arbeiten unterbrechen. Kurz nach dem Tod des Vorbesitzers Horst Z. flatterte Torsten Winger eine Einstweilige Verfügung ins Haus. Sie untersagte ihm, die Arbeiten fortzusetzen, und drohte ein Strafgeld von 250 000 Euro an. Erwirkt hatte die Verfügung der erbberechtigte Neffe des alten Herren. Der glaubt angeblich, dass sein Onkel mit dem Kaufvertrag übers Ohr gehauen wurde. Seine Kanzlei will sich dazu nicht äußern. Winger sagt lediglich, dass es um Geld gehe. Konkret könne er nicht werden, weil aus der Verfügung ein Rechtsstreit geworden ist, der auch nach drei Jahren nicht beigelegt ist. Alle Versuche einer gütlichen Einigung seien gescheitert, sagt Winger.

Irgendwann sei der Neffe mal am Schloss und im Gemeindeamt gewesen, erinnert sich Bürgermeisterin Röthig. „Wir hatten nicht den Eindruck, dass er wusste, was er mit dem Schloss anfangen soll. Konkrete Pläne offerierte er nicht.“ Die Bürgermeisterin wandte sich im April 2015 an den sächsischen Ministerpräsidenten mit der Bitte um Hilfe. Passiert sei nichts.

So hat der Eigentümer bis heute faktisch nichts von seinem Besitz. Torsten Winger muss viel mehr zusehen, wie sein Schloss immer mehr verfällt. Bei ihm und in der Gemeinde wächst der Frust über diesen Streit. „Aufgrund der Dauer des Verfahrens wird das denkmalgeschützte Objekt vollkommen ruiniert“, sagt Heike Röthig.

Nach der Einstweiligen Verfügung hatte der Elektromeister noch Hoffnung, dass der Streit in einigen Wochen beigelegt sei. Doch es vergingen Monate, ehe im Frühjahr 2016 überhaupt eine Klage eingereicht wurde. Seither sind wieder zwei Jahre vergangen. Nun sei für Anfang Oktober ein Verhandlungstermin angesetzt. Torsten Winger ist zuversichtlich, dass er den Streit gewinnen wird. „Aber wenn das in ferner Zukunft ist, habe ich nichts mehr davon.“

Zehn Jahre hat er für die Sanierung veranschlagt. „Fast vier Jahre davon sind verloren“, sagt er und fügt hinzu: Mit 50 wolle er so ein Projekt nicht mehr anfangen. „Es müsse sich schell etwas tun. „Sonst ist es nicht nur für mich, sondern auch für das Schloss zu spät.“