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"Wer arbeitet, der kann hier alles erreichen"

Vor fünf Jahren kam Anas Alhashemi als Flüchtling nach Riesa. Heute lebt er in Bayern - und hofft auf die deutsche Staatsbürgerschaft.

Anas Alhashemi kam 2015 aus Homs nach Deutschland und lebte zeitweise in Riesa. Mittlerweile ist er zum Studium nach Passau gezogen.
Anas Alhashemi kam 2015 aus Homs nach Deutschland und lebte zeitweise in Riesa. Mittlerweile ist er zum Studium nach Passau gezogen. © privat

Riesa/Passau. Kurz vor dem Gespräch mit der SZ hat Anas Alhashemi auf seinem Facebook-Profil ein Bild gepostet. Es zeigt die Mannschaft des FC Bayern, die gerade die Champions League gewonnen hat. "Mia san Champions" hat Anas darüber geschrieben. Bayernfan sei er schon gewesen, da war er noch gar nicht in Deutschland, erzählt der junge Syrer. 

Über den Titelgewinn seiner Lieblingsmannschaft konnte er sich allerdings erst nach Abpfiff freuen. "Ich musste in der Zeit ein Interview führen, für meine Masterarbeit." Die schreibt Anas Alhashemi über hochqualifizierte syrische Flüchtlinge. Ein Thema, über das er sozusagen aus erster Hand Bescheid weiß. Schließlich kam er selbst 2015 als Asylbewerber nach Deutschland, mit einem Wirtschaftsstudium in der Tasche. Eine seiner ersten Stationen war Riesa.

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Wann er dort zuletzt war? "Das müsste ungefähr zwei Jahre her sein." Er habe einen palästinensischen Freund besucht, der noch in der Stadt wohnt. "Soweit ich weiß, will er aber auch wegziehen, nach Berlin." 

"Bayerisch war sehr schwierig für mich"

Anders als viele andere Flüchtlinge kam der 31-Jährige damals nicht über die Balkanroute nach Deutschland, sondern von Griechenland aus mit dem Flugzeug. "Ich habe mir Geld bei Bekannten geliehen und außerdem gearbeitet", sagt er. Sein Vater betrieb in Homs eine Apotheke, die Mutter war Lehrerin; bis zum Bürgerkrieg ging es der Familie gut, lässt er durchblicken. Von Meißen aus wurde Anas schließlich nach Riesa zugeteilt. Hausbesitzer Frank Mantel aus Passau hatte dem Landkreis ein Gebäude zur Verfügung gestellt, um dort Geflüchtete unterzubringen. Damals sorgte das für eine Kontroverse, das Riesaer Amtsblatt veröffentlichte ein Interview mit Riesas OB Müller (CDU), der sich über die Informationspolitik des Landratsamtes beklagte.

Mantel war es schließlich auch, dem Anas seinen neuen Wohnort verdankt: Er ist nach Passau gezogen. "Ich habe immer gesagt, ich will weiter studieren." Zwei Monate lang wohnte Anas bei Familie Mantel, dann zog er in eine eigene Wohnung. "Das Bayerisch war sehr schwierig für mich", erzählt Anas und lacht. Beim Deutschlernen habe ihn der enge Kontakt aber sehr weitergebracht. "Ich war immer neugierig, das half mir sehr beim Sprache lernen." Das war auch schon in Riesa so: Gemeinsam mit anderen Geflüchteten suchte er damals des öfteren den Kontakt zu den Riesaern, verteilte zum Beispiel Anfang 2016 Neujahrsgrüße im Stadtzentrum

Anfang 2016 verteilte Anas Alhashemi zusammen mit anderen Geflüchteten Neujahrsgrüße an die Riesaer.
Anfang 2016 verteilte Anas Alhashemi zusammen mit anderen Geflüchteten Neujahrsgrüße an die Riesaer. ©  Archiv/Sebastian Schultz

Trotz der zeitweise hitzig geführten Flüchtlingsdebatten sagt Anas Alhashemi heute, dass er viele gute Erinnerungen an Riesa hat. "Ich habe das Leben in Deutschland erstmals in Riesa entdeckt und erlebt. Der Anfang von jeder Sache im Leben ist schön, deswegen bedeutet Riesa auch was für mich." Hier lernte der heute 31-Jährige Deutsch, spielte Fußball, half später in der Diakonie beim Übersetzen. Zu tun gab es da offenbar einiges. "Es gab schon einige Missverständnisse. Selbst die Mimik und Gestik ist hier anders als etwa in Syrien." 

