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Hygge, Lykke und jetzt auch noch Sisu

Nach den Dänen und Schweden kommt nun auch noch der finnische Weg zum Glyck - äh Glück.

© Petri Jauhiainen/Vastavalo/VisitFinland/dpa (Symbo

Von Bettina Ruczynski

Olympische Spiele 1972 in München. Der finnische Ausnahmeathlet Lasse Virén stürzt beim Zehntausend-Meter-Lauf. Seine Niederlage scheint besiegelt. Doch es geschieht das Unglaubliche: Der Läufer rappelt sich nicht nur wieder auf – er überholt seine Konkurrenten einen nach dem anderen und erkämpft sich auf unnachahmliche Weise am Ende des Rennens sogar die Goldmedaille. Sein Geheimnis? Sisu.

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Bei Sisu handelt es sich keineswegs um eine besonders effektive Methode des Dopings, auch wenn es durchaus mit Leistungssteigerung und dem Kampf gegen Widrigkeiten in Zusammenhang gebracht werden kann. Sisu nennen die Finnen vielmehr ihren ganz spezifisch finnischen Weg zu innerer Stärke, Ausdauer, Mut und Mumm. 

Es ist „der finnische Weg zu Mut, Ausdauer und innerer Stärke“ – so lautet der Titel eines Buches von Katja Pantzar, das im Lübbe-Verlag zum Thema Sisu erschienen ist. Es handelt sich bei Sisu im Grunde um mentale Widerstandskraft angesichts von Herausforderungen, Rückschlägen und Hindernissen, wie sie das Leben nun mal für jeden bereithält.

Der Begriff Sisu entzieht sich zwar einer exakten Definition, doch das britische „Time Magazin“ hat es ziemlich treffend so formuliert: „Die Finnen verfügen über etwas, das sie Sisu nennen. Es handelt sich um eine Mischung aus Draufgängertum und Tapferkeit, aus Wildheit und Beharrlichkeit, aus der Fähigkeit, auch dann noch weiterzukämpfen, wenn andere schon aufgegeben hätten, und das mit dem Willen zum Sieg. Die Finnen übersetzen Sisu als ‚finnischen Geist‘, aber in diesem Wort steckt weit mehr als das.“ Diese einzigartige Kultur der Resilienz kann Körper und Seele helfen, mit den Tücken des Daseins besser klarzukommen.

Das Unmögliche vollbringen

Der große finnische Komponist Jean Sibelius, der mit „Finlandia“ die inoffizielle Nationalhymne des Landes geschaffen hat, sagt über das geheimnisvolle Sisu: „Sisu ist wie der metaphorische Schuss in den Arm, der das Individuum dazu befähigt, das Unmögliche zu vollbringen.“ Sibelius ist zwar bereits 1957 gestorben, doch seine Definition der besonderen finnischen Kraft scheint die perfekte Beschreibung des Kampfes seines Landsmanns Lasse Virén beim Zehntausend-Meter-Lauf in München, der ganz oben auf dem Siegerpodest endete.

Nun kommen seit einigen Jahren in schöner Regelmäßigkeit aus dem Norden Europas Rezepte für ein gelingendes Leben über uns, die auch in diesem Magazin bereits vorgestellt worden sind:

Die Dänen pflegen ihr Lebensgefühl Hygge, was arg verkürzt so viel wie Gemütlichkeit bedeutet; Kerzen, Kissen, Kuscheln. Die Ratgeber mit Hygge-Tipps füllen in den Buchhandlungen etliche Regalmeter. Und Hochglanz-Zeitschriften, die sich ausschließlich mit dem Phänomen Hygge beschäftigen, gibt es hierzulande inzwischen auch.

