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„Ich bin ein großer Freund des Abonnenten“

Moderator Thomas Hermanns über Bezahlfernsehen, gute Laune und Empörungskultur, Versäumnisse von Günther Jauch und Comedians im Alter.

Thomas Herrmanns, Comedianm Buchautor und Chef des Quatsch Comedy Clubs.
Thomas Herrmanns, Comedianm Buchautor und Chef des Quatsch Comedy Clubs. © Serious Fun/Quatsch Comedy Club (Archivbild)

Thomas Hermanns ist Moderator, Autor und Regisseur. 1992 brachte er mit dem „Quatsch Comedy Club“ die Stand-up-Comedy nach Deutschland. Im Herbst startet die neue Staffel bei Sky, mit Aufzeichnungen im Friedrichstadtpalast. Gerade erschien sein Buch „Netter is better: Die hohe Kunst der guten Laune“.

Herr Hermanns, was war heute morgen Ihr erster Gedanke? Selbst Sie als stets gut gelaunter „Abba“-Fan wachen nicht mit „Dancing Queen“ auf den Lippen auf …

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Ich kann’s ja auflegen, wenn ich vom Bett zur Dusche komme. Ich behaupte immer noch, dass Abba oder andere Disco-Klassiker einen leichter ins Bad bringen als Richard Wagner.

Heute kein einziges Mal gemeckert? Damit sind Sie in Berlin ja geradezu auffällig.

Nein. Das ist ja gerade meine Mission, auch Berlin fröhlicher und freundlicher zu machen. Mein Rezept ist wirklich, dass Nettigkeit viel mehr funktioniert und auch erfolgreicher ist als sich aufzuregen, zu empören, hochzufahren. Das fällt mir gar nicht schwer, hat mit meiner rheinischen Herkunft zu tun. Ich ärgere mich eigentlich selten.

Ich merke schon, mit schlechter Laune komme ich bei Ihnen nicht weiter. Sie sind wohl „der netteste Mensch Deutschlands“.

So?

Das steht in einer Amazon-Rezension unter Ihrem neuen Buch „Netter is better – Die hohe Kunst der guten Laune“. Es muss doch irgendetwas geben, was Ihnen diese gute Laune verderben könnte …

Natürlich gibt es Sachen, die einen nicht erfreuen, gerade in der Politik. Der Klimawandel, Rassismus etc. pp. Ich gehe mit dem Ärger um. Wenn ich zum Beispiel etwas Schwulenfeindliches oder Sexistisches von meinem Gegenüber höre, dann benenne ich das, aber ich gönne ihm nicht meine Erregung. Wenn sich in unserer heutigen Empörungskultur beide Seiten hochspielen, hat man eigentlich schon verloren.

Es gibt hitzige Temperamente.

Einfach durchatmen und in die andere Richtung gehen. Buddhistisches Training, ein bisschen Meditieren hilft. Und Popmusik.

Eine Frage kann Sie ärgern, die kriegen Sie in Talkshows gestellt: an den Mann, der die Stand-up-Comedy 1992 aus den USA mit der Etablierung des „Quatsch Comedy Club“ nach Deutschland gebracht hat.

Ich weiß schon: „Herr Hermanns, wann ist der Comedy-Boom vorbei?“

Genau.

Ich höre die Frage einmal im Jahr, aus unterschiedlichsten Gründen, und, sicher, die Comedy-Industrie war schon in den verschiedensten Zuständen. Es ist wie mit den grauen Männern bei Momo. Da gibt's wohl eine Klientel, die froh wäre, wenn wir Schluss machen.

Wenn man in Deutschland in den vergangenen Jahren über erfolgreiche, lustige TV-Unterhaltung gesprochen hat, dann waren das meistens Satiresendungen wie „heute-show“ oder „Die Anstalt“. Besteht da eine Rivalität?

Das war am Anfang so, in den 1990ern. Da gab es das Kabarett. Dort wurde gelacht mit pädagogischem Mehrwert. Man kam raus und hatte das Gefühl, man war ein besserer Mensch, weil man über Helmut Kohl gelacht hat. Dagegen sind wir angetreten, haben gesagt, wir machen Alltagsgeschichten, wir wollen über uns selber lachen. Aus guter Stand-up-Comedy kommt die Erkenntnis, dass wir alle manchmal doof sind.

Und heute?

