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"Ich habe die Rente vorgezogen"

Claudia Bothe will mit 63 kürzer treten. Möglich ist das für langjährig Versicherte. Doch wie? Und welche finanziellen Einbußen bedeutet das?

Claudia Bothe ist für ihre Enkel die „Oma für Kunst und Kultur“. Sie geht mit ihnen gern in die Oper in Chemnitz – und wünscht sich weniger Arbeit und mehr Zeit für sie.
Claudia Bothe ist für ihre Enkel die „Oma für Kunst und Kultur“. Sie geht mit ihnen gern in die Oper in Chemnitz – und wünscht sich weniger Arbeit und mehr Zeit für sie. © Uwe Mann

Claudia Bothe hat ihr Leben lang gern gearbeitet. Doch je älter sie wurde, umso stärker wurde der Wunsch, mehr Zeit für Ausflüge, die geliebten Chorproben und für die Familie zu haben. Denn Enkel Nummer sechs ist unterwegs. „Irgendwann habe ich gemerkt, dass ein Wochenende zum Regenerieren nicht mehr ausreicht“, sagt die 61-Jährige. „Mit einem Mal aufhören wollte ich nicht, aber ein paar Tage weniger arbeiten und in den Ruhestand gleiten.“

Claudia Bothe ist im Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie tätig und bearbeitet Widersprüche in der Agrarförderung. Drei Tage arbeitet sie in der Dienststelle Chemnitz, wo sie auch wohnt, an zwei Tagen pendelt sie nach Dresden. Bei einer Infoveranstaltung im Rahmen ihrer Tätigkeit als Personalrätin hörte sie zum ersten Mal von dem Modell der „Altersrente für langjährig Versicherte“ in Kombination mit der Flexirente. Das klang auch passend für sie selbst.

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Mit Abitur und Studium kaum möglich

Insgesamt beziehen rund 7,54 Millionen Deutsche die Regelaltersrente. Für den Jahrgang 1955 wird sie ab 65 Jahren und neun Monaten gezahlt. Die Grenze steigt aber noch. Alle, die ab 1964 geboren wurden, dürfen erst mit 67 Jahren regulär in Rente. Fast 10.150 Sachsen haben 2018 tatsächlich bis zum Erreichen ihrer Regelaltersgrenze gearbeitet.

Doch die meisten Arbeitnehmer teilen den Wunsch von Claudia Bothe nach einem früheren und flexiblen Renteneintritt. So nahmen 2018 im Freistaat 11.639 Menschen die „Altersrente für langjährig Versicherte“ in Anspruch. Dies ist ab 63 Jahren möglich, wenn mindestens 35 Jahre Wartezeit in der Deutschen Rentenversicherung nachgewiesen werden. Allerdings müssen Abschläge in Kauf genommen werden.

Nach den Erfahrungen von Christian Lindner, Rentenberater in Dresden, bekommen die meisten Arbeitnehmer die 35 Jahre zusammen, denn es werden alle rentenrechtlichen Zeiten berücksichtigt. Aktuell beziehen in Deutschland etwa 1,97 Millionen Menschen diese Rente.

19.170 Neurentner in Sachsen gingen 2018 mit der „Altersrente für besonders langjährig Versicherte“ frühzeitig in den Ruhestand. Sie wird ohne Abzüge gezahlt. Nachgewiesen werden müssen dafür 45 Jahre Wartezeit in der Deutschen Rentenversicherung. „Hier profitieren die Facharbeiter“, sagt Lindner. Wer in der DDR die betriebliche Berufsausbildung oder die Berufsausbildung mit Abitur gemacht hat, kann diese Arbeitsjahre anrechnen lassen. Dagegen zählt das Abitur mit Berufsausbildung nicht dazu, weil die Jahre nicht sozialversicherungspflichtig waren. 

