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„Ich bin mein eigenes Vorprogramm“

Holger John hat doppelt Grund zu feiern.

© steffen füssel, steffen fuessel

Von Nadja Laske

Eine Handvoll Wünsche hat Holger John für sein neues Lebensjahr: ein böhmisches Bier, eine Stange Marzipan, einen gepflegten Filmriss. „Und dass meine Mutter und mein Vater sich vertragen“, sagt der Künstler. Kinder wünschen sich das, auch wenn sie irgendwann erwachsen werden und wissen, was Holger John weiß: Dass die Eltern den Frieden wohl nicht mehr hinbekommen, nach so vielen Jahren Zwist und Entfremdung.

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„Mein Vater hat seine Aktie daran“, sagt er und ist damit beim Thema. An seinem gestrigen Geburtstag feierte er eine besondere Vernissage. Zum ersten Mal stellt der Maler und Grafiker zusammen mit seinem Vater Joachim John aus. Der malt und schreibt inzwischen nicht mehr so viel wie früher, hat aber in Berlin gerade eine Lesung vor voll besetztem Saal gehalten. Daheim in seinem nordischen Backsteinhäuschen beginnt der 81-Jährige, seine Kunst auszusortieren. „Er verbrennt ganz viel“, sagt Holger John. Manche Blätter jedoch hat der alte John vor Wochen aus den Grafikschränken genommen, nicht, um sie zu vernichten, sondern, um sie aufleben zu lassen, weil der junge John darauf bestand – auf seiner Idee, der Ausstellung „Vater und Sohn“.

Rund 100 helle, filigrane vom Vater und dunkle, derbere Landschaften vom Sohn hängen nun weiß gerahmt an weißen Wänden im Eckladen Rähnitzgasse/Obergraben. Dort betreibt der Impresario und Eventmanager Holger John seit Ende letzten Jahres seine erste eigene Galerie. Wie im Taubenschlag geht es da zu. John könnte lange Geschichten erzählen über die Begegnungen, die er hat, seit er so allgegenwärtig hinter großen Fensterscheiben agiert. „Das ist keine Galerie, das ist eine Art Kirche, ein Treffpunkt, zu dem die Leute kommen, nur um zu reden.“ Doch John hat eigentlich keine Zeit, er muss Kunst zu Geld machen und mit dem Widerspruch klar kommen, Künstler und Kaufmann zugleich zu sein. Aber er will ja mehr: Spiegeln, was die Menschen bewegt, und Geschichten erzählen. Wie die vom Vater und dem Sohn. Eine unendliche Geschichte, nicht nur in der eigenen Biografie. In der sieht sich Holger John als Halbwüchsigen Heiner Müller und anderen intellektuellen Freunden seines Vaters Guten Tag sagen. Aufgewachsen zwischen Malerei, Literatur, Theater wollte er doch nicht dazugehören, bekam zwar Zeichenunterricht, lernte aber lieber an der Töpferscheibe, auf der er später seine Kunst drehte und wendete.

„Mein Vater wusste nie viel über mich, war aber immer besorgt“, sagt er. Erst jetzt, während der Vorbereitungen zur gemeinsamen Ausstellung, habe er dem Sohn zum ersten Mal sagen können, dass er dessen Arbeit schätzt. John spricht vom Übervater, vom Ringen, ihm zu genügen, altbekannte Fragen und Gefühle: Was hat man gemeinsam, was ist unvereinbar? Das greift Holger John in seiner Ausstellung auf und weiß, dass sie überraschen dürfte. Jedenfalls, was seinen Part betrifft: Zeichnungen aus den späten 70er- und 80er-Jahren, unakademisch, unverbildet, entschleunigt. „Altbackener als die meines Vaters“, nennt er sie mit einem Grinsen.

Sich auf Landschaften zu einigen, war nicht ganz leicht. Sie waren Joachim Johns Wunsch, und Holger John kann mit seinem Zugeständnis gut leben. „Dresden hat eine Zeichentradition, die soll fortgeführt werden“, sagt er. Nicht immer so leicht und still wie gegenwärtig. Gern auch mal wieder mit großem Krach, mit Schalk und Clownerie. Aber immer ernsthaft. „Ich habe noch viel vor“, sagt der Künstler und zitiert seinen Vater: „Der sagte immer: Kunst kommt aus der Fülle oder gar nicht.“ Und dann zitiert er sich: „Eigentlich habe ich ja noch gar nicht richtig angefangen. Da kommt noch was. Ich bin mein eigenes Vorprogramm.“

Ausstellung „Vater und Sohn“, 4. April bis 18. Mai, Dienstag bis Sonntag, 14–19 Uhr, Rähnitzgasse 17

www.galerie-holgerjohn.com