SZ + Dresden
Merken

Hufi fliegt am Waldschlößchen

Mit einer cleveren Idee hat ein Kunsthandwerker sowohl Befürworter als auch Gegner der Brücke in Dresden begeistert. Das zeigt auch unser Video.

Von Peter Hilbert
 4 Min.
Teilen
Folgen
Holzspielzeugmacher Pierre Gläßer zeigt seine übergroße Hufi am Waldschlößchen. In seiner Werkstatt hat er Tausende kleine Exemplare hergestellt.
Holzspielzeugmacher Pierre Gläßer zeigt seine übergroße Hufi am Waldschlößchen. In seiner Werkstatt hat er Tausende kleine Exemplare hergestellt. © Christian Juppe

Die Fledermaus-Flugsaison ist zwar vorbei. Die Kleine Hufeisennase, genannt Hufi, ist im Winterquartier. Deshalb fällt bis Ende März das Tempo-30-Limit weg, das auf der Waldschlößchenbrücke im Sommerhalbjahr zum Schutz von Hufi gilt. Jetzt lässt Pierre Gläßer schmunzelnd seine übergroße Fledermaus fliegen. Das kann sie zu jeder Zeit. Schließlich ist diese Hufeisennase mit einer Flügelspannweite von 42 Zentimetern aus Holz.

Auf die ausgefallene Idee kam der junge Seiffener Holzspielzeugmacher, als um die Waldschlößchenbrücke noch heftig gestritten wurde. Hufi war zum Synonym dafür geworden. Vor dem Baubeginn der Brücke hatte das Oberverwaltungsgericht Bautzen zum Schutz von Hufi das Tempolimit festgelegt. Zwar fliegen die Tiere unter Brücken hindurch. Sollte sich im Fall der Fälle jedoch einmal ein Tier verirren, könnte es bei 30 km/h aufgrund seiner extrem kurzen Reaktionszeit noch ausweichen.

„Ich hatte damals die Diskussion verfolgt. Sie war schon fast lächerlich“, sagt der 37-Jährige. Bei Radio PSR war Hufi damals ein Dauerbrenner. Gläser wollte als Gag hölzerne Hufeisennasen bauen. Kurzentschlossen rief Gläßer bei PSR-Moderator Steffen Lukas an und fragte, ob er seine Holzexemplare auch Hufi nennen dürfe. Der Kunsthandwerker wollte keinen Ärger wegen der Namensrechte. Lukas sei begeistert gewesen und stimmte zu. Die Produktion der etwa sechs Zentimeter großen Hufis aus Buchenholz in Gläßers Seiffener Familienwerkstatt begann 2008. Zuerst nahm Hufi als Skizze auf dem Papier Konturen an. Dann tüftelte der Kunsthandwerker, stellte Prototypen her. Schließlich hatte er noch nie eine kleine Hufeisennase in natura gesehen. Nach einigen Wochen war das erste Hufi-Exemplar fertig. Seine Frau Ulrike folgte und fertigte später auch Weihnachts-Hufis. Wie seine Vorfahren hatte Gläßer viele Ideen. Dieses Jahr kann der Familienbetrieb immerhin schon auf eine 115-jährige Tradition zurückblicken.

Die begründete Pierres Urahn Arthur Gläßer, der auch schon sehr erfindungsreich war. Er war der Erste, der in den 1930er-Jahren in Seiffen Tischpyramiden herstellte. Vorher hatten die Kunsthandwerker dort nur große Exemplare geschnitzt. Von Kindesbeinen an war Pierre in der Werkstatt, wo ihm sein Großvater Werner Gläßer viele Kniffe beibrachte. „Dort hatte ich viel rumgefriemelt und kleine Männel gebastelt“, erzählt er. „Das hat mich schon immer fasziniert.“

Nach dem Abitur lernte der Seiffener den Beruf des Holzspielzeugmachers. Besondere Freude hat er am Handwerk und am Tüfteln. „Der Werkstoff Holz ist sehr interessant. Man kann viele damit machen“, weiß Gläßer aus Erfahrung. So entwickelte er eine ungewöhnliche Pyramide, die Lichtspirale Helix. „Das ist die erste und einzige Pyramide, die sich ohne Flügelrad dreht.“

Hunderte Pyramiden werden jährlich in der Seiffener Werkstatt gebaut. Gläßers Großvater, von dem er sie 2012 übernahm, hatte 1994 ein besonderes, knapp drei Meter hohes Exemplar hergestellt. Das war damals in einer Ausstellung in Saarbrücken zu sehen, wo Sachsens Wirtschaft präsentiert wurde, darunter auch das traditionsreiche Holzspielzeugmacher-Handwerk. Seitdem wird die Pyramide jährlich zur Weihnachtszeit im Foyer des sächsischen Wirtschaftsministeriums aufgebaut. „Anfang dieses Jahres haben wir sie restauriert“, sagt Gläßer. Die Pyramide wurde in Einzelteile zerlegt. Drei Kerzenarme waren kaputt und mussten neu hergestellt werden. Zudem besserte er die großen Figuren aus und lackierte die Pyramide neu. „Zwei Wochen habe ich gearbeitet, um die wieder auf Vordermann zu bringen.“

Unter den geschickten Händen von Pierre Gläßer entstehen kleine Holzkunstwerke. 
Unter den geschickten Händen von Pierre Gläßer entstehen kleine Holzkunstwerke.  © Sven Ellger
Hufi ist fast komplett. Zuletzt wird der Kopf hinzugefügt. Seit 2008 baut er die kleinen Fledermäuse.
Hufi ist fast komplett. Zuletzt wird der Kopf hinzugefügt. Seit 2008 baut er die kleinen Fledermäuse. © Sven Ellger
Erzgebirgische Tradition aus dem Spielzeugdorf Seiffen. Gläßers Familienbetrieb ist schon 115 Jahre alt.
Erzgebirgische Tradition aus dem Spielzeugdorf Seiffen. Gläßers Familienbetrieb ist schon 115 Jahre alt. © Sven Ellger

Doch die Waldschlößchen-Hufi ist nach wie vor einer der größten Erfolge. Als er 2011 und 2012 zur Adventszeit mit seiner Seiffener Stube in der Funkelstadt in der Pirnaischen Vorstadt war, sei das der Renner gewesen. „Da kamen Massen. Teilweise standen die Leute Schlange an meinem Stand“, berichtet er. Ein Landtagsabgeordneter, der für die Waldschlößchenbrücke war, habe damals gleich fünf Holz-Hufis mitgenommen. Aber auch bekennende Brückengegner hätten die putzigen Tierchen gekauft. Über 10.000 Stück hat der Seiffener schon verkauft.

Dabei ist die Waldschlößchenbrücke für Hufi eigentlich überflüssig. „Denn wer fliegen kann, braucht keine Brücke“, sagt Gläßer schmunzelnd. Gläßer ist schon ab und zu darüber gefahren. „Das mit dem Blitzer ist schräg“, kommentiert er das nächtliche Tempolimit im Sommerhalbjahr. Wegen dieses Bauwerks hat Dresden jedoch seinen Unesco-Welterbetitel verloren. Seine Heimat, das Erzgebirge mit ihrem traditionsreichen Bergbau, hat hingegen den Unesco-Welterbetitel erhalten. Worüber er sich freut. Direkt vorbei an Seiffen wird derzeit die Ferngastrasse Opal gebaut. „Da werden lange Schneisen durch die Wälder geschlagen“, berichtet er. Es würden 200 Jahre alte Bäume fallen. „Darüber hat sich aber noch keiner empört“, sagt Gläßer verwundert.

www.pierre-decor.de

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach. 

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.