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Ich bin, ich kann, ich suche

Arbeitslose ohne Berufsabschluss haben auf dem Arbeitsmarkt kaum Chancen. Jetzt will ein staatliches Programm junge Sozialhilfeempfänger wieder an die Berufswelt heranführen. Doch der Weg von der Lebensplanung im Unterricht zum richtigen Job ist weit.

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Von Heike Markus

An der Wand hängt eine Lebenskurve. Sie beginnt mit der Geburt und steigt gleich steil an zur Einschulung. Jugendweihe und „erstes Kind“ stehen dick im Plus. Dann rutscht die Kurve ab: Fachschule abgebrochen, „schon wieder keine Lehrstelle gefunden“. Die junge Frau, die ihr Leben mit Kugelschreiber in ein Diagramm gemalt hat, sitzt zusammen mit zehn anderen jungen Menschen aus dem Landkreis im Unterrichtsraum der Kamenzer Bildungsgesellschaft. Sie macht mit bei „Jump plus“, einer Initiative der Bundesregierung gegen Jugendarbeitslosigkeit.

Bundesweit sollen sich 100 000 Menschen an „Jump plus“ beteiligen. Das Sozialamt lädt die jungen Leute ein. Sie sind nicht älter als 25, arbeitslos und beziehen Sozialhilfe. In Kamenz erhalten die Teilnehmer einige Stunden Berufsorientierung und Bewerbungstraining und müssen ansonsten 20 Stunden die Woche arbeiten. Dafür gibt es 200 Euro im Monat.

Davids Lebenskurve ist nach der Schule ins Trudeln geraten. Der qualifizierte Hauptschulabschluss war kein Problem. Schwierig wurde die Suche nach einer Lehrstelle. David wollte Kfz-Mechaniker werden. Diesen Wunsch hat er mittlerweile begraben. „Ich bewerbe mich auf alles: Koch, Stahlbetonbauer, Baugeräteführer, Sport- und Fitnesskaufmann“, sagt der 19-Jährige. Einmal hat es mit der Ausbildung beinahe geklappt. Nach einem Vorbereitungsjahr („Grundlehrgang Handel und Büro“) lernte David Fliesenleger bei einer Firma in der Region. Doch nach sieben Monaten machte der Betrieb Pleite und David stand auf der Straße. „Dabei haben sie erst gesagt, sie wollten mich durchbringen.“

Jetzt füllt er in der Kamenzer Bildungsgesellschaft seinen Steckbrief aus. Die Struktur ist schon vorgegeben: „Ich bin, ich kann, ich suche“. Wie das Jump-Plus-Programm David und den anderen Teilnehmern weiterhelfen kann, ist auf den ersten Blick schwer auszumachen. Nach dem dreitägigen Unterrichtsblock „Lebensplanung“ werden sie von morgen an zunächst in Kamenz eingesetzt – vielleicht zum Müll Sammeln, Wege Harken, Entrümpeln oder Unkraut Jäten. Das ist die gemeinnützige Arbeit. Später werden einige auch in anderen Kommunen ihre 20 Wochenstunden ableisten. Besondere Qualifizierungen erwerben die jungen Leute beim Jäten oder Harken kaum. Doch darum geht es auch gar nicht. Günter Teske, Kundenbereichsleiter vom Arbeitsamt Bautzen, setzt das Ziel ganz unten an: „Wir wollen junge Menschen erst einmal an das Arbeiten heranführen. Sie sollen Grundvoraussetzungen lernen.“ Dazu zählt Teske Eigenschaften wie Pflichtbewusstsein, Verantwortung, Pünktlichkeit. Viele der Jump-Plus-Teilnehmer kämen aus schwierigen sozialen Verhältnissen. „Da gibt es Menschen, die einfach keine Lust zu nichts haben.“ Das Arbeitsamt setzt ein wirksames Mittel ein, um auch Lust- oder Hoffnungslose zu motivieren: die 200 Euro „Mehraufwandsentschädigung“. Wer nach einem halben Jahr dann tatsächlich in die Nähe des ersten Arbeitsmarktsgelangt, lässt sich kaum vorhersagen. Wie steht es zum Beispiel mit den jungen Aussiedlern, die zum Teil noch mit der deutschen Sprache kämpfen? Sie haben etwa solche Stationen in ihre Lebenskurve eingetragen: „in Omsk studiert“ und „schwerer Sprachkurs in Deutschland“.

Bessere Aussichten

in einigen Jahren

Ein normaler Job oder eine Ausbildung müssen nicht unerreichbar bleiben, glaubt Günter Teske vom Arbeitsamt Bautzen. „Wer wirklich motiviert ist und zeigt, dass er es schaffen will, der soll auch eine Chance bekommen.“ Dabei sei die Zeitschiene zu beachten: Wenn ein Jump-Plus-Teilnehmer im kommenden Jahr eine vom Arbeitsamt finanzierte, überbetriebliche Ausbildung ergattert, könnte er im Jahr 2007 fertig sein. „Und dann beginnen schon die geburtenschwachen Jahrgänge“, sagt Teske. Und damit bessere Aussichten auf dem Arbeitsmarkt.