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„Ich gebe definitiv keinen Unterricht mehr“

Elke Richter war 22 Jahre Leiterin des Gymnasiums Radeberg. Für die nächsten Monate hat sie sich eins vorgenommen.

In den 22 Jahren als Schulleiterin des Humboldt-Gymnasiums hat Elke Richter hunderte Schüler betreut. Jetzt geht sie in den Ruhestand.
In den 22 Jahren als Schulleiterin des Humboldt-Gymnasiums hat Elke Richter hunderte Schüler betreut. Jetzt geht sie in den Ruhestand. © René Meinig

Radeberg. "Sie werden nicht loslassen können." Diesen Satz hört Elke Richter immer wieder. Sie werde merken, wie schwer das ist mit dem Aufhören. Dann, wenn sie nicht mehr Schulleiterin des Humboldt-Gymnasiums Radeberg (HGR) ist. Nach 22 Jahren einfach aufhören. Das ist unmöglich. Sie ist sich aber sicher. Am 31. Juli 2020 ist Schluss. Definitiv. Keine halbe Schulleiterin, keinen Unterricht. „Wenn ich etwas mache, dann richtig. Wenn ich mich entschieden habe, dann knie ich mich in die neue Sache rein. Das habe ich immer so gehalten, das ist auch diesmal so.“ Obwohl, konkrete Pläne gibt es für die nächsten Monate noch nicht. Vielleicht ein Fahrrad kaufen und damit durch die Gegend fahren oder sich in den kleinen Fiat setzen und Deutschland erkunden. „Ich kenne so viele Ecken des Landes noch nicht.“ 

In der Wendezeit Mitarbeit beim Neuen Forum

In einem Punkt ist sie sich sicher. „Ich werde ein Buch schreiben. Ich muss das alles, was sich über die Jahre angesammelt hat, aus meinem Kopf bekommen. Es kann eine Art Chronik des Humboldt-Gymnasiums werden, vielleicht geht es auch über die Zeit hier an der Schule hinaus.“ Zu erzählen ist eine Menge. Schon von ihrer Zeit als Lehrerin in der DDR, von der Wende, ihrem Engagement beim Neuen Forum, von der Aufbruchsstimmung. Davon, dass sie in den 90er Jahren rund 60 Gymnasien im Oberschulamtsbereich Dresden als Referatsleiterin mit aufbauen konnte. „Viele Kinder wollten ans Gymnasium. Uns fehlten Räume, Lehrer, Fortbildungsangebote.“ Von Ihrer Zeit als Fortbildnerin für Führungskräfte im sächsischen Schuldienst, von ihrer Zeit als Vorsitzende der sächsischen und Vizevorsitzende der Bundesdirektorenvereinigung der Gymnasien.

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Vor allem aber gibt es viel zu erzählen ab 1998, als sie Schulleiterin am Humboldt-Gymnasium Radeberg wurde. Davon, dass sie Freiarbeit nach Vorstellungen der Reformpädagogin Maria Montessori zuließ. Gemäß Montessoris Motto: "Hilf mir, es selbst zu tun. Kinder finden am besten ihren eigenen Rhythmus und ihre eigene Art zu lernen." Dann davon, wie sie gleich bei ihrer ersten Aufnahme von Fünftklässlern für Latein als erste Fremdsprache warb. Dafür hatte sie schon in ihrer Oberschulamtszeit einen Lehrer aus Trier an die Schule geholt und eine zweite Kollegin ans HGR gebracht, beide längst in Führungspositionen als Fachberater und Fachleiter. Schon mit der Einführung 1999 war die Latein-Klasse voll. Anfangs belächelt, wurde das Latein-Projekt ein Erfolg und bis heute ein Fundament am HGR. 

