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"Brauche die Geige wie ein Lebensmittel“

Ein junges Talent musiziert am Freitag aus dem Fenster der Annelie-Marie-Stiftung in Meißen. Er hofft auf viel Publikum. Zudem hat er noch einen Wunsch.

Der junge, begabte Geiger Pooya Sangtarash spielt am 24. April in Meißen aus dem Fenster der Annelie-Marie-Stiftung.
Der junge, begabte Geiger Pooya Sangtarash spielt am 24. April in Meißen aus dem Fenster der Annelie-Marie-Stiftung. © Claudia Hübschmann

Meißen. Wenn er mit seinem Bogen über die Saiten seiner Violine streicht, ist seine Welt in Ordnung. Der Klang ist sein Lebenselixier. „Ich brauche die Geige wie ein Lebensmittel“, beschreibt das junge Musikertalent Pooya Sangtarash seine Gefühle für das Instrument. Etwa drei Stunden pro Tag übt der 18-Jährige. Vor acht Jahren versuchte er, seiner Geige die ersten Töne zu entlocken. Damals zeigte das Streichinstrument ihm seine Grenzen. Heute ist es umgekehrt: Pooya hat die Klangvielfalt seines Instrumentes ausgereizt. Mehr gibt die Geige aus China nicht her, erklärt er.

Pooya sitzt im Büro der Annelie-Marie-Stiftung in der Leipziger Straße 12 in Meißen. Die Stiftung will ihm helfen. „Schon ein neuer Bogen könnte viel ausmachen, hat seine Lehrerin Luise Börner gesagt“, erzählt Stiftungskoordinatorin Juliane Eisenmenger. Doch auch der kostet zwischen 800 und 1.000 Euro. Geld, das seine vierköpfige Familie nicht hat. Sie ist vor eineinhalb Jahren aus dem Iran nach Deutschland geflüchtet. „Meine Mutter ist Christin und wäre im Iran verhaftet worden“, erzählt Pooya. Nach Stationen in Bochum und Dortmund war die Familie fünf Monate im Flüchtlingsheim in Dresden in der Hamburger Straße untergebracht, bis sie im März 2019 in Meißen ihr neues Zuhause fand.

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Musik spielt in Pooyas Familie eine große Rolle. Vater und Bruder spielen Instrumente. „Ich habe in der ersten oder zweiten Klasse mit dem Xylophon-Spielen begonnen.“ Danach folgte die Blockflöte. Aber am liebsten hätte er Klavier gelernt. „Doch im Iran gab es nur mechanische und die waren viel zu teuer“, erzählt er. So ist der junge Musiker bei seinem „zweiten Lieblingsinstrument“ gelandet, das aus seinem Leben nicht mehr wegzudenken ist. Gerade auch in Zeiten mit viel Stress. Beispielsweise wenn Prüfungen anstehen. „Wenn ich Geige spiele, kann ich mich dann viel besser konzentrieren.“ Einen Lieblingskomponisten habe er dabei nicht. Und nach kurzem Überlegen nennt der junge Violinist dann doch einen Namen: Johann Sebastian Bach. „Seine Stücke sind sehr schlau komponiert“, meint Pooya.

Musiker oder Arzt

Zwei Schuljahre hat der junge Mann durch die Flucht verloren, besucht deshalb erst die 10. Klasse in der Oberschule in Kötitz. Die deutsche Sprache beherrscht er beeindruckend gut. Selbst sächsisch zu verstehen, stellt kein Problem für ihn dar. Eigentlich wollte er ein Gymnasium besuchen, aber es gab keins mit Deutsch als Zweitsprache. So wird er nun im Anschluss an seinen Realschulabschluss das Abitur machen. Denn Pooya hat schon ziemlich klare Vorstellungen, was er einmal werden will: „Musiker oder Arzt.“

An seiner Künstlerkarriere arbeitet er derzeit eifrig. So spielt er in mehreren Orchestern, unter anderen im Dresdner Jugendsinfonieorchester des Heinrich-Schütz-Konversatoriums und im Sinfonieorchester des Landesgymnasiums Sankt Afra. Mit seiner Geige unter vielen anderen fällt der nicht so gute, leise Klang nicht auf. „Aber ich kann mit meiner Geige kein Solo spielen“, erklärt Pooya. Deshalb wünschen sich seine Lehrerin und er ein neues Instrument, auf dem Pooya sein Talent weiterentwickeln kann. Auch die Annelie-Marie-Stiftung will bei der Beschaffung helfen. „Eine neue Geige kostet etwa 7.600 Euro“, sagt Juliane Eisenmenger, „das können wir nicht allein stemmen. Aber vielleicht kann jemand seine Geige auch vermieten. Oder jemand hat eine gebrauchte, die er verkaufen möchte.“ Mit allem wäre Pooya sehr geholfen.

Inspiriert von der Aktion „Musik aus dem Fenster“ in Corona-Zeiten lädt die Annelie-Marie-Stiftung am Freitag, 24. April, um 16 Uhr zu einem kleinen Konzert in der Leipziger Straße 12 ein. „Wir hoffen auf viele Passanten, die sich an dem Spiel von Pooya und einer jungen Klavierschülerin der Stiftung erfreuen“, sagt Juliane Eisenmenger.

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