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Hubschrauber kalken Tharandter Wald

Die Gaben aus der Luft verbessern die Bodenqualität und fördern den Mischwald. Doch gegen ein anderes aktuelles Problem ist auch der Kalk machtlos.

Im nordwestlichen Tharandter Wald streut der Hubschrauber Kalk aus.
Im nordwestlichen Tharandter Wald streut der Hubschrauber Kalk aus. © Egbert Kamprath

Ohrenbetäubender Lärm zerschmettert die Ruhe im Tharandter Wald: Kreisende Rotorblätter eines Hubschraubers, an dem ein betonmischergroßer Trichter hängt und ein Radlader, der hoch stiebenden Kalk dort hineinfüllt, sind die Verursacher. Eigentlich müsste hier mindestens eine Kindergartengruppe stehen, um dieses Schauspiel zu würdigen. Doch das Waldgebiet rund um den Holzplatz vom Versuchs- und Lehrobjekt Hetzdorf, von dem der große Haufen Dolomitkalk portionsweise vom Hubschrauber abgeholt wird, ist weiträumig abgesperrt - mit gutem Grund. 

Über dem nordwestlichen Viertel des Tharandter Waldes werden derzeit insgesamt fast 2.000 Tonnen des gelblichen Pulvers verstreut. Abhängig vom Wetter wird diese Maßnahme zur Bodenverbesserung auf den 660 Hektar zwischen Naundorf, Kurort Hartha und Grillenburg in drei Wochen beendet sein. Das teilte der zuständige Staatsbetrieb Sachsenforst mit.

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Spätfolgen des sauren Regens

Der Kalk soll den pH-Wert des Bodens vom sauren in einen neutraleren Bereich heben. Er ist ein wesentlicher Bestandteil des Waldumbaus vom reinen Nadel- zum artenreichen Mischwald, an dem der Sachsenforst seit 1992 arbeitet. 

Denny Werner, Sachbearbeiter für Waldökologie und Naturschutz beim Forstbezirk Bärenfels, zeigt die zu kalkenden Gebiete im Tharandter Wald.
Denny Werner, Sachbearbeiter für Waldökologie und Naturschutz beim Forstbezirk Bärenfels, zeigt die zu kalkenden Gebiete im Tharandter Wald. © Egbert Kamprath

Im Forstbezirk Bärenfels ist der Forstwissenschaftler Denny Werner für die Waldökologie und den Naturschutz zuständig. Vor ihm liegt eine Karte mit den Kalkstreu-Zonen: "Jedes Jahr wird die Kalkung detailliert geplant und mit allen Beteiligten abgesprochen", sagt er. "Ausschlusskriterien für die Ausbringung sind Biotope, Gewässer oder Mischwald." Dank GPS-Steuerung und der Erfahrung der Piloten mit Wind und Wetter wird der Kalk nahezu metergenau verteilt. 

Vor allem der pH-Wert des Bodens ist ausschlaggebend für eine Kalkung. "Hier ist der Grad der Luftverschmutzung in den Achtzigerjahren zu sehen", sagt Werner und blättert eine andere Karte auf. Tiefrot leuchtet das Osterzgebirge entlang der tschechischen Grenze. „Das waren auch die Gebiete, die am stärksten unter dem sauren Regen litten“, sagt der 32-Jährige. Damals kannte jeder die erschreckenden Bilder der kahlen, abgestorbenen Bäume auf dem Erzgebirgskamm. 

Grundlage für klimastabile Mischwälder

Inzwischen sind sie Geschichte, doch der Boden ist sauer geblieben: "Wenn dann nur die ebenfalls sauren Fichtennadeln darauf fallen, erreichen wir pH-Werte unter 4,2", sagt Werner.  Zum Vergleich: Wasser gilt als pH-neutral mit einem Wert von 7. Beim Wert 15 endet die Skala mit den alkalischen Laugen. Laubbäume wachsen am besten auf neutralen Böden. 

Doch genau diese Laubbäume sind es, die dem Wald mehr Stabilität geben sollen: "Bei zehn Hektar Fichtenbestand fressen sich die Borkenkäfer ungehindert durch", sagt Werner. "Weil Schädlinge aber meist auf eine bestimmte Baumart spezialisiert sind, haben sie es in einem durchmischten Wald schwerer, sich auszubreiten." 

Zudem wurzeln Eichen mit ihren Pfahl- und Buchen mit ihren Herzwurzeln tiefer in der Erde als beispielsweise die flachwurzelnden Fichten. Damit halten sie Stürmen besser Stand und gelangen an Wasser aus tieferen Erdschichten. Nicht zuletzt: Das Laub sorgt beim Verrotten seinerseits für einen eher pH-neutralen Boden, der auch die Lebensbedingungen für Bodenlebewesen wie Regenwürmer verbessert. 

Der Holzplatz vom Versuchs- und Lehrobjekt Hetzdorf dient als Kalklagerplatz und Nachfüllstation.
Der Holzplatz vom Versuchs- und Lehrobjekt Hetzdorf dient als Kalklagerplatz und Nachfüllstation. © Egbert Kamprath

Die Grundlage für einen gedeihenden Mischwald soll nun der kohlensaure Magnesiumkalk legen. Es wird im bayerischen Dolomitwerk Neuensorg hergestellt und ist vollkommen ungefährlich für Flora und Fauna. Auch damit eingestäubte Pilze und Beeren sind weiterhin essbar. 

Pro Tonne schlägt das Gesteinpulver mit circa 100 Euro zu Buche. Die Kosten der ganzen Aktion werden komplett von EU-Fördermitteln bestritten. Die derzeitigen Kalkgaben sind für lange Zeit die letzten für diesen Teil des Tharandter Waldes: "Erst in zehn Jahren wird hier wieder gekalkt unter Berücksichtigung der pH-Wert Entwicklung", sagt Werner. Die Fläche mit Kalkbedarf müsste dann kleiner sein.

Neue Sorgen um den Wald

Werner zeigt auf die bereits früher gekalkte, nachwachsende Waldfläche um sich herum, auf kleine Ebereschen, Rotbuchen, Eichen, Erlen und Birken zwischen hohen Fichten und Kiefern. "So sieht die Waldverjüngung aus. Die Erlen zeigen an, dass die Triebisch ganz nah ist." Im Bachbereich sorgt sie für einen ausreichend feuchten Boden. 

Doch Werner kennt auch die aktuellen Bilder abgestorbener Bäume, die denen aus den 1980er-Jahren verblüffend gleichen: "Ohne Wasser helfen dem Wald auch die Kalkgaben nicht." Die niedrigen Regenmengen der letzten drei Jahre lassen sich nicht künstlich ausgleichen.

Der Hubschrauber hebt ab zur nächsten Runde. Die Mitarbeiter vom Sachsenforst tun ihr bestes, um wenigstens den ph-Wert in Ordnung zu bringen. Auf Regen können auch sie nur hoffen.

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