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Horror aus der Gerüchteküche

Seit drei Monaten ist Familienvater Jens Franke weg. Hat ihn die Organmafia ermordet? Die Polizei dementiert heftig.

© Marko Förster

Von Jörg Stock

Ein ruchloses Morden entsetzt das Land. Die Toten liegen in Pirna, in Bad Schandau und auch jenseits der Grenze, in Tschechien. In ihren Köpfen stecken Kugeln, in ihren Körpern fehlen Eingeweide. Die Organmafia schlägt zu. Sonderbar ist jedoch, dass die vielen Opfer immer nur einen Namen haben: Jens Franke.

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Noch immer vermisst: Jens Franke aus Pirna. Am letzten Augusttag ging er in Mockethal feiern und kehrte nicht mehr heim. Schlüssel, Ausweis und Geldkarte hatte er bei seinen Eltern deponiert, damit sie nicht verloren gehen. Das spricht gegen die Theorie,
Noch immer vermisst: Jens Franke aus Pirna. Am letzten Augusttag ging er in Mockethal feiern und kehrte nicht mehr heim. Schlüssel, Ausweis und Geldkarte hatte er bei seinen Eltern deponiert, damit sie nicht verloren gehen. Das spricht gegen die Theorie, © Marko Förster

Seit gut drei Monaten ist der Baufacharbeiter Jens Franke aus Pirna, 45, alleinerziehender zweifacher Vater, vermisst. Die Polizei fand bisher nicht die kleinste Spur von ihm. Was sie aber auch nicht gefunden hat, ist ein Ermordeter ohne Organe, der Jens Franke heißt. In letzter Zeit wurde überhaupt kein Mordopfer im Pirnaer Land entdeckt, schon gar kein ausgeweidetes. Anderslautende Gerüchte, sagt Marko Laske von der Polizeidirektion Dresden, müsse er „in aller Deutlichkeit“ dementieren. Den Argwohn, die Polizei leugne Fakten, um Panik zu vermeiden, weist er strikt zurück. Mit so etwas würde man nicht hinter dem Berg halten, beteuert er.

Die Gerüchteküche dünstet dennoch immer neue Horrorstorys aus. Ob in Pirna, ob in den Dörfchen des Sandsteingebirges oder in großen Firmen wie der Bavaria-Klinik Kreischa – überall erzählt man sich, den mysteriös verschwundenen Jens Franke hätten Organhändler umgebracht. Die Berichte kursieren im Internet, in sozialen Netzwerken, sie springen von Handy zu Handy und türmen sich dabei auf wie eine Schneelawine. Die Sächsische Zeitung wurde mehrfach von besorgten Lesern alarmiert. „Es ist in hohem Maße beunruhigend“, meinte etwa Herr W., 26, aus Pirna, „vor allem jetzt, in der dunklen Jahreszeit.“ Woher die Meldungen über die angeblichen Leichenfunde stammten, wusste Herr W. nicht. Mundpropaganda eben.

Diese Mundpropaganda hat auch die Polizei vernommen. Das Thema Organmafia wabert im Volk herum, sagt Polizeisprecher Laske. Er nennt es menschlich verständlich, dass die Leute darüber nachdenken, wo der Vermisste abgeblieben sein könnte. Jedoch, sagt Laske, gibt es nicht den geringsten Anhaltspunkt dafür, dass so etwas wie eine Organmafia in der Gegend operiert. Die Hinweise der Leute seien Gedankenspiele ohne jegliche Substanz.

Die Fabel vom Organhandel ist nicht neu. Der pensionierte Kriminalhauptkommissar Ralf Hubrich, jahrelang Leiter des Pirnaer Morddezernats, kennt sie noch aus seiner Zeit. Damals, so erzählt er, waren angeblich deutsche Bürger von den Parkplätzen grenznaher tschechischer Supermärkte verschwunden und eine Woche danach wieder aufgetaucht, verwirrt und mit Operationsnarben am Körper. Die vermeintlichen Verbrechen hatten sich stets als Fiktion herausgestellt. Warum die Organmafia gerade jetzt wieder populär wird, weiß Hubrich nicht. „So was lebt irgendwo wie ein Virus“, sagt er. „Und irgendwann bricht es wieder aus.“

Den Angehörigen Jens Frankes tut das Gemunkel weh. Gerlinde Kessler, Freundin der Familie, einst praktisch die Schwiegermutter von Jens, weiß eigentlich, dass sie nur das ernst nehmen muss, was sie von der Polizei erfährt. Trotzdem horcht sie auf jedes noch so absurde Gerücht. „Der Verstand sagt: Es kann nicht sein. Aber dann ist es trotzdem im Kopf drin“, sagt sie.

