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Zwischen Homeoffice und Hausaufgaben

Eltern leisten in diesen Wochen den Spagat zwischen Arbeiten, Kochen und Schularbeiten ihrer Kinder. Die Lehrer stellen sich darauf ein.

Schule während der Coronakrise: Sind die Schulen geschlossen, müssen Kinder zu Hause lernen.
Schule während der Coronakrise: Sind die Schulen geschlossen, müssen Kinder zu Hause lernen. © Nikolai Schmidt

Der Spagat ist enorm: In Zeiten geschlossener Schulen haben viele Eltern damit zu kämpfen, im Homeoffice zu arbeiten und zugleich ihre Kinder zum Lernen anzuhalten. Andere üben Berufe aus, für die sie weiterhin das Haus verlassen. Dann ist eine Lernbetreuung noch schwieriger. 

Mütter sind keine Hilfslehrerinnen

Besonders die vergangene Woche haben Eltern genau wie Lehrer als Herausforderung erlebt: als die Schulen begannen, das Fernlernen zu organisieren, und als Familien neue Tagesstrukturen einrichten mussten. Zahlreiche Eltern fragen sich, wie es gehen soll, neben der Arbeit noch mit ihren Kindern zu lernen. In den Sozialen Netzwerken beschweren sich Eltern, Mütter seien keine Hilfslehrerinnen. Es sei undenkbar, das von der Schule angedachte Lernpensum pro Kind zu begleiten, zumal bei mehreren Kindern. Andere teilen mit, bereits "die Segel gestrichen" zu haben. 

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Zwischen Überforderung und Klarkommen

Dabei reicht die Situation von Familien in Corona-Zeiten von solchen, die überfordert sind, weil sie technisch nicht genügend ausgestattet sind, über solche, die schlichtweg keine Zeit für mehrere Stunden Lernbetreuung haben, bis hin zu solchen, deren Kinder Homeoffice der Eltern gewöhnt sind und sehr selbstständig lernen. 

Die alleinerziehende Mutter Katrin Müller (Name geändert) aus Görlitz ist zwar froh, dass ihre Kinder, 12 und 15, ihre Aufgaben allein erledigen, aber sie hat nur einen älteren Computer, einen schwachen Drucker und ruft E-Mails nur per Smartphone ab. "Die ganze Woche war ich damit beschäftigt, Dateien zu übertragen, alles zu verstehen und die Kinder zum Lernen zu bewegen." Das sei sehr anstrengend. Hinzu komme die Anspannung in der Drei-Zimmer-Wohnung, die aufgrund der Ausgangsbeschränkungen stetig zunehme. 

Gute Tagesstruktur ist wichtig

Andere haben sich auf die neue Situation eingestellt. So Familie Förster aus Königshain. Der Vater arbeitet als Publizist und Berater für Online-Marketing im Homeoffice, die Mutter in Festanstellung, sie kommt erst nachmittags heim. Die beiden Kinder, zweite und fünfte Klasse, seien mit einem Berg an schulischen Aufgaben konfrontiert, sagt Mario Förster. „Das zerreißt das Familienleben enorm.“ Struktur im Tagesablauf sei jetzt wichtig, um die Situation einigermaßen meistern zu können. 

Das Büro zu Hause und die Schulaufgaben der Kinder in der Hand:
Zerteilen kann sich Mario Förster nicht. Die Familie versucht,
Lösungen zu finden.
Das Büro zu Hause und die Schulaufgaben der Kinder in der Hand: Zerteilen kann sich Mario Förster nicht. Die Familie versucht, Lösungen zu finden. © Constanze Junghanß

Deshalb haben Försters einen Wochenplan erstellt, versehen mit täglichen Aufgaben für jedes Familienmitglied. Der Vormittag ist für Schule eingeplant. „Gefordert sind im Oberschulbereich vier Stunden täglich“, sagt der Königshainer. Das sei aber nicht machbar. „Zwar erledigen die Kinder einen Teil der Aufgaben selbstständig, brauchen jedoch immer wieder Hilfe, haben Fragen, müssen kontrolliert werden.“ In der Zeit konzentriert zu arbeiten, falle wohl den meisten schwer. Womit Mario Förster sein Geld verdient, bleibt dann liegen. Seinen Job holt er so gut es geht am Abend nach – mit finanziellen Einbußen. 

Manche Schüler lernen jetzt im eigenen Tempo

Und schließlich gibt es diejenigen, für die Homeoffice und Fernlernen gar nicht so schwierig ist. Tinko und Katrin Treffkorn aus Görlitz haben einen Achtklässler und zwei Sechstklässlerinnen zu Hause. "Ich arbeite sonst auch im Homeoffice", sagt Tinko Fritsche-Treffkorn, der das Fördermittelmanagement der DPFA-Schulen organisiert. Seine Frau arbeitet an einem Institut der Hochschule Zittau/Görlitz und ist zurzeit auch im Homeoffice. 

