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Kinderzimmer-Dealer wird zum Quotenhit

Die Netflix-Serie „How to sell drugs online (fast)“ beruht auf einer wahren Leipziger Geschichte. Der echte Drogenhändler ist inzwischen wieder frei.

In der Serie "How to sell Drugs online (fast)" wirken die Mengen an Drogen lächerlich groß. Sind sie aber nicht, wie der Prozess des echten Falls aus Leipzig beweist.
In der Serie "How to sell Drugs online (fast)" wirken die Mengen an Drogen lächerlich groß. Sind sie aber nicht, wie der Prozess des echten Falls aus Leipzig beweist. © Peter Ending/dpa

Von Sven Heitkamp, Leipzig

Im März 2015 präsentiert die Leipziger Polizei eine spektakuläre Verhaftung: Der 20-jährige Maximilian S. hatte von seinem Kinderzimmer in Leipzig-Gohlis aus monatelang massenhaft Drogen über das Internet verkauft. Fast eine Tonne Ecstasy, Crystal, Haschisch und Dopingpräparate für vier Millionen Euro sollen über seine Internetportale „Shiny flakes“ („Glitzernde Flocken“) gegangen sein. 

Bezahlt wurde ausschließlich mit Bitcoins. Nach einer längeren Observation hatte die Polizei den jungen Dealer am 25. Februar bei der Übergabe einer Lieferung vor seiner Haustür  festgenommen und 320 Kilogramm Rauschmittel sichergestellt. Maximilian S., der bei seiner alleinerziehenden Mutter in Leipzig wohnte und angab, selbst keine Drogen genommen zu haben, wurde schließlich zu einer Jugendstrafe von sieben Jahren verurteilt worden.

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Ein harmloser Nerd und eine Exfreundin

Fünf Jahre später ist der außergewöhnliche Leipziger Fall zum Filmstoff geworden. Die  Serie „How to sell drugs online (fast)“ - Wie man Drogen online verkauft (schnell) ist ein Quotenhit bei Netflix, nach Angaben des Streamingdienstes  die bisher erfolgreichste deutsche Originalserie auf der Plattform. Seit kurzem läuft die zweite Staffel, und gerade wurde angekündigt, dass es auch eine dritte geben wird. Zwar bleiben exakte Zahlen über die beliebtesten Serien und Filme weiterhin ein Netflix-Geheimnis. Doch seit kurzer Zeit veröffentlicht der Streamingdienst Top-10-Listen der meistgesehenen Streifen. „How to sell drugs online“ steht dort seit Tagen auf vordersten Plätzen, vorige Woche sogar auf Nummer 1.

Geschichten die das Leben schreibt: Maximilian Mundt als Moritz Zimmermann will seine Exfreundin (Anna Lena Klenke als Lisa Novak) zurückgewinnen. Und wird kurzerhand ein europäischer Drogenbaron.
Geschichten die das Leben schreibt: Maximilian Mundt als Moritz Zimmermann will seine Exfreundin (Anna Lena Klenke als Lisa Novak) zurückgewinnen. Und wird kurzerhand ein europäischer Drogenbaron. © Netflix

Der Kern der Story orientiert sich nah am sächsischen Original, spielt allerdings an einem anderen Ort. Es gibt nicht nur einen Online-Drogenhändler, dafür aber eine erfundenen Liebesgeschichte: Zwei technikbegeisterte Teenager, die permanent auf allen Kanälen online sind,  beginnen von ihrem Jugendzimmer aus, im Internet ein Drogenimperium aufzubauen. Unter dem Namen „MyDrugs“ verkaufen sie zunächst Billigware aus der Kleinstadt, bald auch hochwertige Qualität von professionellen Dealern. Moritz, der Protagonist der Serie und eigentlich ein harmloser Nerd, will auf diesem Umweg das Herz seiner Ex-Freundin zurückerobern, die gerade mit dem hübschen Schuldealer durchbrennt.

Die Serie hat zum einen etwas von einer Teenager-Lovestory, die vor allem von Freundschaft, Whats-App, Facebook und Instagram-Posts handelt. Manchmal beobachtet man die Hauptfigur schon wie aus dem Inneren seines Laptops oder Smartphones heraus. Durchaus spannend erzählt ist der Krimi um kleine Fische und große Haie auf dem Markt der künstlichen Drogen. Anfangs erklärt dazu Tatort-Kommissarin Ulrike Folkerts als Sportlehrerin die gefährliche Wirkung von Partydrogen. 

