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„Ich bin eine Neugierige“

Sohland. Ulrike Linstädt leitet das Schullandheim nahe der Grenze. Mit alten Handwerkstechniken begeistert sie dessen Gäste.

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Von Katja Schäfer

Ein so ungestörtes Frühstück ist für Ulrike Linstädt die Ausnahme. Weil erst im Laufe des Vormittags zwei Klassen anreisen, kann die Leiterin des Sohlander Schullandheimes mal in aller Ruhe ihren Tee aus der hohen blassgrünen Tasse mit den weißen Punkten trinken. Wenn das Haus belegt ist, steckt aller paar Minuten jemand den Kopf durch die Tür, während sie gemeinsam mit den Mitarbeitern die erste Mahlzeit des Tages einnimmt und dabei alle anliegenden Dinge bespricht.

In ihrem Bautzener Zuhause gibt es an Arbeitstagen überhaupt kein Frühstück. „Ich bin ein Langschläfer. Ich muss mich um niemanden kümmern und lege morgens meist einen Blitzstart hin“, erzählt Ulrike Linstädt, die allein lebt, seit die beiden Söhne aus dem Haus sind. Die täglichen Fahrten bis in die oberste Ecke von Sohland machen ihr selbst im Winter nichts aus. „Das ist alles eine Einstellungssache“, kommentiert die 49-Jährige und kann sich nicht daran erinnern, jemals im Schnee stecken geblieben zu sein. Dabei ist das Schullandheim an der Hainspacher Straße schon seit 1993 ihr Arbeitsort. Vorher war sie in einem derartigen Haus in Burk tätig. Die Einrichtung in Sohland, das in einem ehemaligen Kinderkurheim untergebracht ist, hat sie aufgebaut und zu dem gemacht, was sie heute ist: Eine Stätte, deren knapp 60 Plätze fast ständig ausgebucht sind. Den Hauptanteil der Gäste machen Viert- bis Achtklässler aus, aber auch Gruppen von Jugendlichen und neuerdings sogar aus Kindergärten kommen für mehrere Tage. „Wir können uns jede Woche auf neue Altersstufen einstellen. Das ist richtig interessant“, erzählt Ulrike Linstädt, die über ihren Job sagt: „Etwas Besseres konnte mir gar nicht passieren.“ Das liegt auch daran, dass sie bei der Arbeit ihre „Hobbys voll ausleben kann“. Schließlich stehen im Schullandheim alte Handwerkstechniken im Mittelpunkt. Da wird gefilzt und getöpfert, geschnitzt und mit Weide geflochten, Papier geschöpft und mit Naturmaterial gefärbt . . . „Wir bieten Dinge an, die nicht so von der Stange sind und für die man keine teuren Materialien anschaffen muss. Die Kinder sollen ja möglichst nachher damit weiter machen“, beschreibt Ulrike Linstädt ihren Anspruch.

Die verschiedenen Techniken hat sie sich selbst angeeignet; bei Workshops oder einfach durch Abgucken. „Ich bin nunmal eine Neugierige, will immer wieder was Neues entdecken und ausprobieren“, gibt die Frau mit den kurzen Haaren und der sportlichen Figur zu und erzählt davon, wie sie kürzlich zum ersten Mal klettern war. Durch diese Aufgeschlossenheit und Interessiertheit weiß sie immer ziemlich gut, was bei Kindern und Jugendlichen gerade „in“ ist. Das beweisen die beliebten Thementage, die eine Spezialität des Sohlander Hauses sind. So gab es schon Pokémon-Ferien, Harry-Potter-Tage und Mittelalter-Wochen. „Da muss man stets auf dem Laufenden sein. Das hält frisch“, lacht Ulrike Linstädt. Dass die ehemalige Grundschullehrerin, die den Abschluss als Staatlich anerkannte Erzieherin in der Tasche hat, oft auch abends und am Wochenende arbeitet, ist für sie kein Problem. Außerhalb der Schulzeit bezieht sie meist sogar gleich ganz im Schullandheim Quartier, um die Ferienlager-Gäste rund um die Uhr zu betreuen.

Als Leiterin des Hauses ist sie zugleich die einzige Angestellte. Unterstützt wird sie von Frauen und Männern, die über ABM bzw. Ein-Euro-Jobs oder Fördermaßnahmen des Arbeitsamtes tätig sind, einem Teilnehmer am Freiwilligen Sozialen Jahr und derzeit einem Praktikanten. „Bisher habe ich immer ein Riesenglück mit den Leuten gehabt“, lobt die Bautzenerin und erklärt: „Wir sind Mädel für alles, vom Frühstück- und Abendbrot-Zubereiten über die Anleitung der Kinder bei den Beschäftigungen bis hin zum In-Ordnung-Halten des Hauses und des riesigen Grundstückes.

Wer aber denkt, dass Ulrike Linstädt nach der anstrengenden Arbeit alle Viere gerade sein lässt, liegt falsch. „Ich bin gern unterwegs“, sagt die Schullandheim-Chefin, die sich beim Radfahren und im Winter beim Skilanglauf verausgabt.