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„Ich fühle mich als Strippenzieher“

Beinahe Halbzeit für Citymanager Frank Lublow in Weißwasser. Reparaturcafé und Kino sind nur zwei seiner Themen.

Citymanager Frank Lublow vor dem Volkshaus in Weißwasser. Mit den Freunden des Objekts hat er sich schon mehrfach getroffen.
Citymanager Frank Lublow vor dem Volkshaus in Weißwasser. Mit den Freunden des Objekts hat er sich schon mehrfach getroffen. © Foto: Joachim Rehle

Weißwasser. Stadtwerkstube, Reparaturcafé und Bibliothek der Dinge. Ab 1. August soll in den Räumen des Projekts „Perspektive(n) Weißwasser“ am Boulevard wieder einiges passieren. Ende 2018 war dort mit dem Auslaufen der Förderung für die dreijährige Maßnahme das Licht ausgegangen. Seit Jahresbeginn nutzt der Citymanager die Räume – mit nachhaltigen Ideen.

„Man muss das Fahrrad in Weißwasser nicht neu erfinden“, sagt Frank Lublow. Soll heißen, Reparaturcafé oder Bibliothek der Dinge haben sich anderswo längst bewährt. Sie mögen dort anders heißen, haben aber allesamt der Wegwerfgesellschaft den Kampf angesagt. Frank Lublow hat sie nun in Weißwasser angestoßen. Denn ein Reparaturcafé gab es hier noch nicht. Wer ein Problem mit seinem Fahrrad hat, einen kaputten Bilderrahmen, einen Stuhl mit wackelndem Bein oder eine Kaffeemaschine, an der lediglich die Sicherung gewechselt werden müsste, der kann sich ab dem nächsten Monat am Boulevard helfen lassen. „Es muss nicht immer alles auf dem Müll landen. Mit Liebe und Zuversicht kann man den Dingen ein zweites Leben schenken“, erklärt der Citymanager den Grundgedanken. Dann fügt er an, dass dies nicht nur als reine Hobbybastelei zu verstehen. Bei elektrischen Sachen ist sogar für eine technische Abnahme gesorgt, das habe er mit der Gab, der gemeinnützigen Gesellschaft für Arbeits- und Berufsförderung in Weißwasser, so besprochen.

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In einer Stadtwerkstube sei eine Ladys-Night vorstellbar. „Kurse, in denen Frauen den Umgang mit bestimmten Werkzeugen üben kennen“, nennt er als ein Beispiel. Auch gebe es Gespräche, dass die Station Junger Naturforscher und Techniker in der Zeit ihres Umbaus alles mit Werkstattcharakter an den Boulevard verlegt.

Bürgersinn und Nachbarschaftshilfe

Die Bibliothek der Dinge könnte zu einem Selbstläufer werden. „Auf die Gefahr hin, dass Händler sauer sind, aber man muss ja nicht immer nur kaufen, kaufen, kaufen. Viele Leute haben Zeug zu Hause stehen, was sie nicht wirklich brauchen“, sagt Frank Lublow. Ob Stahlleiter oder Waffeleisen, wenn man sowas braucht, kann man sich die Dinge am Boulevard ausleihen. Anderswo bereits erprobt, habe er in Weißwasser auf die Idee ebenso ein gutes Feedback erhalten. Das Projekt lebt vom Mitmachen derer, die ihre gut erhaltenen, aber überflüssigen Dinge zur Verfügung stellen.

Ab dem 1. August wird der Raum für die Werkstatt gestaltet. Dazu sind freiwillige Helfer willkommen. Ausdrücklich verweist Frank Lublow darauf, dass all das weder mit irgendeinem Vereins- noch Parteibuch zu tun hat. Es geht um Bürgersinn und Nachbarschaftshilfe. „Weißwasser ist nicht die Stadt der Depressionen. Es gibt viele Leute, die sich engagieren“, hat er festgestellt. Allerdings würden sie oft wie auf einer Insel für sich alleine kämpfen. Er möchte sie enger zusammenzuführen.

