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„Ich bin wieder hier“

Thomas Böttcher ist fast 370 Kilometer quer durch Sachsen in seine Heimatstadt gewandert. Unter Schmerzen und Qualen.

Von Jens Hoyer

Thomas Böttcher läuft quer durch Sachsen. Er kann es selbst kaum glauben. „Zu Hause gehe ich nicht mal mit dem Hund spazieren.“ Er trabt gerade ziemlich flott über den Muldentalweg zwischen Bischofswiesen und Technitz. Sein Ziel – Döbeln – ist noch reichlich fünf Kilometer entfernt. Uwe Fischer, sein Moderatorkollege beim Sender R.SA, ist am Kanuheim bei Westewitz in die Wanderung eingestiegen. „Dieser Touristenwanderer“, frotzelt Böttcher. Ganz klar, der Profi ist er. Über 360 Kilometer hat der Döbelner in knapp vier Wochen zurückgelegt. Das Ende der langen Wanderung naht. Ein paar Leute traben noch mit. Böttchers Kollegin Michaela Wunderlich und Andrea Sturm aus Grimma. Ralf Andrä ist extra aus Plauen angereist. Auf Plaketten steht: „Mir ham een loofen“. Sie sind um 9.30 Uhr in Leisnig losmarschiert. Immer die Mulde hoch. In Döbeln steht schon der Übertragungswagen auf dem Markt, Marcus Poschlod ist live auf Sendung. Seine wandernden Kollegen schicken per Handy immer mal eine kleine Einspielung von unterwegs zu ihm rüber. „Jetzt marschieren wir alle mal im Gleichschritt“, befiehlt Fischer. Wie lustig.

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Zum Lachen war dem untrainierten Böttcher am Anfang seiner langen Wanderung nicht. „Die erste Woche war brutal. Am zweiten Tag dachte ich ans Aufgeben“, erzählt er. „Muskelkater bis zum Rücken hoch. Nach einer Woche war ich früh zum ersten Mal schmerzfrei.“ Aber wie kommt einer wie Böttcher darauf, von Görlitz bis rüber nach Bad Lausick und dann im Bogen nach Döbeln zu wandern? 18 Etappen? Die Idee ist vor zwei Jahren aus einer Bierlaune heraus entstanden, erzählt er. Eigentlich wollte er mal um Sachsen herum marschieren. Aber 1400 Kilometer wären dann doch deutlich zu viel gewesen. Also die Minimalvariante quer durch. Übernachtet wurde unterwegs im Wohnwagen. Und von dort aus ging der Moderator auch jeden Morgen auf Sendung, bevor er lostrabte. Böttcher ist aber skeptisch, dass er nach seiner Tour zum Wanderfreund mutiert. „Wenn ich etwas mache, dann voll Pulle. Aber ich verliere auch schnell die Lust daran.“

Ein Mann kommt dem Grüppchen auf dem Weg entgegen. Bernd Schwipper aus Döbeln Ost ist Böttcher entgegengewandert. „Alle Achtung, das ziehe ich meinen Hut“, meint er und läuft mit.

Döbeln kommt in Sichtweite. „Der Muldentalradwanderweg verläuft nach rechts und wird zur Alexanderstraße“, quäkt es aus Böttchers Hosentasche. „Das GPS hat mir oft das Leben gerettet“, übertreibt er. Vor allem in den Städten war es nützlich, in denen er sich nicht auskannte. Und in der Dresdner Heide, dem großen Waldgebiet. „Da gibt es Milliarden Wege und nichts ist ausgeschildert.“

Böttcher ist durch viele Orte gekommen, von denen er noch nicht mal gehört hatte. „Ich dachte eigentlich, dass ich mich ein bisschen in Sachsen auskenne“. Irgendwo in der Lausitz stand mitten in einem Dorf eine Munitionsfabrik, Böttcher war beeindruckt. Das Chemnitztal kann er nach seiner Wanderung empfehlen, die Muldentäler auch. Das Kontrastprogramm: Zwischen Löbau und Bautzen ist er die komplette Strecke an der B 6 entlangmarschiert. 30 Kilometer, die längste Etappe. „Das war die schlimmste Tour. Die Laster gehen dir nach zehn Kilometern so auf die Nerven.“ In Grimma hatte ihn die Feuerwehr aus dem wohlverdienten Schlummer geholt. Mit der Sirene, früh um drei.

Aber in Döbeln gibt‘s nur angenehme Erlebnisse. Die Schwestern des Dialysezentrums an der Grimmaischen Straße warten schon. Sie stürzen sich gleich auf den Wanderer und versorgen ihn medizinisch: Rollstuhl, Erste Hilfe, Blutdruckmessen. Und ein Tropf in Form einer Sektflasche. „Sekt aus der Schnabeltasse habe ich auch noch nicht getrunken“, meint er, bevor er eine Runde mit dem Rollstuhl dreht.

25 000 Schritte hat Böttcher an diesem Tag zurückgelegt. Autofahrer haben ihn angehupt, einer sogar angehalten und den Kopf aus dem Fenster gesteckt: „Hastes geschafft?“ Er hat es geschafft. Der Markt kommt in Sicht. An der Post stülpt ihm Carola Käbig eine Mütze auf den Kopf. Selbstgehäkelt, wie sie versichert. Zieleinlauf vor dem Rathaus in einer Menschenmenge. Böttcher breitet die Arme aus, als er durchs Zielband läuft, und bekommt ein Glas Bier in die Hand gedrückt. Seine Frau Nancy steht im Hintergrund und lächelt in sich hinein. Wie es denn war, so ganz allein? „Cool“, sagt sie.