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Feuilleton

Hat Dresden schon ein heimliches Corona-Denkmal?

Ein Freund lebt nicht mehr. Ein Arzt sagt: Wir können nicht alle retten. Teil 6 der Corona-Kolumne von Peter Ufer.

© Jonas Güttler/dpa/SZ

Früh erfahre ich, dass Dirk nicht mehr lebt. Viele Jahre arbeitete ich mit dem SZ-Fotografen zusammen. Er war das, was man sich unter einem echten Kumpel vorstellt, immer da, wenn einer Hilfe braucht. Dass ihn der Krebs quälte, hat er mir nie erzählt. Ich höre ein Lied von AnnenMayKantereit: „Ich weiß, ich hab gesagt, ich bin heute am Start, aber ich komm nicht klar und da, wo ich schon tausendmal war, will ich heute nicht hin… Ich glaub, ich geh heut nicht mehr tanzen, ich glaub, ich geh heut nicht mehr raus, ich glaub, ich rauche heute Pflanzen und bleib allein zu Haus.“

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Immer, wenn ich jetzt Mails schreibe, unterzeichne ich die neuerdings mit „Bleib gesund!“. Ich füge hinzu, dass wir uns „nach Corona, wiedersehen“. Als ich kurz vor dem Mittag mit einem Nachbarn von der Straße aus zu seinem Balkon hochrede, erzählt er mir, dass seine Kinder gerade ihren wöchentlichen Cello-Unterricht absolvieren. Der Musiklehrer sei allerdings nicht persönlich gekommen, sondern unterrichte sie per Facetime.

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Später ruft mich ein Freund an. Er arbeitet als Arzt in einer Praxis am Krankenhaus und sagt: „Wir lassen jetzt viele geplante Eingriffe und Untersuchungen weg, konzentrieren uns auf wesentliche medizinische Dinge. Es ist unmöglich, die zu retten, die sowieso schwer krank sind und durch Corona zusätzlich geschwächt werden. Eine Beatmung wird ihnen nicht helfen. Das muss der Arzt jetzt entscheiden, ähnlich wie in Italien.“ Und weiter: „Die Politik muss sich trauen zu sagen, dass wir nicht mehr in der Lage sind, jede kleine Befindlichkeit zu behandeln. Ich bin Arzt geworden, um Menschen realistisch zu helfen. Dank meiner langen medizinischen Erfahrung erlaube ich mir zu sagen, das Leben darf nicht unendlich verlängert werden. In scheinbar guter Absicht beschädigen wir gerade massiv unsere Wirtschaft und unser Zusammenleben. Wie lange halten wir das durch? Vielleicht sterben 50.000 Menschen mehr als sonst in Deutschland. Oder haben wir in sechs Monaten acht Millionen Arbeitslose? Ich weiß es auch nicht, aber ich gebe es zu bedenken.“

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Normalerweise legen wir als Organisatoren des Deutschen Karikaturenpreises immer im März das Motto des jährlichen Wettbewerbs fest. Als Mitbegründer des Preises diskutiere ich mit der Jury, wie das Thema für die Zeichnerinnen und Zeichner 2020 heißen könnte. Ein erster Vorschlag lautet, sich satirisch mit der alternden Gesellschaft auseinanderzusetzen. Aber das kommt uns jetzt unpassend vor. Ich meine, vielleicht wäre das Motto gut „Weniger ist mehr!“ oder „Was zu viel ist, ist zu viel!“. Wir können und wollen uns aber gerade nicht einigen, denn fast jeder Gedanke wird einen Tag später von der Realität eingeholt. Die Wanderausstellung auf Schloss Agathenburg unweit von Hamburg, die ich am 29. Februar eröffnen durfte, hat seit über einer Woche geschlossen. Die Leiterin der Kulturstiftung, Bettina Roggmann, schreibt: „Hoffentlich bekommen wir in der Laufzeit noch eine Öffnung hin. In Niedersachsen ist bisher bis 18.04. alles geschlossen.“

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Matthias Altmann aus Zittau schickt mir eine Mail und schreibt: „In unserer nordböhmischen Nachbarregion gibt es auf vielen Marktplätzen sogenannte ,Pestsäulen`, die an die Ereignisse im 16. Jahrhundert erinnern. Bei uns in Sachsen gibt es so etwas nicht oder selten. Bei dieser Frage fiel mir ein, dass Ende der 1960-Jahre die Dresdner Bildhauerin Leonie Wirth eine Brunnenplastik schuf, die als ,Pusteblume` bezeichnet wird, aber mich heutzutage an das sich schnell verbreitende Coronavirus erinnert … Hat Dresden etwa schon ein heimliches Corona-Denkmal?“

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Spät abends brauche ich Ablenkung, suche im Netz nach Technomusik, die einfach nur in mein Hirn hämmert. Der Dresdner Club „Sektor Evolution“, der zurzeit geschlossen hat, bietet bei Facebook ein Live-Konzert. Auf der Internet-Seite schreiben die Macher: „Wir hoffen, dass die ganze Sache schnell vorüber geht. Bis dahin gilt es zusammenzuhalten und vor allem: gesund zu bleiben!“

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Wenn Sie Ihre Erlebnisse aus Ihren „Tagen mit Corona“ erzählen wollen, dann schreiben Sie an [email protected]

"Die Tage mit Corona" - die Kolumne von Peter Ufer

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