„Auch wer Abitur und studiert hat, hat kaum eine Chance, die 45 Jahre zusammenzubekommen“, sagt Lindner. Die Krux ist, dass für die Wartezeiten von 35 beziehungsweise 45 Jahren jeweils unterschiedliche Zeiten Berücksichtigung finden (siehe Infobox). Diese komplizierte Abgrenzung macht es Arbeitnehmern fast unmöglich, selbst nachzurechnen, wie viele Jahre Wartezeit sie gesammelt haben – und welche Rentenform für sie infrage kommt. „Sie sollten deshalb vor Antragstellung bei der Rentenversicherung um Kontenklärung bitten und prüfen lassen, ob die Beitragsjahre ausreichen“, rät Lindner.

Früher in Rente - mit wenig Abzügen?

Claudia Bothe hat fast 40 Jahre Wartezeit voll. Geboren im September 1958, hat sie von 1977 bis 1981 studiert, bekam in dieser Zeit ihr erstes Kind, blieb aber nur wenige Wochen zu Hause. Später ging die Juristin ins zweite Babyjahr und war kurz nach der Wende zwei Monate arbeitslos. Ansonsten hat sie ohne Pause gearbeitet. Ihre rentenrechtlichen Zeiten reichen damit nur für die „Altersrente für langjährig Versicherte“. 

In Anspruch nehmen könnte sie diese mit 63 Jahren im Oktober 2021. Sie müsste dann aber 10,8 Prozent Abzüge hinnehmen, die bis an ihr Lebensende gelten. 

Zum Rentenrechner der Deutschen Rentenversicherung

Für Bothe sind das zu hohe Einbußen. Ohne Abschläge in Rente gehen könnte sie aber erst, wenn sie bis zur Regelaltersgrenze voll arbeitet – für ihr Geburtsjahr 1958 mit 66 Jahren. Das ist ihr wiederum zu spät. „Schon als ich 60 wurde, habe ich mit mir gehadert. Nicht unbedingt wegen der Zahl, aber weil es früher selbstverständlich war, dass Frauen mit 60 in Rente gehen“, so Bothe. Seither schwirre das Thema Ruhestand in ihrem Kopf herum. Ihr Wunsch: In den letzten Berufsjahren einige Tage weniger arbeiten und möglichst wenig finanzielle Verluste hinnehmen. Die Lösung: eine „Altersrente für langjährig Versicherte“ als Teilrente.

Laut Flexirentengesetz von 2016 kann, wer die Voraussetzungen für die vorgezogene Altersrente erfüllt, eine Teilrente beziehen – und in Teilzeit weiterarbeiten. Die Höhe der Teilrente muss mindestens zehn Prozent der vollen Altersrente betragen oder ergibt sich durch stufenlose Anrechnung des Hinzuverdienstes. Diese Flexibilität ist neu – bis Juni 2017 konnte man nur Teilrenten in Höhe von einem Drittel, der Hälfte oder zwei Drittel wählen. Wichtig: Pro Monat, der bis zur Regelaltersrente fehlt, wird die Teilrente um einen Abschlag von 0,3 Prozent gemindert.

Für Claudia Bothe sähe das so aus: Ab 1. Oktober 2021 bezieht sie die „Altersrente für langjährig Versicherte“ als Teilrente mit Abschlägen von 10,8 Prozent. Parallel arbeitet sie in Teilzeit bis zu ihrer Regelaltersgrenze von 66 Jahren. Während dieser Zeit wächst ihr Rentenguthaben bei der Rentenversicherung also weiter an. Mit Beginn der regulären Rente am 1. Oktober 2024 kann sie die bis dahin zusätzlich erworbenen Entgeltpunkte und die für die Teilrente nicht benötigten Entgeltpunkte ohne Abschläge beziehen.

Arbeitgeber früh informieren

Und der Hinzuverdienst? „Wer eine vorgezogene Altersrente bezieht, darf 6.300 Euro pro Jahr dazuverdienen, ohne dass es Auswirkungen auf die Rente hat“, sagt Lindner. Das gelte auch für die Teilrente. Im Corona-Jahr 2020 gilt sogar ausnahmsweise die Grenze von 44.590 Euro.

