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Hüter der Stadt

Ohne Andreas Christl würde Meißen heute anders aussehen – nun ist der Denkmalschützer völlig überraschend gestorben.

Andreas Christl sah mit dem Maß von Jahrhunderten auf die Dinge und die Menschen – aber niemals auf sie herab.
Andreas Christl sah mit dem Maß von Jahrhunderten auf die Dinge und die Menschen – aber niemals auf sie herab. © SZ/Jürgen Lösel

Meißen. Es ist unbegreiflich, ich sehe ihn immer noch gleich durch irgendeine Tür kommen“, sagt Einhart Grotegut. Doch Andreas Christl kommt durch keine Tür mehr – jedenfalls keine irdische: Am Sonntag, dem 14. Juli, ist er völlig unerwartet verstorben. So, wie Einhart Grotegut, dem Dresdner Künstler und engen Freund von Andreas Christl, geht es vielen, die den Mann mit dem spärlichen Haupthaar und dem Rauschebart kannten und schätzten – sie haben einen Verlust erlitten, der noch nicht wirklich sein will.

„Er war geschafft von der Arbeit und wollte einfach in seinem geliebten Südtirol wandern gehen, er war ein Bergmensch, durch und durch“, erzählt Kathrin Christl, seine Frau. Doch dann, am 9. Juli, einen Tag vor seinem 61. Geburtstag, erlitt er einen Herz- und Kreislaufstillstand, aus dem er nicht wieder zu Bewusstsein kommen sollte. „Er hatte noch so viel in seinem Kopf, wollte noch so viel schreiben.“

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Andreas Christl wurde am 10. Juli 1958 in Pobershau, im Erzgebirge, geboren. Von 1980 bis 1985 studierte er Archäologie an der Humboldt Universität Berlin. Und die Archäologie war der systematische, wissenschaftliche Grund, auf dem er auch als Denkmalpfleger sicher stehen sollte. 

Schon als 19-Jähriger hatte er als Hilfskraft bei archäologischen Ausgrabungen am Landesmuseum für Vorgeschichte Dresden mitgearbeitet. Nach dem Studium ging er als wissenschaftlicher Mitarbeiter ans Bezirksmuseum Cottbus und beschäftigte sich mit Stadtarchäologie. Ein Feld, auf dem er später auch Wesentliches in Meißen leisten sollte. „Neben seiner Arbeit als Denkmalpfleger hat er die Grundlagen für die moderne Stadtkernforschung in Meißen gelegt“, sagt Dombaumeister Knut Hauswald.

 „Andreas Christl hat erkannt, dass man sich die Keller der Häuser anschauen muss.“ Denn die Häuser konnten wohl abbrennen oder zerstört werden, die Keller aber blieben, woraus man sehr viel ablesen könne. Nun ist ein Meißener Kellerkataster entstanden – ein hilfreiches Instrument für die Bauforschung.

Von 1991 bis 1994 arbeitete Andreas Christl beim Landesamt für Archäologie in Dresden. Hier lernte er Einhart Grotegut kennen, der dort als ABM-Kraft beschäftigt war. „Er hat mich immer zum Mittagessen abgeholt, und wenn ich eine Maultrommel hörte, wusste ich, dass er kommt.“ 

Dabei stimmten sie in ihrer kritischen Einschätzung der Archäologie überein: „Archäologen sind Zerstörer“, lautete das harte Urteil, denn sie würden zwar bergen und erhalten, aber sie könnten sich nicht sicher sein, dass nachfolgende Generationen nicht ganz andere Mittel zur Verfügung hätten, um das Archiv im Boden zu schützen. „Das Behutsame, das Erhalten-Wollende – das steckte in ihm drin.“

Angesichts einer Aufgabe, wie der Rettung der Meißener Altstadt nach 1990 auf den ersten Blick eher keine so gute Voraussetzung. Doch Andreas Christl war auch „ein Praktiker, ein Mann der Tat“, sagt Knut Hauswald. Diese auf den ersten Blick widersprüchlichen Eigenschaften sollten ihm als Leiter des Denkmalamtes der Stadt Meißen von 1994 bis 2005 zugutekommen.