Das Team hinter Jan Böhmermann

Und Raumschiff-Enterprise-Commander Jonathan Frakes führt in die Tiefen des verborgenen Darknets ein. „Tatortreiniger“ Bjarne Mädel spielt dazu den Kleinstadt-Ganoven. Die Kulisse der Serie liefert das fiktive Örtchen „Rinseln“, in dem der Vater des heranwachsenden Dealers ein Dorfpolizist ist – und wo ansonsten jeder mal etwas mit jedem hat. Nicht zu verwechseln mit dem echten Städtischen Rinteln im niedersächsischen Weserbergland, wo  man die Namensähnlichkeit mit Vergnügen verfolgt.

Jede Staffel zählt sechs Folgen von rund 30 Minuten. Gedreht wurde sie von Starregisseur Arne Feldhusen, der mit Serien wie "Stromberg", "Tatortreiniger",  "Ladykracher" und „Mord mit Aussicht“ einigen skurrilen Filmprojekten seine Handschrift gab. Zweiter Regisseur ist Krimi-Experte Lars Montag, der mehrere „Tatorte“ und einen „Polizeiruf“ gedreht hat. 

Produziert wurde die Serie von der Kölner „Bildundtonfabrik“, die auch für Jan Böhmermanns „Neo Magazin Royal“ verantwortlich zeichnet. Geschrieben haben sie die Kölner Autoren Philipp Käßbohrer, Sebastian Colley und Stefan Titze. Im Frühjahr wurde ihre Produktion sogar mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

Internetnutzer "Dummes Schwein"

Der wahre Leipziger Onlinedealer Maximilian S. ist Ende Juli vorigen Jahres  nach rund viereinhalb Jahren Gefängnis  aus der Haft entlassen worden. Nachdem er erst das Gymnasium und später eine Lehre in einem italienischen Restaurant abgebrochen hatte, hatte er mit 18 Jahren in der Plattenbau-Wohnung seiner Mutter den Drogenversand begonnen. Er mietete zwei Server in den Niederlanden und nannte sich „Don Camillo“. Anfangs agierte er nur im verborgenen Darknet, später eröffnete er sogar Shops im offenen Internet unter shiny-flakes.to.

Der wahre Leipziger Onlinedealer: Der Angeklagte Maximilian S. sitzt im Jahr 2015 neben seinem Anwalt im Gerichtssaal.
Der wahre Leipziger Onlinedealer: Der Angeklagte Maximilian S. sitzt im Jahr 2015 neben seinem Anwalt im Gerichtssaal. © Archivbild: dpa/Peter Endig

Vor Gericht erzählte Max S. später, ein anonymer Internetbekannter mit dem Decknamen „Dummes Schwein“ habe ihn auf den Gedanken gebracht. Als „Dummes Schwein“ nach wenigen Wochen abgesprungen sei, habe er allein weitergemacht. Den Stoff habe er meist von einem Berliner Lieferanten mit dem Decknamen „Red Bull“ bezogen, der kurz vor im verhaftet wurde. Doch bis dahin habe sich der Umsatz mit jedem Monat verdoppelt. 

Weil er keine minderwertige Ware haben anbieten wollen, habe er Proben in verschiedene Labore geschickt, um ihre Sauberkeit zu testen. Seine Kunden lebten nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA, Asien und Australien. Er habe bis zu 18 Stunden am Tag gearbeitet, den Internetshop gepflegt, Ware verschickt und kaum noch geschlafen. „Es war wie im Wahn“, sagte er als Angeklagter vor Gericht. Er selbst habe aber keine Drogen konsumiert. Rund 300 Kilo verschiedenste Präparate fand die Polizei bei seiner Festnahme ordentlich sortiert in Regalen in seinem Kinderzimmer.

Er wohnte im Hotel Mama

Die Geschäfte des selbstbewussten jungen Mannes flogen vor allem auf, weil er einige Drogen-Päckchen nicht ausreichend frankiert hatte. Die Post konnte den angegebenen Anschriften keine normalen Adressen zuordnen, entdeckte dafür aber die illegale Fracht. Schließlich konnten Ermittler den Absender eingrenzen und den Dealer an einer Packstation ausfindig machen. Ende Februar wurde er Zuhause bei einer Lieferung festgenommen. Auch ein Kurierfahrer wurde verhaftet. 

Zudem wurden bundesweit Wohnungen, offenbar von Kunden und Geschäftspartnern, durchsucht. Er habe den Job eigentlich perfektionieren wollen, sagte Max S. vor Gericht. Ums Geld sei es ihm nicht gegangen, sondern nur um Perfektion. Laut seinem Anwalt hatte er nie teure Autos, unternahm keine Luxusreisen und wohnte im „Hotel Mama“ im Plattenbau. Vor Gericht sagte er: „Im Grunde war alles eine Schnapsidee.“

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