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Hüter der Zeitschleuse

Das Unitätsarchiv feiert seinen 250. Geburtstag. Es ist gefragt bei Forschern, kämpft aber nach wie vor gegen die Zeit.

Von Anja Beutler

Sie kommen alle – und sie kommen immer wieder: Mathematiker und Botaniker, Meteorologen, Pädagogen und Zoologen, Geografen und Musikwissenschaftler. Der Leiter des Herrnhuter Unitätsarchivs Rüdiger Kröger könnte die Liste problemlos verlängern. „Sobald ein Forschungsthema eine historische Dimension hat, sind wir relevant“, sagt der 46-Jährige. Und zwar nicht nur für die Forscher aus der nächsten Nähe: „Pro Jahr haben wir Gäste von drei Kontinenten“, sagt er. Und genau das freut ihn, denn es zeigt, wie wichtig das Archiv, die Bibliothek und die Bestände nach wie vor sind – auch ohne dass es offizielle Besucherzahlen gäbe, die für eine solche Einrichtung ohnehin wenig Aussagekraft hätten. Dennoch ist es legitim, die Frage nach der Bedeutung zu stellen. Nicht umsonst hat der Archivverein die Auftaktveranstaltung zum Jubiläumsjahr unter das Motto „Ist das wichtig, oder kann das weg“ gestellt, sagt Kröger und lächelt.

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Weg soll in der Tat nichts aus dem Archiv. Weder die Handschriften Zinzendorfs noch die Gemeinschriften, die Briefe, die 25 000 bis 30 000 Lebensläufe von Brüdergemeine-Mitgliedern, die Grammatiken und Lehrbücher inzwischen fast ausgestorbener Sprachen, noch all die Gemälde, Möbel, botanischen oder auch kulturellen Sammlungen: Bis zum präparierten Ochsenfrosch ist da alles dabei.

Das soll auch konserviert bleiben. Und genau das ist die Aufgabe – wie vor 250 Jahren. „Es ist noch nicht für alles gesorgt“, betont Kröger. Dabei denkt er beispielsweise an die Fotosammlung, die nicht optimal gelagert ist. Noch heute entstehen durch chemische Reaktionen immer wieder Verluste. Auch Gemälde und die Schriften auf säurehaltigem Papier machen den insgesamt drei Archivbeschäftigten Sorgen. Aber all das kostet Geld, das allein die Unität nicht aufbringen kann, wo Fördergelder, Spenden und Kollekten nötig sind.

Krögers Vorgänger in all den Jahrzehnten hatten schon immer mit dem Zusammenhalten und Bewahren der Sammlung zu tun. Wenngleich unter ganz anderen Vorzeichen. Das nun erschienene Buch zum Jubiläum des Archivs wirft deshalb auch einen Blick auf die Schwierigkeiten, die es in den 250 Jahren immer wieder gab: ungeeignete Räume, mangelnde Ordnung im Bestand, Kriege, Akten, die ständig auf Reisen waren... Im Vergleich dazu sind die Zustände heute – mit dem 1,5 Millionen Euro teuren Magazinbau, für den 2000 der Grundstein gelegt wurde – paradiesisch.

Das würde Rüdiger Kröger freilich nicht so unterschreiben. Denn die Fragen, mit denen er sich gemeinsam mit der Brüder-Unität befasst, sind ganz anderer, neuartiger Natur: Dabei geht es um die Chance der elektronischen Archivierung und auch des Internets. „Alles zu digitalisieren, wäre für uns gar nicht zu stemmen – und es würde die Probleme im Grunde auch verdoppeln“, erklärt der Archivleiter. Denn entsprechende Technik und Speicherkapazitäten hat sein Haus schlicht nicht. Solche Projekte – beispielsweise die Fotosammlung oder die immer wieder nachgefragten Zinzendorfschriften zu digitalisieren – funktionierten nur mit einem großen Partner wie der Landesbibliothek in Dresden. Und: „Auch digitale Daten müssen gepflegt und systematisiert werden“, sagt Kröger.

Dass er kein absoluter Gegner der digitalen Welt ist, hat er inzwischen gezeigt: Das Archiv ist online, und auch die Suche nach Beständen hier vor Ort ist mit der neuen Homepage zum Jubiläumsjahr entscheidend angeschoben worden. Kröger selbst ist ohnehin sicher, dass sein Archiv noch viele Schätze – auch unerforschte – bietet. Dabei denkt er nicht nur an Wissenschaftler oder Ämter, die immer wieder in Nachlassverfahren Anfragen stellen. „Es kommen tatsächlich auch einige Leute nur zum schönen Zeitvertreib“, sagt er. Die richtige Mischung zwischen Wissenschaft und Vergnügen soll auch das Jubiläumsjahr bieten: Neben einer großen Tagung ist eine Ausstellung mit dem Museum geplant. Gezeigt werden da natürlich nur Schätze.

Das Buch „Das Unitätsarchiv. Aus der Geschichte von Archiv, Bibliothek und Beständen“ gibt erstmals einen umfassenden Einblick in die Entstehung der Sammlungen, die bisherigen Leiter und Projekte. Es kostet 24,95 Euro und ist auch in der Comenius-Buchhandlung erhältlich.

www.archiv.ebu.de