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Dem Hufschmied bleiben nur noch Sachsens Polizeipferde

Die Corona-Krise hat neben dem Sport auch längst das Handwerk erreicht. Sylvio Siewert spürt das auch finanziell. Denn von der Rennbahn fehlen die Aufträge.

Meist donnerstags oder freitags für die sächsische Reiter-Staffel im Einsatz: Hufschmied Sylvio Siewert.
Meist donnerstags oder freitags für die sächsische Reiter-Staffel im Einsatz: Hufschmied Sylvio Siewert. © Thomas Kretschel

Dresden. Die sächsische Bereitschaftspolizei ist derzeit sein bester Kunde. Deren Pferde sichern Sylvio Siewert das Einkommen. Der Mann ist Hufschmied und beschlägt die etwa 20 Tiere der Reiter-Staffel. „Aller acht Wochen, wie immer. Das ist ein rollendes Jahr“, sagt Siewert. Seit 2006 macht er das, daran ändert auch die Corona-Pandemie nichts. Und doch gibt es einen Unterschied. Der Umsatz auf der Dresdner Rennbahn, de facto Siewerts zweites finanzielles Standbein, bricht gerade ein. Keine Renntage, kaum Bedarf an einem Hufschmied – so einfach geht die Rechnung.

Umso wichtiger ist der Auftrag der Behörde. Meistens donnerstags oder freitags fährt Siewert also in den Radeberger Ortsteil Großerkmannsdorf an den Rand der Dresdner Heide, wo die Reiter-Staffel stationiert ist. Der Mann kennt sich also aus: „Die Pferde müssen zu jeder Zeit einsatzbereit sein.“ Häufiger als sonst sind sie trotz des aktuellen Ausnahmezustandes nicht unterwegs.

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„Die Polizei zeigt täglich Präsenz und geht meistens mit zwei Pferden auf Streife, auch zu Trainingszwecken“, erklärt der 43-Jährige. Die Tiere sollen sich an Umwelteinflüsse wie Radfahrer oder schreiende Kinder gewöhnen, dass sie im Ernstfall weniger Angst haben. „Denn Pferde sind Fluchttiere. Sie wollen weglaufen“, sagt Siewert.

Rund 200 Einsätze jedes Jahr, meist beim Fußball

Gegenwärtig ist der Aufgabenschwerpunkt der Reiter-Staffel ein anderer. „Die Kolleginnen und Kollegen unterstützen in Polizeireiter-Streifen die Polizeidirektionen Dresden und Leipzig vorrangig in den Naherholungsgebieten bei der Kontrolle und Durchsetzung der Sächsischen Corona-Schutz-Verordnung“, sagt Almut Sichler, Pressesprecherin im Polizeipräsidium. Dabei handele es sich um Zweier-Teams, die Einsatzhäufigkeit habe sich allerdings nicht verändert.

Der Freistaat Sachsen gehört zu den wenigen Bundesländern mit einer eigenen Reiter-Staffel, die inzwischen gut 200 mal pro Jahr im Einsatz ist, deutschlandweit und am häufigsten bei sogenannten Risiko-Spielen im Fußball. Derzeit patrouilliert die Bereitschaftspolizei in den sächsischen Kommunen und weiß Siewerts Arbeit zu schätzen. Auf befestigten Straßen und Schotter nutzen Pferde ihre Beschläge schließlich schneller ab. „Da ist der Abrieb höher als im Wald oder auf der Wiese“, sagt der Metallbauer.

Die Reiter-Staffel, unterwegs meist in Zweier-Teams, zeigt Präsenz und unterstützt die Kollegen der Polizeidirektionen Dresden und Leipzig.
Die Reiter-Staffel, unterwegs meist in Zweier-Teams, zeigt Präsenz und unterstützt die Kollegen der Polizeidirektionen Dresden und Leipzig. © Robert Michael

Er lässt die Tiere immer erst mal schnuppern, streichelt sie an den Augen und Ohren, bevor es losgeht mit der Pflege. Spätestens beim fünften Mal kommt Siewert mit ihnen klar – und sie mit ihm. „Ich benötige keine Brechstange, und wenn mir ein Pferd in seinem jugendlichen Leichtsinn mal auf der Nase rumtanzt, dann predige ich ihm das Wort zum Sonntag.“ Das aber komme so oft nicht vor.