Zur Verabschiedung von Schulleiterin Elke Richter standen die Schüler des Humboldt-Gymnasiums an der Hauptstraße.
Zur Verabschiedung von Schulleiterin Elke Richter standen die Schüler des Humboldt-Gymnasiums an der Hauptstraße. © Willi Krusche

2006 fiel ein hyperaktiver Junge an der Schule auf. „Hier müssen wir eine Lösung finden“, sagte die Schulleiterin damals. Kurzerhand stellte sie beim Schulamt den Antrag, eine Inklusionsklasse zu bilden. Die Zusage kam prompt. „Dann wusste erst einmal keiner, wie das geht, Inklusion. Heute beraten wir andere Schulen.“ Auch die Förderung besonders begabter Schüler machte Elke Richter zu ihrer Herzenssache. Talentierte Mädchen und Jungen können sich beispielsweise an der TU Dresden als Frühstudenten einschreiben und parallel zum Unterricht am HGR Vorlesungen besuchen. Das Arbeiten mit  einem Professor an einem Wochentag ist so möglich. Der Lohn dieser Arbeit: seit 2017 ist das Radeberger Gymnasium eines von fünf sächsischen Kompetenzzentren für Begabungs- und Begabtenförderung und berät damit auch andere Schulen in der Region. „Ich bin sehr dankbar, dass meine Lehrer immer so mitgezogen haben. Jede Neuerung bedeutet Stress. Die Lehrer am HGR leisten mehr, als sie müssen.“ 

Positive Erkenntnis aus der Corona-Zeit

Platz finden in ihrem Buch ganz sicher auch die Schulschließungen und der ungewohnte Unterricht durch die Corona-Pandemie. „Für mich hat sich eine wichtige Erkenntnis bestätigt. Für Schüler ist das gemeinsame, das soziale Lernen wichtig. Das einsame Arbeiten zuhause am Schreibtisch ist nur für wenige Kinder und Jugendliche geeignet. Viele waren erst dann wieder glücklich, als sie mit ihren Mitschülern im Klassenzimmer sitzen konnten.“ Für sie sei es wichtig, die Rede und Widerrede des Lehrers oder der Mitschüler zu erleben und darauf reagieren zu können. „Im Fernunterricht ist das kaum möglich.“ Ein positives Ergebnis der Corona-Beschränkungen ist für sie, dass die Facetten der Kinder stärker hervorgetreten sind. „Sie konnten sich mal zurücklehnen und eher ihren Neigungen nachgehen. Im Unterrichtsalltag ist das weniger möglich. In den geteilten Klassen war dann ab dem 18. Mai wieder ein intensives aber auch anstrengendes Lernen möglich, leider nicht in allen Fächern." Nach den Ferien muss vor allem  ermittelt werden, wo die Schüler mit ihren Kompetenzen stehen. Dann müssen die entstandenen Wissens- und Bildungsdefizite,  die nicht nur auf  fehlendem Lernstoff zurückzuführen sind,  wieder aufgearbeitet werden, sagt Elke Richter. "Das wird deutlich über das nächste Schuljahr hinaus andauern.“ 

Schüler überreichten ihr ein Abizeugnis

Auf die Frage, was sie sich für die nächsten zehn Jahre für das Humboldt-Gymnasium wünscht, sagt sie: „Die Begabungen und Talente jedes einzelnen noch besser zu erkennen und fördern. Dafür gilt es, die Zusammenarbeit mit den Grundschulen zu verstärken, mit anderen zu Gymnasien kooperieren, Fortbildung und Beratung verbessern.“ Für das HGR sollte insbesondere das Platzproblem gelöst werden. „Da sind ja das Landratsamt, unsere Stadt Radeberg und alle anderen Stellen dran. Die Container an der Röderstraße dürfen keine Dauerlösung sein.“ 

Dann die Abschlussfeier vergangene Woche. Bei der standen die Schüler entlang der Hauptstraße in Radeberg Spalier. Die Noch-Schulleiterin wurde mit einem Oldtimer-Cabriolet zuhause abgeholt. Auf dem Schulhof bekam sie schließlich ein Abizeugnis überreicht. Im Fach „Zuwendung zu Schülern“ erhielt sie eine glatte Eins, 15 Punkte, besser geht nicht. Im Fach „Kurze, sachliche Rede“ reichte es nur für fünf Punkte, eine Vier. Elke Richter hat immer viel zu sagen. Zu ihrem Abizeugnis sagte sie nur lachend: „Ich habe 22 Jahre gebraucht, bis ich das endlich geschafft habe. Da sind meine Schüler viel besser.“ Noch einmal auf die nächsten Monate und Jahre angesprochen, sagt sie: „Ich kann mir schon vorstellen, zu Lesungen mit meinem ,Buch‘ ins Humboldt-Gymnasium zu kommen.“ Ganz ohne HGR geht also doch nicht. „Einmal Humboldtianer- immer Humboldtianer“.

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