Ist diese Barriere weg. Weil es Leute gibt wie Oliver Welke oder Dieter Nuhr, die auch in unserer Sendung waren, die zwischen diesen klassischen Feldern mühelos hin und her gehen. Es gibt sehr viel Stand-upper wie Michael Mittermeier, die viel politische Sachen machen. Da fragen wir uns nur: Wie ist der Blickwinkel auf die Politik? Wir Stand-up-Comedians gucken eher von unten drauf und nehmen Politiker als Menschen wahr, nicht als Institution.

Der „Quatsch Comedy Club“ ist eine Institution, scheint unverwüstlich. Das Format läuft seit 1992, ein paar Jahre bei Pro7, nun bei Sky. Vermissen Sie das Free-TV?

Nein, ich habe 1992 mit dem „Club“ bei Premiere angefangen. Willemsen war da, Bettina Rust, ein Inkubator für gutes Fernsehen. Als wir bei Pro7 landeten, konnten wir ein bisschen was. 2017, beim Zurückkommen zu Sky, fühlte sich das sehr organisch an. Und was das Thema Bezahlfernsehen betrifft: Da bin ich sehr happy.

Ist das Ihr Ernst: glücklich verschlüsselt?

Ich zahle gerne für Qualität. Es muss nicht alles frei rausgehauen und von Werbung unterbrochen werden. Wie beim Theater: Da kaufen die Leute Tickets. Ich bin ein großer Freund des Abonnenten.

Bei Harald Schmidt hat das, exklusiv, nicht funktioniert. Seiner aus dem Free TV übernommenen Late-Night-Show hatte Sky nach einem Jahr den Stecker gezogen.

Es ist schwierig mit Late-Night-Formaten. Die sind tagesaktuell und daher nicht zu wiederholen.

Der große Unbekannte sind Sie nicht. An Ihrem Gesicht kommt man kaum vorbei.

Stimmt. Ich bin gerne TV-Gast. ESC, Talkshows, ich liebe Quizshows. Einziger Wermutstropfen: Ich war noch nie bei „Wer wird Millionär?“ Also, wenn Günther Jauch das jetzt hier liest …

Zurück zum „Quatsch Comedy Club“. Wie kann sich so ein Format über 25 Jahre treu bleiben beziehungsweise neu erfinden?

Mit eingebautem Verjüngungseffekt. Wir sind ein Gefäß, das gefüllt wird von den Comedians. Wo sich Leute präsentieren mit ihren eigenen Leistungen. In den fünf über Deutschland verteilten Live-Clubs können wir sehr viele Leute austesten und für die TV-Show casten. Darüber hinaus sind wir eine der wenigen Shows in Deutschland, die zu etablierten Stars sagen können: Weißt du, der Abschnitt ist es jetzt nicht. Lass den raus.

Leute wie Olaf Schubert oder Dieter Nuhr lassen sich noch was sagen?

Ja, weil die wissen, dass wir in Sachen Comedy sehr viel wissen.

Die Comedians bei Youtube kennen Ihren „Club“ vielleicht gar nicht.

Youtube ist ein tolles Fenster in die Welt, um andere Comedians zu sehen, zum Beispiel aus den USA. Viele stellen sich vor die Kamera und sprechen ihre Fans an. Hätte ich als 16-Jähriger wohl auch gern gemacht. Das Problematische daran: Wer gibt dem Youtube-Star in seiner Social-Media-Blase das Feedback? Da kommen wir als „Quatsch Comedy Club“ ins Spiel, die Live-Bühne. Mit kritischen Leuten, die nicht nur deine Follower sind. Das formt die Kunst.

Sie sind jetzt 56. Wie lange kann man „Quatsch Comedy Club“ präsentieren?

Das kann man schon lange machen, gerade in der Intendanten-Funktion. In der nächsten Staffel auf Sky moderiere ich zwei von 16 Ausgaben. Man kann solche Sachen weiter entwickeln, meine Firma, die die Clubs leitet, die TV-Auswertung. Man kann eine Humor-Akademie gründen, Nachwuchsförderung. Ich würde mein Wissen weitergeben. Auf der Bühne nur stehen, wenn ich Lust habe.

Letzte Frage, zur Lebenspraxis und guten Laune: Wenn ich mich in Berlin über ausgefallene S-Bahnen, fehlende Radwege oder schlechte Stimmung im Büro ärgere ...

… sollten Sie einen schönen Podcast hören zum Beispiel. So tun, als wäre man im Urlaub, für zehn Minuten. Immer wenn's zu viel wird, kurz vor die Tür gehen. Raustreten. Mit oder ohne Abba.

Das Interview führte Markus Ehrenberg

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