Die Schweden haben Lykke, was so viel bedeutet, wie Ausgewogenheit und das rechte Maß in allen Dingen zu finden. Der Siegeszug von Lykke ist bei uns noch nicht ganz so erfolgreich wie der von Hygge, was vielleicht mit einem Hang zu einer gewissen Maßlosigkeit (Oktoberfest! Sangria-Party am Ballermann!) zusammenhängt, der in unsere nationale DNA eingraviert zu sein scheint. Jedenfalls sind Hygge und Lykke – neben einem guten Lebensniveau – die beiden Grundpfeiler der skandinavischen Zufriedenheit. Jetzt könnte mit Sisu noch ein dritter hinzukommen. Braucht es das wirklich? Nun ja. Die Zeiten ändern sich und damit modifizieren sich auch Rezepte für ein besseres Leben. Und dieses finnische Sisu scheint perfekt in diese Welt zu passen, in der es die Menschen gern hyggelig hätten und dann merken: Irgendwas fehlt.

Einfach, abgespeckt, schnörkellos

Nein, Sisu hat nichts mit Sauna zu tun, auch wenn die Finnen ohne Sauna nichts wären: Auf 5,5 Millionen Finnen kommen etwa 3,3 Millionen private und öffentliche Saunen. Das gemeinsame Schwitzen ist Bestandteil der Nationalkultur.

Um Sisu zu verstehen, muss man sich die bewegte Geschichte seines Herkunftslands anschauen: Bis vor weniger als hundert Jahren war Finnland noch ein armes Agrarland. Sich bei jedem Wetter draußen aufhalten zu können, gehörte mit zum wesentlichen Überlebensmodus seiner Bewohner, zudem beinharte Entschlossenheit, nordischer Pragmatismus und Unbeirrbarkeit beim Bezwingen von Widrigkeiten aller Art. Das prägt noch heute die finnische Lebensweise, die dazu aufruft, zäh, aktiv und bei jedem Wetter draußen zu sein, möglichst viel in die eigene Hand zu nehmen und findig nach Wegen zu suchen, jede Hürde zu meistern. Das könnte durchaus auch für uns häufig meckernde, weil unzufriedene Deutsche eine gute Idee für ein gelingendes Leben sein: Anpacken statt zu lamentieren! Auf dem Holzweg läuft es sich leidend nicht bequemer.

Bei der Gestaltung ihres Alltags folgen die meisten Finnen einem einfachen, abgespeckten, schnörkellosen und vernünftigen Ansatz, der ihr Sisu stärkt. Sie bewegen sich viel und besonders gern in der Natur. Mann und auch Frau baden im Winter mit Wonne zwischen Eisschollen in der Ostsee oder in einem ihrer 188.000 Seen. Im Sommer sowieso. Sie fahren tapfer Rad – bei Wind und Wetter, Schnee und Regen; zur Not halt mit Spikes. Es ist guter finnischer Brauch, regelmäßig Pilze und Beeren zu suchen und aus den Gaben der Natur schlichte, gesunde Mahlzeiten zu zaubern. Denn auch vernünftige Ernährung – regional, saisonal – ist Bestandteil von Sisu. Hier greift das Hälfte-Viertel-Viertel-Prinzip, das den Finnen bereits im Kindergarten vermittelt wird. Und das geht so: Die Hälfte auf dem Teller ist entweder frischer Salat oder Gemüse; gedünstet oder als Rohkost. Ein Viertel besteht aus Reis, Pasta oder Kartoffeln. Und das letzte Viertel ist Fisch, Fleisch oder Hülsenfrüchten vorbehalten.

Finnische Kinder lieben es, im Wald zu spielen, während sich britische und amerikanische Kinder vor der Natur fürchten, und viele deutsche Großstadtkinder glauben, dass Kühe lila sind. Mit Sisu gelingt es den Finnen, gut über die dunkle Zeit des Jahres zu kommen, wenn sich die Sonne – wenn überhaupt – nur für wenige Stunden blicken lässt. Geselligkeit in fröhlicher Runde und der Genuss von Alkohol gehören dazu. Ja, manche Finnen, vorwiegend Männer, haben ein Alkoholproblem. Das teilen sie, wie so vieles andere, mit ihren russischen Nachbarn. Denn die finnisch-russische Trinkkultur hat nicht den beschwingten Schwips zum Ziel, sondern den Rausch. So lautet denn auch ein Sprichwort, das es sowohl in Russland wie auch in Finnland gibt, sinngemäß: „Halb betrunken ist rausgeschmissenes Geld!“ „Prost!“ heißt auf Finnisch schlicht „Kippes!“