Noch in diesem Sommer soll es in Weißwasser eine Filmnacht geben. Kino sei bei seinen Gesprächen mit Bürgern immer wieder ein Thema. Er nahm Kontakt zum Filmverband in Sachsen auf. Dessen Initiative „film.land.sachsen“ biete die Möglichkeit, Programmteile aus Filmfestivals in den ländlichen Raum zu holen. Er wolle nicht gleich von einem Filmfest in Weißwasser träumen, sondern erst einmal mit einer Filmnacht beginnen, erklärt der Citymanager. Die Telux mit ihren technischen Möglichkeiten sei prädestiniert dafür. Die Idee der Filmnacht wäre ebenso im Volkshaus oder auf der Schnitterbrache umsetzbar. Oder im Jahnbad, wo es früher ja auch Kino gab. Nach dem ersten Gespräch mit Annemarie Renker vom Filmverband Sachsen und Sebastian Krüger von der Hafenbar der Telux sei man sich einig gewesen, Nägel mit Köpfen zu machen. Frank Lublow schwärmt von den Filmnächten am Rheinufer. Auch wenn das nicht mit Weißwasser zu vergleichen sei, es zeige, wie viel Seligkeit sich damit hervorzaubern lässt. „Diese Seligkeit ist für eine Stadt gleich welcher Größe extrem wichtig“, fügt er hinzu.

Bürgerfonds stärkt lebendige Stadt

Als eine seiner ersten Aufgaben hatte er die Einrichtung eines Bürgerfonds auf der Agenda, der sich zur Hälfte aus Mitteln der Städtebauförderung finanziert. Außerdem bringen Privatleute Geld oder Arbeitsstunden ein. Eine Jury wählt aus Anträgen Projekte zur Belebung der Stadt aus. In Kamenz und Spremberg laufe das nach ersten Erfahrungen bereits sehr gut. In Weißwasser hingegen stehe man noch ganz am Anfang. „Es gibt Unternehmen, die das unterstützen würden. Da würde sich relativ schnell Topf und Deckel zusammenbringen lassen“, sagt Frank Lublow. Der Bürgerfonds schaffe bessere Rahmenbedingungen für kleine Vorhaben.

In dieser Woche empfing er Gäste aus Döbeln. Der dortige Verein Treibhaus möchte in Weißwasser ein Kunstprojekt installieren, da sei auch der Bahnhof ein Thema. Statt einer Ausstellung soll das gemeinsame Gestalten im Vordergrund stehen.

Und dann erinnert Frank Lublow noch an den verkaufsoffenen Sonntag im Frühjahr, den er maßgeblich mitorganisiert hat. Mit Familien- und Kinderfest. So viele Besucher hatte die Innenstadt lange nicht gesehen. „Das hat die Händler davon überzeugt, dass es eine gute Sache ist“, sagt er.

Seit Jahresbeginn ist der Citymanager im Amt. Trotz eines holprigen Starts brachte er einiges in Bewegung. „Ich fühle mich als Strippenzieher“, sagt er. Dass es sich nur um eine halbe Stelle handelt, schränkt manche seiner Aktivitäten ein. Dass er kein Budget zur Verfügung hat, ebenso. Für jede Aktion muss er sich Partner suchen. „Mit einer zweiten halben Stelle wäre viel mehr zu schaffen.“. Frank Lublow ist viel in der Stadt unterwegs. Als Citymanager müsse er sichtbar, greif- und ansprechbar sein. Wie ein Bürgermeister mitten im Dorf. Nur auf feste Sprechzeiten zu setzen, hält er für falsch. „Mein Platz ist draußen“, sagt er und geht lieber selber zu den Leuten hin, etwa zu den Einzelhändlern in der Stadt.

Auch sucht er weiter nach Ideen, wie die Räume am Boulevard mit Leben zu erfüllen sind. „Das Pflänzchen muss erst gedeihen“, warnt er vor allzu überschwänglichen Erwartungen. „Es soll kein zweiter Stadtverein werden“, stellt er zudem klar.

Für Frank Lublow, der zur anderen Hälfte seines Arbeitstages Onlinemarketing betreibt, ist die Hälfte seines Einsatzes als Citymanager in Weißwasser schon fast vorbei. Bis März 2020 ist die Finanzierung über ein Förderprogramm gesichert.

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