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Ein Weg für den Teichwächter

Horst Zähr aus Niedergurig hat Tausende Bäume gepflanzt und Zigtausende Vögel beringt. Für seinen Einsatz wurde er jetzt geehrt - auf besondere Weise.

Horst Zähr in seinem Garten in NIedergurig. Für seinen Einsatz für die Natur wurde er jetzt geehrt -mit einem nach ihm benannten Weg zwischen Doberschütz und Niedergurig und einer Erinnerungstafel.
Horst Zähr in seinem Garten in NIedergurig. Für seinen Einsatz für die Natur wurde er jetzt geehrt -mit einem nach ihm benannten Weg zwischen Doberschütz und Niedergurig und einer Erinnerungstafel. © SZ/Uwe Soeder

Malschwitz. Horst Zähr ist keiner, der gern im Mittelpunkt steht. "Ich hatte halt viele Faxen", sagt der 94-Jährige aus dem Malschwitzer Ortsteil Niedergurig und zählt auf: Über 3.000 Bäume hat er im gesamten Gemeindegebiet gezogen, gepflanzt und gepflegt, hat über 50.000 Vögel beringt, Vogelhäuschen gebaut, Schülern die Teichlandschaft erklärt, hat fotografiert, wie sich seine Heimat verändert, und hat historische Schätze aus dem Boden gerettet. Vieles davon – und das ist längst nicht alles – erledigte er im Ehrenamt. Kurzum: Horst Zähr ist ein Hansdampf in allen Malschwitzer Gassen.

Doch er winkt ab: "Ich will mich nicht groß machen. Das, was ich getan habe, habe ich sehr geliebt, und nun ist es scheinbar so gekommen, dass ich viel geliebt und viel gemacht habe", sagt er. So richtig recht war es ihm deshalb gar nicht, als der Ortschaftsrat von Niedergurig ihm offenbarte, dass fortan ein Weg seinen Namen tragen soll. Gefragt wurde er deshalb gar nicht erst. "Dann hätte er abgelehnt", heißt es mit einem Augenzwinkern aus dem Ortschaftsrat. "Die haben mich überrumpelt", poltert Horst Zähr zurück. Letztlich duldete er das Vorhaben.

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Was Horst Zähr dann aber wirklich nicht mit sich machen lassen wollte, war eine Kutschfahrt durch die Teiche. Die sollte ihn Ende Juni zur Feierlichkeit anlässlich der Widmung des Horst-Zähr-Weges zwischen Niedergurig und Doberschütz bringen. "Wie so ein König hätte ich da hingefahren werden sollen", sagt er voll halbernster Empörung. "Nein, so etwas mache ich nicht", habe er da geantwortet.

Dann blättert er aber doch ein bisschen stolz zu den Bildern der Feier durch. Der Bürgermeister war da, ein Landtagsabgeordneter sogar. "Und da, die ganzen Leute", sagt Zähr, nicht ohne Verwunderung auf die abgebildete Gästeschar zeigend.

In deutscher und sorbischer Sprache ist der Horst-Zähr-Weg benannt. Er führt zwischen Niedergurig und Doberschütz an vier Teichen entlang.
In deutscher und sorbischer Sprache ist der Horst-Zähr-Weg benannt. Er führt zwischen Niedergurig und Doberschütz an vier Teichen entlang. © SZ/Uwe Soeder

Heute kommt er, der in jüngeren Jahren und weit bis in den Ruhestand hinein immerzu in den Teichen unterwegs war, nur noch äußerst selten dort vorbei: "Ich bedaure, dass ich auf die Beine nicht mehr fortkomme", sagt er. Seit einem Jahr etwa, erklärt seine Frau Liesl, verschlimmere sich die alte Verletzung. Die brachte Horst Zähr aus dem Zweiten Weltkrieg nach drei Jahren französischer Gefangenschaft und Flucht mit nach Hause. Heute, im hohen Alter, hält sie ihn von den Teichen fern.

