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Star im Versandhaus-Lager

Im April 2018 starb der Sänger Holger Biege. Jetzt erscheint die erste Biografie, die eher Fragen aufwirft, als sie zu beantworten.

Entspannt hinter der Bühne: Holger Biege in den Neunzigern vor einem Auftritt. Der Sänger starb am 25. April 2018.
Entspannt hinter der Bühne: Holger Biege in den Neunzigern vor einem Auftritt. Der Sänger starb am 25. April 2018. © Privatarchiv Cordelia Biege

Manchmal scheint jemand bereits aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht zu sein, ist aber vielmehr nur in tiefer liegende Bereiche getragen worden. Dahin, wo man ihn jederzeit hervorholen kann. Holger Biege ging mehrmals durch dieses Wechselbad aus Aufblitzen-Lassen und Ausgeblendet-Werden. Er war in der DDR ein Star, wurde es nach der Wende im Osten aufs Neue und hatte schließlich sogar den gesamtdeutschen Durchbruch vor Augen. Ein Hirnschlag machte die Pläne zunichte und Biege zum Pflegefall. Nach seinem Tod im April 2018, nach Schlagzeilen, Trauerbekundungen, Gedenkkonzerten, schien es zunächst endgültig still um den Sänger, Pianisten und Komponisten zu werden. Jetzt sorgt die Ankündigung der ersten Biege-Biografie erneut für Wirbel.

Das Leben Holger Bieges ist ja auch wie geschaffen dafür, die Verrenkungen, Verlockungen und Verwirklichungsversuche eines Künstlers zu beschreiben, der auf beiden Seiten der Mauer eigentlich nur sein Ding machen wollte. Der sich mit seinen Liedern tief in die Seele blicken ließ, der Wahrhaftigkeit suchte und Glamour mied. Der lieber seine Kanten schärfte, als sich anzupassen. Doch dieses enorme Potenzial wird auf den 250 Seiten der Biografie „Sagte mal ein Dichter“ eher verplempert.

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Autor Wolfgang Martin, einst Musikchef beim DDR-Jugendradio DT64, später bei ORB und RBB angestellt und ab 2003 Musikchef bei Antenne Brandenburg, schreibt, dass er und Biege sich Mitte der Siebziger kennenlernten und „schnell zu Freunden wurden“. Leider schlägt sich das nicht auf den Text nieder. Eine persönliche Ebene, ein ganz privater Zugang fehlt völlig. Anekdoten, die den Menschen im zutiefst Menschlichen charakterisieren, sind rar. Anstrengend wird es zudem immer, wenn Martin über lange Strecken Bieges Witwe Cordelia oder dessen Bruder Gerd Christian unredigiert drauflosreden lässt. Sätze wie „Du weißt ja, wie er war“ machen mindestens ratlos.

Immerhin einmal kommt Freude auf, wenn Martin beschreibt, wie er Ende der Siebziger in einer angeheiterten Truppe mit Biege und Reinhard Lakomy nachts aus der Berliner Künstlerkneipe „Möwe“ kam, sich schließlich sieben Leute in Lakomys Trabant quetschten und prompt von einem Polizisten angehalten wurden. Der sei angesichts der versammelten Prominenz arg verwirrt und somit schnell damit einverstanden gewesen, dass sich drei auf den Weg zur S-Bahn machten und die übrigen vier, also eine zulässige Anzahl, unverwarnt mit dem Trabant davonfuhren.

© Bild und Heimat

Bei einer anderen skurrilen Szene war Martin nicht dabei, beschreibt sie dennoch anschaulich: 1983/84 lief überall der NDW-Hit „Codo … düse im Sauseschritt“, mit verfasst und produziert von Annette Humpe. Holger Biege erkannte jedoch in der Nummer sein Lied „Küss mich und lieb mich“ wieder, das er für Gerd Christian geschrieben hatte. Eines Abends in Hamburg, Biege war 1983 nach einem Konzert in Westberlin nicht zurück in die DDR gegangen, saß er mit Offiziellen der Plattenfirma Polydor in einem Restaurant. 

Am Nebentisch plauderte just in diesem Moment Annette Humpe aus, dass sie die Idee zum „Codo“-Refrain einem Ost-Schlager verdanke. Sie habe dann noch über den Komponisten aus dem Osten gelästert, der davon nichts mitbekäme und gar nichts dagegen machen könne. Schließlich sei einer von Bieges Begleitern an Humpes Tisch gegangen und habe sie aufgeklärt, dass eben dieser Komponist gleich nebenan sitze.

Holger Biege im Jahr 2011
Holger Biege im Jahr 2011 © imago/andreas weihs

Biege habe dann geklagt, in erster Instanz Recht, in zweiter Instanz jedoch einen Vergleich nahegelegt bekommen. Martin zitiert Bieges Frau Cordelia: „Holger lehnte ab. Er wollte die ganze Sache als Gewinner beenden.“ Wie es ausging, erfährt der Leser allerdings nicht. Wie auch viele andere Fakten auf der Strecke blieben. Die Scheidung von Bieges erster Frau etwa, die Geburt von Sohn Björn – der ist einfach plötzlich da – oder warum Biege im Bezirk Neubrandenburg Auftrittsverbot hatte. Nur ganz nebenbei wird erwähnt, dass der Musiker im Westen nie richtig ins Geschäft kam, schließlich beim Otto-Versand einen Lageristenjob annahm, während seine Frau als Kindergärtnerin arbeitete.

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Doch wie war das für einen sensiblen Künstler? Hat er unter diesem Leben gelitten, vielleicht sogar die Entscheidung verflucht, in den Westen gegangen zu sein? Eins ist ihm zweifellos klar geworden: Künstlerische Freiheit ist relativ. Erst gaben die Genossen die Linie vor und steckten Biege Grenzen, die ihm die Luft nahmen. Im Westen machten die Leute von der Plattenfirma Ähnliches, indem sie ausschließlich auf die Verkaufstauglichkeit seiner Musik achteten und ihn angesichts mieser Umsätze fallen ließen. Ein Drama, das dieses Buch nur ansatzweise reflektiert.

Wolfgang Martin, Sagte mal ein Dichter. Holger Biege. Die Biografie. Bild und Heimat Verlag, 256 Seiten, 19,99 Euro

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