Die Kinder kennen die Situation, auf Papas Arbeit Rücksicht zu nehmen und selbstständig Hausaufgaben zu machen. Für das Fernlernen stehen ihnen ältere Computer zur Verfügung. "Unsere Kinder sehen sogar Vorteile", sagt Tinko Fritsche-Treffkorn. Eine Tochter finde es richtig gut, nun in ihrem eigenen Tempo lernen zu können. "Schwierig ist aber der fehlende soziale Kontakt", sagt Katrin Treffkorn. Das deckt sich mit den Erfahrungen vieler anderer Eltern, deren Kinder die Schule und ihre Freunde vermissen.

Lehrer in virtuellen Klassenräumen

Doch auch für Lehrer ist mit den Schulschließungen eine ganz neue Zeit angebrochen. Plötzlich müssen sie überlegen, wie sich Schüler ohne Frontalunterricht den Stoff selbstständig erschließen können. Wie sich Aufgaben so bündeln lassen, dass die E-Mail-Postfächer von Eltern und Lehrern nicht überlaufen. Virtuelle Klassenräume und Videochats wurden eingerichtet. Einige Familien bekommen Aufgaben per Post, weil sie kein Internet haben. Schulen, die das Portal Lernsax nutzen, müssen manchmal Alternativen finden, weil die Server überlastet sind. Und bei allem muss der Datenschutz gewährleistet sein.

Für das Fernlernen in Sachsen gebe es keine einheitliche Regelung, sagt Dirk Reelfs vom Kultusministerium. Vorgabe für alle Schulen sei jedoch der Lehrplan. Auch ob es Konsequenzen habe, wenn nicht alle Aufgaben erfüllt werden, sei nicht zentral geregelt. Lehrer sollen selbst entscheiden, ob sie während der Schließzeiten Zensuren geben. Doch Reelfs macht belasteten Familien Mut: "Ich bin mir sicher, die Schulen werden die neue Situation angemessen berücksichtigen."

Schulen sind sich der Problemlage vieler Eltern bewusst

So schwierig diese Situation auch sei, sagt Frank Gröll, Schulleiter des Augustum-Annen-Gymnasiums, wo über 800 Schüler lernen: "In kürzester Zeit haben Lehrer, Eltern und Schüler Großes geleistet, mit der Krise umzugehen." Vor dieser gemeinsamen Leistung, Lernen aus der Ferne zu ermöglichen, habe er höchsten Respekt. Doch auch er habe von Überforderungen der Eltern erfahren. "Wir sind uns dieser Problemlage bewusst", sagt er. "Aber für uns alle ist die Situation neu." Die Schule sei dabei, sensibler auf die unterschiedlichen Bedingungen in den Elternhäusern einzugehen und die Aufgaben anzupassen.

So haben Curie-Gymnasium und Augustum an diesem Mittwoch die Eltern über ein gemeinsames Vorgehen informiert: Die Schüler würden zunehmend zum selbstständigen Arbeiten angehalten. Für das Pensum sei die Stundentafel ein Anhaltspunkt. Die Teilnahme an Lernplattformen sei sinnvoll, aber nicht zwingend. Dass nicht jedes Kind einen Computer habe, werde berücksichtigt. "Wir wollen keine Situation erzeugen, die es den Eltern noch schwerer macht", sagt Frank Gröll. 

In der Krise liegt auch eine Chance

Das sehen auch andere Schulen so. "Wir haben uns bei den Aufgaben daran orientiert, wie viel die Kinder im Unterricht bewältigen", sagt Almut Hentschel, Leiterin der August-Moritz-Böttcher-Grundschule. "Aber es hat keine Auswirkungen, wenn ein Kind nicht alle Aufgaben schafft." Auf Ostern hin seien Matheaufgaben öfter mit Mengen etwa von Backzutaten verbunden. "Jetzt verbringen Eltern und Kinder viel Zeit miteinander, da gehört gemeinsames Backen vielleicht dazu." 

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Letztlich liegt in der Krise auch eine Chance. Digitales Arbeiten sei bisher noch nie so erforderlich gewesen wie jetzt, sagt Frank Gröll vom Augustum. "Wenn die Schulen wieder öffnen, werden wir das Ganze evaluieren und schauen, was wir beibehalten können." Gerade wenn Schüler krank werden, könne ein virtuelles Klassenzimmer helfen, nicht allzu viel zu verpassen. 

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