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Seltener sind derzeit auch seine Einsätze auf der Dresdner Rennbahn. Dort stehen rund 60 Pferde, um die er sich eigentlich kümmert. „Der 2018 gestorbene Lutz Pyritz war der erste Trainer, der mich engagierte. Anschließend folgte Claudia Barsig und danach Stefan Richter“, sagte Siewert, der die Rennpferde normalerweise aller fünf, sechs Wochen beschlägt. 

Momentan genügt es aller acht, neun Wochen. Bei 120 bis 140 Euro für jedes beschlagene Tier macht sich der Unterschied für Siewert schon deutlich bemerkbar. „Sonst habe ich von Anfang März, wenn die Saison beginnt, bis Ende Dezember ordentlich und gerade jetzt richtig viel zu tun“, sagt er.

Der Rennkalender ist zusammengestrichen

Die Corona-Krise bringt erhebliche Konsequenzen mit sich, und das auf Monate hinaus. Der komplette Rennkalender ist mittlerweile zusammengestrichen worden. Die Saison in Deutschland soll frühestens am 1. Mai beginnen – mit nur einem Renntag pro Tag. Normalerweise finden hierzulande an Wochenenden zwei, drei Veranstaltungen gleichzeitig statt. Der in Dresden für den 11. Mai geplante Auftakt fällt deshalb diesmal ersatzlos aus. Stattdessen geht es nun am 30. Mai los, der zweite Renntag ist für den 13. Juni angesetzt. Zuschauer an den Bahnen wird es nach den Beschlüssen der Bundesregierung vom Mittwoch allerdings bis mindestens Ende August nicht geben. 

Den Hufschmied erinnern diese Tage jetzt an die Zeit des Durchatmens im Januar und Februar. „Im Winter legen die Pferde sich ein dickes Fell zu und stellen dafür ihren Stoffwechsel um. Da kommt bei den Hufen weniger an. Sie wachsen langsamer. Außerdem trainieren die Pferde seltener. Da halten die Hufe zwei, drei Wochen länger“, erklärt Siewert. Nun werden sie zwar bewegt und geritten, aber nicht unter Volllast.Die Einnahmen auf der Rennbahn sind nicht alles, was ihm in der Bilanz fehlt. 

Das Beste hoffen, mit dem Schlimmsten rechnen

Auch Turniere und Volksfeste wie das Osterreiten fallen aus. Stammkunden hat Siewert in Senftenberg und im Sorbischen. „Da kümmere ich mich bei einer Familie um acht Pferde. Deren Oma wurde kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geboren und musste jetzt erstmals in ihrem Leben aufs Osterreiten verzichten“, erzählt Siewert. Sie habe ihm aber diesen einen Satz mit auf den Weg gegeben: „Das Beste hoffen, mit dem Schlimmsten rechnen.“

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Siewert kann der derzeitigen Situation durchaus etwas Positives abgewinnen: „Diese Entschleunigung ist sensationell. Die Uhr dreht sich gerade langsamer. Es geht nicht mehr um effektiv, optimieren und immer schneller.“ Andererseits erkennt Siewert auch Gefahren: „Psychisch nagt es an einem, nicht abschätzen zu können, wie es weitergeht. Die Ungewissheit drückt aufs Gemüt.“ Er spürt das bis in die Familie. Seine Frau darf nicht als Kosmetikerin arbeiten, seine Tochter nicht in die Schule gehen. „Das zermürbt.“ Siewert sieht sogar langfristige Risiken. Er glaube nicht daran, dass es bald wieder Alltag und Normalität gebe. 

„Ich erwarte, dass ich unter Umständen bis zu vier Jahre nicht vom Hufbeschlag allein leben kann“, sagt er. Und denkt bereits über Alternativen nach: Metallbearbeitung, Stahlbau, Treppengeländer und Zäune seien zum Beispiel möglich. Außerdem gibt es da ja noch die Reiter-Staffel.

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