Die Finnen ticken eher wie die Russen

Matti Rönkä, Anchorman im finnischen Fernsehen TV1, Leiter der Nachrichtenredaktion und erfolgreicher Krimi-Autor, vermutete in einem Interview, dass die Finnen, was ihre Seele angeht, eher wie die Russen ticken und nur bedingt skandinavisch. Demzufolge müsste es so etwas wie Sisu auch in Russland geben, nur unter anderem Namen.

Indizien dafür gibt es etliche: Das Standhalten der Zivilbevölkerung bei der Blockade Leningrads durch die deutsche Wehrmacht, die vom September 1941 bis zum Januar 1944 währte. Überhaupt: Die tapfere Beharrlichkeit der Russen im Zweiten Weltkrieg, gepaart mit ihrer enormen Opferbereitschaft. Sisu auf Russisch gibt es tatsächlich. Es heißt dort Sila: Was so viel wie Widerstandskraft, Zähigkeit bedeutet. Zu Sowjetzeiten gab es im Riesenland einen Riesen-Lkw mit dem ebenso treffenden wie poetischen Namen SIL, der sich durch besonders gute Geländegängigkeit auszeichnete und bis 1979 das Standardfahrzeug der Roten Armee war. Nomen est Omen.

Das finnische Sisu ist zwar eine Lebenshaltung, die jedem Interessierten ein gutes Rüstzeug für die Anforderungen unserer Zeit mit auf den Weg zu geben vermag. Doch die Wurzeln von Sisu liegen nicht im modernen Lifestyle, sondern in der finsteren finnischen Vergangenheit.

Eine Überlebensstrategie in schweren Zeiten

Bis zum 12. Jahrhundert war das Gebiet des heutigen Finnlands eine Art politisches Vakuum, um das sich abwechselnd Schweden und Russland rissen. Mit entsprechenden Folgen für seine gebeutelten Bewohner. Ab 1323 gehörte es – bis zum schwedisch-russischen Krieg 1808/09 – zu Schweden, danach bis 1917 zu Russland.

Erst seit 1917 ist Finnland unabhängig, seit 1919 eine Republik. Kalte Sommer mit Frosteinbrüchen führten in den Jahren 1866 bis 1868 zu erheblichen Missernten. Die grausame Folge: Die große Finnische Hungersnot, bei der 270 000 Menschen – etwa zwanzig Prozent der Bevölkerung – starben. Nur 1,8 Grad Celsius betrug im Mai 1867 die Durchschnittstemperatur in Helsinki. Dass die Finnen es bis heute lieben, zu fischen und den Gaben von Mutter Natur besondere Bedeutung beimessen, erscheint im Hinblick auf diese nationale Katastrophe, um die jeder Mensch in Finnland weiß, noch einmal in einem ganz besonderen Licht.

Sisu ist also, geschichtlich gesehen, auch und in erster Linie eine Überlebensstrategie in schweren Zeiten. Der Wohlfühlfaktor kam erst viel später hinzu.

Brauchen wir denn dieses Sisu? Unbedingt! Viel zu lange haben wir es uns achtsam und hyggelig in unserer Komfortzone kuschelig gemacht, während draußen schulschwänzende Heranwachsende bei Fridays for Future auf die Straße gehen, um gegen die Widerstände und Verkrustungen der Politik unseren Planeten zu retten.

Nichts gegen Gemütlichkeit und das rechte Maß in allem, aber wenn man sich die Welt derzeit genauer anschaut, scheint das Gebot der Stunde doch eher Sisu zu sein: eine Einstellung, mit der man es sich nicht zu leicht macht.

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