Auf etwas Anderes verweist die Architektin Antje Hainz: „Er hat nicht gleich die Verwaltungskeule rausgeholt, wenn es darum ging, einen Bauherren davon zu überzeugen, ein Denkmal zu erhalten.“ Und was die Behörden betrifft, mit denen er zu verhandeln hatte, so hatte das, was er vorbrachte, durch seine Persönlichkeit und seine Ausstrahlung Gewicht.

Es wurde eine Denkmalerfassung ins Werk gesetzt, erinnert sich Antje Hainz: „Eine Gruppe von Architekten, Bauingenieuren und Restauratoren ist durch die Häuser gezogen und hat sie aufgenommen.“ Als dann die große Sanierungswelle anrollte, brauchte man nur ins Regal zu greifen, um die richtige Entscheidungshilfe zu haben. Gesteuert hat diesen Prozess Andreas Christl. „Es ist unbezahlbar, was er geleistet hat. Er hat ein unglaubliches Wissen angehäuft, mit dem er dazu beitragen konnte, dass vieles erhalten geblieben ist.“

Aber Andreas Christl konnte auch der erzgebirgische Dickschädel sein, wenn es um die Substanz ging. Dann konnte er hart sein bis hin zum Baustopp und zur Strafanzeige, wie jüngst im Falle des Abrisses von Gebhardts Weinschank. Dass jemanden, der Denkmale bewahren will, oft der Gegenwind ins Gesicht bläst, ist nicht nur zu vermuten.

 „Trotz erheblicher Widerstände hat er den Erhalt wertvoller ‚Gebäude durchgesetzt, er hat für jedes Haus gekämpft“, sagt Restaurator Michael Gruner, der auf Schloss Batzdorf arbeitet und lebt. Er habe das Schloss intensiv betreut, sodass es heute das Kleinod ist, das man kennt.

Was den Widerstand betrifft, so bekam ihn Andreas Christl 2005 für alle offenkundig zu spüren. Michael Gruner formuliert es so: „Dass eine Stadt wie Meißen ihre Denkmalpflege nach Großenhain wegdelegiert, hat er nie verstehen können und wollen.“ Andreas Christl wird zwar 2007 zum Leiter der Unteren Denkmalschutzbehörde des Landkreises Meißen befördert – aber eben am falschen Ort.

Unentwegt setzt er sich nicht nur für die Denkmale ein, sondern forscht und publiziert. Er beschäftigt sich mit alten Bauernhäusern und der Idee eines Freilichtmuseums genauso, wie mit dem Erhalt des Meißner Domes. „Er war immer da, wenn wir ihn brauchten“, so Dombaumeister Knut Hauswald.

Zu Hause habe er nicht viel von der Arbeit erzählt, er wollte, was er nicht regeln konnte, nicht der Familie aufbürden, erzählt Kathrin Christl. Auch hier war er der Mann der Tat, gemeinsam mit seiner Frau sanierte er erst sein Wohnhaus, ein altes Fischerhaus an der Siebeneichener Straße und dann noch das Nachbargebäude, wofür sie 2017 mit einem zweiten Preis beim Landeswettbewerb Ländliches Bauen ausgezeichnet worden sind. Und 2016 hat er sich noch einen Traum erfüllt und den Jagdschein gemacht, er folgte damit dem Vater, der Jäger war.

„Er war ein fröhlicher Mensch, er hat immer Geschichten erzählt und dort sein Wissen eingebaut“, sagt Kathrin Christl. „Er wirkte nach außen sehr stark, aber er war sensibel, hat sich sehr viel aufgebürdet.“ Tom Lauerwald, der befreundete Kunstwissenschaftler, fasst es so: „Es ist ja geradezu ein gesellschaftlicher Massensport geworden, die Denkmalpflege für alles verantwortlich zu machen, wenn etwas nicht funktioniert.

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 Das geht an keinem spurlos vorüber.“ Sein Fazit: „Für Andreas Christl ist kein Ersatz da.“ Knut Hauswald zieht noch ein anderes: „Das Wirken von Andreas Christl ist eine große Erfolgsgeschichte.“ Man darf guter Hoffnung sein, dass sie nachfolgende Generationen klarer sehen werden als die jetzigen.

Die Trauerfeier für Andreas Christl findet am 26. Juli, 15 Uhr in der St. Afra Kirche statt.

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