Wenn Anas Alhashemi über Deutschland spricht, dann erinnert das ein wenig an das Bild, das einst von den USA gezeichnet wurde. "Es gibt hier keine Grenzen für die eigenen Träume. Wer arbeitet, der kann hier alles erreichen." Das sei anders als in Syrien. "In Syrien steht die Familie an erster Stelle, in Deutschland die Arbeit." Er selbst hatte zeitweise zwei Jobs, um sich während des Studiums über Wasser zu halten: als studentische Hilfskraft an der Uni, und nachts von 22 bis 6 Uhr als Portier in einem Hotel in Passau. Dann ging es schon mal direkt von der Arbeit in den Hörsaal. "Das war schwierig", sagt er und schmunzelt. Mittlerweile bekomme er auch andere Schichten. 

Die Einstellung zur Arbeit prägt auch den Lebensrhythmus, sagt Anas. "Wer arbeitet, der kann Urlaub machen", sagt Anas. Das sei etwas, das er aus Syrien in dieser Form nicht kannte. "Ich war schon in Österreich, in Holland - und auf Mallorca." 

Um sein Studium zu finanzieren, arbeitet Anas Alhashemi seit zweieinhalb Jahren an einer Hotelrezeption.
Um sein Studium zu finanzieren, arbeitet Anas Alhashemi seit zweieinhalb Jahren an einer Hotelrezeption. © privat

Arbeit zu haben, das sei aber auch "sehr wichtig für meine Bleibeperspektive in Deutschland", sagt Anas. "Nächstes Jahr im Dezember darf ich meine Einbürgerung beantragen." Mit Arbeitsstelle und dem Master in Europastudien stünden die Chancen dafür sehr gut, schätzt er. Dann hofft er, selbst als eine Art "Brückenperson" in der Integration arbeiten zu können. "Oder ich promoviere." 

Den Umzug nach Passau bereut er nicht. Die Mentalität in der Stadt sei anders als in Riesa. "Passau ist touristisch geprägt, außerdem eine Studentenstadt. Die Menschen hier sind sehr offen." Riesa sei klein, die Menschen verschlossener. Anas vermutet, das könnte auch mit der DDR-Vergangenheit zusammenhängen. Er hatte schon 2015 Verständnis dafür gezeigt, dass den Flüchtlingen damals teils auch mit Skepsis begegnet wurde. Den Menschen im Osten gehe es wirtschaftlich nicht so gut, sagt Anas heute. "Wenn dann auch noch viele Flüchtlinge kommen, dann verdoppeln sich sozusagen die Probleme." 

Die Ehefrau in Meißen kennengelernt

Verallgemeinern wolle er nicht. Es habe auch in Riesa Menschen gegeben, die ihm offen begegnet seien. "Und Vorurteile erlebe ich auch in Passau." Als er von den Konflikten um einen muslimischen Gebetsraum hört und davon, dass aus Protest zeitweise auf dem Mannheimer Platz Freitagsgebete stattfanden, reagiert er zurückhaltend. "Ich denke, das war ein Fehler", sagt er dazu. "Aber das ist ein schwieriges Thema." Er selbst sei liberal eingestellt, was die Religion anbelangt. Seine Frau, die er in einer Asylunterkunft in Meißen kennengelernt hat, trage kein Kopftuch. "Sie macht gerade eine Ausbildung zur Fachinformatikerin." 

Kontakt in die Heimat hat Anas in erster Linie digital. Die Eltern hat er schon seit Jahren nicht gesehen. Seine Mutter würde er gerne nach Deutschland holen, aber wegen Corona sei das derzeit nicht möglich. "Mein Bruder ist seit 2016 in Deutschland, arbeitet als Lkw-Fahrer. Und meine Schwester hat Pharmazie studiert, sie hätte wahrscheinlich gute Chancen auf ein Visum." 

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