Auch das sind Geschichten, die Horst Zähr stundenlang erzählen kann. "Schon nach meiner Flucht hätte ich ein Buch schreiben können", erklärt er und schweift dann doch schnell wieder ab; hin zu der Zeit nach der Heimkehr in die alte Heimat. 

Besonders an die Sonntage denkt er gern. Die widmete er, der nach Rückkehr als Genossenschaftsbauer im Sommer die Felder bestellte und im Winter seine Ausbildung zum Meister machte, seit jeher seinen Teichen; verzichtete ihretwegen sogar zeitlebens auf den Führerschein: "Ich habe gesagt: So eine Karre kommt mir nicht auf den Hof. Da muss ich ja jeden Sonntag Auto putzen. Der Sonntag ist aber mein Tag!"

Der Heimatverein von Niedergurig sponserte eine Ehrentafel, die an das Schaffen von Horst Zähr erinnert. Die Lindenallee hat Horst Zähr gepflanzt.
Der Heimatverein von Niedergurig sponserte eine Ehrentafel, die an das Schaffen von Horst Zähr erinnert. Die Lindenallee hat Horst Zähr gepflanzt. © SZ/Uwe Soeder

Während Horst Zähr erzählt, sitzt er in seinem Wohnzimmer am Esstisch und blättert in Fotoalben mit Landschaftsaufnahmen zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her. Oft sieht man darin die Niederguriger Rieseneiche. Über Jahrzehnte hinweg hat er ihre Entwicklung dokumentiert, und er ist sauer über den wiederkehrenden Vandalismus.

Seine Frau Liesl hockt währenddessen auf einem kleinen Sessel am Ofen, schaut milde lächelnd zu, weicht höchstens kurz von seiner Seite. "Einmal ist er am Ostersonntag um vier Uhr morgens aufgestanden und war verschwunden - Bäume pflanzen", erinnert sie sich. "Da musste ich eben in der Wirtschaft ran." Horst Zähr hört zu, grinst spitzbübisch und widerspricht: "Ach, komm! Das waren doch immer nur kurze Augenblicke, wo ich weg war."

Das glaubt man ihm spätestens dann nicht mehr, als er sagt: "Ich habe eine Aufgabe für die Jugend! Ich habe 50.000 Vögel beringt. Für jeden Vogel braucht man mit Schriftkram zehn Minuten. Da sollen die sich mal ausrechnen, wie lange das gedauert hat!"

Vorbild für die Jugend

Wenn auch die körperliche Kraft nachlässt: Geistig fit ist Horst Zähr selbst mit seinen fast 95 Jahren noch. Genau das macht ihn für den Ortschaftsrat von Niedergurig zum Vorbild: "Arbeit, Bewegung und geistige Weiterentwicklung garantieren ein hohes Alter. Horst Zähr hat nie gefragt, was seine Arbeit ihm bringt. Er hat sie einfach gemacht. Und er hat damit viel bewegt", heißt es von dort. Auch deshalb habe man sich starkgemacht; sei den ungewöhnlichen Weg gegangen, einem noch lebenden Vorbild ein Denkmal zu setzen.

Zwei Kilometer lang ist dieses Denkmal nun, führt vorbei an vier Teichen und wird gesäumt von mehr als 50 Linden. Horst Zähr hat sie gepflanzt. Auf seinen Bildern sind sie noch ganz klein. "1976 habe ich die eine Seite der Allee gepflanzt, die andere Seite später", sagt er. Heute beschatten die Winzlinge von damals die gesamte Breite des Weges.

Der Natur verbunden fühlt Horst Zähr sich nach wie vor. Jetzt, erzählt er, da er die Zeit zum Reisen hätte, aber die Kraft nicht mehr, da verreise er mit dem Fernseher; entdeckt seine Leidenschaft für das Medium Film: "Ich habe in meinem Leben so viel fotografiert. Aber wie schön das aussieht, wenn ein Vogel davonfliegt, das konnte ich nie festhalten."

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