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„Ich bleibe immer Präsident dieses Klubs“

Als Einziger hat Sven Hannawald die Vierschanzentournee mit einem Vierfachsieg gewonnen. Bis es ihm Kamil Stoch gleichtat – was Hannawald nicht stört. Ein exklusives Interview.

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Dem Polen Kamil Stoch (links) gelingt 2018 als zweitem Skispringer nach Sven Hannawald 2002 der Grand Slam.
Dem Polen Kamil Stoch (links) gelingt 2018 als zweitem Skispringer nach Sven Hannawald 2002 der Grand Slam. © imago/GEPA pictures/ Felix Roittner

Als Skispringer wusste Sven Hannawald, was zu tun ist. Er gewann in seinem Sport alle Titel: Vierschanzentournee, Olympia und die Weltmeisterschaft. Mit der persönlichen Krise kam 2005 das Ende der Karriere – und es begann eine lange Suche. Inzwischen ist er angekommen in seinem neuen Leben, in dem das alte trotzdem noch eine Rolle spielt. Nur anders.

Zwischen Hausbau, Tournee-Vorbereitung und in Erwartung seines dritten Kindes hat sich Hannawald die Zeit genommen für ein Interview mit der Sächsischen Zeitung. Der 44-Jährige, der als Erster alle Springen einer Vierschanzentournee für sich entschied, spricht über seinen Nachfolger, deutsche Chancen bei der 67. Auflage und seinen neuen Umgang mit Stress.

Herr Hannawald, die Vierschanzentournee steht vor der Tür. Wann standen Sie eigentlich das letzte Mal auf einer Schanze und sind gesprungen?

Mein letzter offizieller Sprung war in Salt Lake City 2004, danach kamen meine gesundheitlichen Probleme und der Klinikaufenthalt. Im Winter darauf, als der Tross schon unterwegs war, habe ich es für mich in Hinterzarten noch mal probiert, bin ein bisschen gesprungen. Ich habe aber gemerkt, als schnell wieder der Alltag da war, dass das unruhige Gefühl zurückkam. Das war für mich das Zeichen, dass der Körper mir mitteilen wollte, dass sich Skispringen erledigt hat. Wenn die Probleme nicht gewesen wären, hätte ich vielleicht noch das eine oder andere Jahr gemacht.

Vor einem Jahr hat Kamil Stoch wie Sie 2002 alle vier Springen der Tournee gewonnen. Wie haben Sie es erlebt?

Das war eine knisternde Spannung, auch wenn der Hype zu den RTL-Zeiten ein ganz anderer war. Das ganze Umfeld wurde immer nervöser. Leider war so ein bisschen die Luft raus, als Richard Freitag in Innsbruck gestürzt war. Er war der Einzige, der Kamil richtig Paroli hätte bieten können. Ich habe ja immer gesagt, dass ich zu jeder Tournee gefahren bin und die Hoffnung hatte, dass ich weiter der Einzige in diesem Klub bleibe. Gleichzeitig habe ich immer betont, wenn es einer schafft, weiß ich, was dazugehört. Das hat nichts mehr mit Skispringen zu tun, das ist nur der Kopf. Das sind Dinge, die im Kopf stattfinden, das ist unerträglich. Kamil hat es geschafft, und dann habe ich gesagt, bin ich der Erste, der gratuliert. Ich habe mich für ihn gefreut.

Gehen Sie nun befreiter in die Tournee?

Schon, jetzt sind wir zu zweit im exklusivsten Klub. Das Schöne ist im Gegensatz zu einem Schanzenrekord, bei dem es immer wehtut, wenn man ihn abgeben muss, dass ich immer der Erste bleiben werde, sozusagen der Präsident dieses Klubs.

Sie waren überhaupt der bislang letzte deutsche Springer, der einen Gesamtsieg bei der Tournee gefeiert hat. Wie schätzen Sie das DSV-Team aktuell ein?

Die deutsche Mannschaft ist dahingehend positiv, dass wir nicht nur einen haben wie in den vergangenen Jahren, der eventuell die Kohlen aus dem Feuer holt. Ich rede nicht vom Tourneesieg, aber auf jeden Fall kann am Ende einer auf dem Podium stehen. Wir haben mit Karl Geiger und Stephan Leyhe zwei stabile Springer. Wenn sie patzen, sind sie trotzdem unter den besten zehn. Mit Andreas Wellinger und Markus Eisenbichler haben wir zwei, die komplett zuschlagen können, wenn es mal passt.

Und Richard Freitag?

Eigentlich hätte er dazugehört, aber seine alte Verletzung an der Hüfte ist in Engelberg wieder aufgetreten, was leider typisch ist. Wenn Richard was drauf hat, er mal einen Einzeltitel einfahren könnte, weil er einfach im Training der Beste war, passiert immer irgendwas Blödes. Ich hoffe, dass er die Feiertage nutzen konnte und zumindest wieder schmerzfrei ist.