Für die Polizei ist der Fall Jens Franke noch immer ein völliges Rätsel. Alles Suchen und Fahnden war umsonst. Was man weiß, ist, dass Jens am 1. September, gegen 1.30 Uhr morgens, ein Nachbarschaftsfest im Pirnaer Ortsteil Mockethal verließ und sich auf den Heimweg machte. Für gewöhnlich ging er zu Fuß die vier, fünf Kilometer bis zu seiner Wohnung am Rande der Pirnaer Altstadt. Die Mockethaler Festgäste waren die Letzten, die Jens gesehen haben. Er kam nie zu Hause an.

Ausweis hinter der Sonnenblende

Die Ermittler legten sich vier Versionen zurecht. Erstens: Jens Franke hatte einen Unfall und verschwand deshalb von der Bildfläche. Zweitens: Er verübte Selbstmord. Drittens: Er ging fort, um irgendwo ein neues Leben anzufangen. Viertens: Er wurde Opfer eines Verbrechens.

Ein Unfall ist denkbar, zumal Jens Franke nach dem Fest nicht ganz nüchtern war. Doch wurden die möglichen Marschwege von Jens mehrfach abgesucht, von Polizeitruppen, Spürhunden, Hubschraubern, Familienmitgliedern und Freunden. Nichts. Für Selbstmord kann sich die Familie keinen Grund denken. Damals, als die Lebenspartnerin Jens verließ und er allein für seine beiden Jungs sorgen musste, da sei er total fertig gewesen, sagt seine Mutter Christa. Vor Kummer habe er nicht zur Arbeit gehen können. Aber das ist mehr als zehn Jahre her. Die Krise hatte Jens längst überwunden, denken die Eltern. Am Tage, als er verschwand, sei er ganz normal gewesen, sagt sein Vater Eberhard. „Wir haben uns verabschiedet, wie jeden Tag.“

Das Aussteiger-Motiv scheint auch unwahrscheinlich. Keiner hat bemerkt, dass Jens mit seinem Leben gehadert hätte. Sein Auto hatte er auf dem Hof der Eltern stehenlassen, als er zu dem Fest ging. Schlüssel und Geldkarte ließ er zurück, auch seinen Personalausweis. Eberhard Franke hat ihn vor wenigen Tagen im Wagen von Jens gefunden. Er steckte hinter der Sonnenblende. Ohne Geld und Papiere kommt ein Aussteiger nicht weit, sagt die Polizei.

Und was ist mit dem Verbrechen? Laut den Ermittlungen ist Jens Franke ein unbescholtener Bürger, der nicht in verruchten Kreisen verkehrte. Dass er zufällig Opfer einer Straftat wurde, will Polizeisprecher Laske nicht ausschließen. Das könne man aber erst nachprüfen, wenn der Vermisste aufgetaucht sei. Die Familie will wissen, dass Krawallmacher in der fraglichen Nacht unterwegs waren, die vom Weinfest in Pirnas Altstadt kamen. Möglich, dass Jens ihnen in die Arme lief. Aber gesehen hat das keiner.

Die Polizei fahndet weiter nach Jens. Deutschlandweit. Theoretisch kennt jede Dienststelle der Republik sein Gesicht. Die Kriminalisten hoffen auf neue Hinweise, auf einen Zipfel, an dem sie ziehen können. Bei Jens Frankes Eltern in Mockethal brennt jetzt jede Nacht eine große Laterne. Eberhard Franke hat sie zwischen Wohnhaus und Stall aufgehängt. Sie hängt da für Jens. „Damit er sich heimfindet“, sagt der knorrige Landwirt, „damit er sieht, dass wir auf ihn warten.“