Als großer Tournee-Favorit gilt diesmal der Japaner Ryoyu Kobayashi. Ist für ihn der Vierfachsieg möglich?

Es kann gut sein, dass er das schafft. Wenn alles so bleibt, wird keiner an dem Japaner vorbeispringen. Ryoyu Kobayashi fasziniert mich, weil er genau in mein Raster passt, wie ich früher war. Wenn mal ein Sprung weit geht, dann macht er nicht auf und jammert rum, dass zu viel Anlauf war. Er zieht seine Sprünge durch. Das sieht so leicht aus. Wie er im Moment drauf ist, das habe ich lange nicht gesehen.

Für Werner Schuster wird es vielleicht die letzte Tournee als Bundestrainer. Oder verlängert er seinen Vertrag doch?

Das ist keine einfache Entscheidung. Ich wäre dafür, dass er Bundestrainer bleibt, weil er über Jahre für Deutschland viele Erfolge eingefahren hat. Er merkt natürlich auch, dass seine Kinder immer größer werden und er nur unterwegs ist, was ihn momentan viel zum Nachdenken bewegt.

Ist der Trainerjob für Sie ein Thema?

Mich hat es nie in diese Richtung gezogen, und ich weiß auch, warum. Die Jungs 24 Stunden betreuen und wenn sie schlafen sich weiter Gedanken zu machen, wie man vorwärtskommt – da wäre für mich die Schwierigkeit, mir Pausen einzugestehen, weil ich den Jungs den Erfolg garantieren möchte. Ich hätte mir vorstellen können, so eine Art Oliver Bierhoff im Skispringen zu sein, der eng mit dem Bundestrainer zusammenarbeitet, sich um die Nationalmannschaft kümmert. Der hin und wieder im Nachwuchs auftaucht und auch andere Sachen im Verband erledigt.

Sie haben stattdessen jetzt Ihren Vertrag als Experte bei Eurosport um vier Jahre verlängert. Ist das für Sie genau die richtige Distanz zum Skispringen?

Nachdem ich aufgehört habe, hatte ich unheimliche Probleme, zum Skispringen zurückzukommen, weil ich mich zu sehr als Aktiver gesehen habe. Damals war das Thema Gesundheit auch viel zu frisch. Mittlerweile merke ich, dass ich es genieße, vor Ort sein zu dürfen. Und dass ich mit Matthias Bielek meinen kongenialen Partner bei Eurosport gefunden habe, mit dem ich mich geben kann, wie ich bin. Das macht Spaß, kommt gut an und ist eine Erfüllung.

Was machen Sie im Sommer?

Außerhalb des Winters habe ich viel mit meinen Gesundheitsthemen zu tun. Wir haben dazu eine Firma gegründet, ich bin Botschafter für betriebliches Gesundheitsmanagement. Es ist mir wichtig, den Leuten das Thema Stress näherzubringen. Wie man damit umgeht, dass man nicht erwartet, von außen Hilfe zu bekommen. Es sind ja meine Dinge gewesen, wegen denen ich leider aufhören musste. Alles Reinhängen hat sich mit dem Tourneesieg damals schon gelohnt. Heute habe ich ein anderes Denken, gehe alle Aufgaben bewusster an und habe einen Weg gefunden, meinem Körper das zurückzugeben, was er braucht.

Sie waren an Burn-out erkrankt. Wie schaffen Sie es, dass sich Stress nicht mehr negativ auswirkt?

Wenn ich nach Hause komme, habe ich jetzt meine Familie, die mich unheimlich ausgleicht. Wir genießen die Zeit, die wir miteinander haben. Ich verdiene leider nur Geld, wenn ich unterwegs bin. Doch das Leben ist nicht der Beruf und nebenbei die Familie, sondern andersherum. Ich bin jetzt im normalen Leben angekommen. Früher gab es nur Sport, volles Programm. Heute ist der Sport Ausgleich. Ich bin ein Bewegungsmensch, seit Jahren spiele ich in Neuried in der Altherrenliga Fußball. Mit Golf habe ich jetzt auch angefangen.

Was können Sie Menschen mit ähnlichen Problemen mitgeben?

Ich bin kein Wunderheiler. Ich gebe den Leuten nur mit: Wenn wir auf die Welt kommen, haben wir als Kind schon ein Gefühl, was uns guttut und was nicht. Wenn wir älter werden, Berufe lernen, studieren, mehr lesen, verlieren wir uns manchmal, sind immer weiter weg von unserer eigenen Stimme. Es liegt doch sehr nahe, wenn ich mir eh zu viel zumute, dann alles etwas ruhiger zu machen. Nach der Klinikzeit habe ich das probiert, aber gemerkt, dass ich als Typ einfach so bin: richtig oder gar nicht. Für mich ist also wichtig: Wenn ich eine Aufgabe gemacht habe – natürlich wieder zu dreihundert Prozent – muss mir bewusst sein, die zweihundert Prozent, die ich mir zu viel zugemutet habe, auszugleichen. Das ist für mich der Weg.

Das Gespräch führte Michaela Widder.