Übersteigt das Entgelt diese Summe, wird der darüberliegende Betrag zu 40 Prozent auf die (Teil-)Rente angerechnet – diese sinkt. Zudem muss die individuelle Höchstgrenze beachtet werden, der sogenannte Hinzuverdienstdeckel. Wie hoch der ist, können sich Versicherte bei der Rentenberatung ausrechnen lassen. Für das Jahr 2020 ist er jedoch ausgesetzt.

Wer zur Teilrente noch eine Betriebsrente bezieht, sollte sich vorab beim Rententräger und beim Träger der betrieblichen Altersversorgung beraten lassen. Je nach Satzung könnte es zu Kürzungen oder gar zum Ruhen der Betriebsrente kommen. Auch könnte geregelt sein, dass die Betriebsrente erst ab 65 gezahlt wird.

Der Arbeitgeber sollte etwa drei Monate vor dem geplanten Renteneintritt informiert werden, sagt Lindner. Auch Claudia Bothe muss noch Details klären. Für sie steht bisher nur fest: Mehr als drei Arbeitstage pro Woche sollen es nicht mehr sein, später vielleicht nur noch zwei. Dann dürfte genug Zeit bleiben, damit die „Oma für Kunst und Kultur“ ihre Enkel mit auf neue Entdeckungstouren nehmen kann.

Nächsten Samstag lesen Sie Teil 3: Arbeiten auf Vorrat mit einem Lebensarbeitszeitkonto – wie Arbeitnehmer dank angesparter Überstunden und Sonderzahlungen vorzeitig in den Ruhestand wechseln können.

Den ersten Teil der Rentenserie lesen Sie hier: So verstehen Sie Ihre Renteninformation

Für die 35 Jahre Wartezeit zählen:
  • Zeiten von versicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen, Berufsausbildungen und Minijobs sowie der versicherungspflichtigen Selbstständigkeit (etwa Handwerker, Künstler); 
  • Zeiten der Kindererziehung bis zur Vollendung des zehnten Lebensjahres des jüngsten Kindes, der nicht erwerbsmäßigen Pflege, des Wehr- und Zivildienstes, des Bundesfreiwilligendienstes; 
  • Zeiten mit Lohnersatzleistungen wie Kranken- oder Arbeitslosengeld, 
  • Zeiten mit freiwilligen Beiträgen Zeiten der Arbeitsunfähigkeit oder Teilnahme an Leistungen der medizinischen Reha oder zur Teilhabe am Arbeitsleben, 
  • Zeiten von Schwangerschaft und Mutterschaft während der gesetzlichen Schutzfristen – wenn dafür eine versicherungspflichtige Beschäftigung unterbrochen wurde; 
  • Zeiten von Arbeitslosigkeit, Ausbildungssuche nach dem 17. Lebensjahr, Schul-, Fachschul- oder Hochschulbesuch und berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen nach dem 17. Lebensjahr (maximal acht Jahre); 
  • Rentenbezug aus dem eigenen Versicherungsverhältnis etwa wegen vorübergehender Erwerbsminderung
Für die 45 Jahre Wartezeit zählen: 
  • Zeiten von versicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnissen
  • Berufsausbildungen und Minijobs sowie Zeiten der versicherungspflichtigen Selbstständigkeit
  • Zeiten der Kindererziehung bis zum zehnten Lebensjahr des Kindes
  • der nicht erwerbsmäßigen Pflege von Angehörigen
  • des Wehr- und Zivildienstes 
  • Zeiten mit Kurzarbeitergeld und Lohnersatzleistungen wie Übergangs-, Kranken- oder Arbeitslosengeld (Letzteres gilt nicht, wenn es in den letzten zwei Jahren vor Rentenbeginn bezogen wurde – außer der Job ging nach einer Insolvenz oder Geschäftsaufgabe des Arbeitgebers verloren.)
  • Zeiten der freiwilligen Versicherung, wenn mindestens 18 Jahre mit Pflichtbeiträgen vorliegen – eine Ausnahme gilt für die letzten zwei Jahre vor Rentenbeginn

Nicht angerechnet werden: 

  • Zeiten mit Bezug von Arbeitslosenhilfe oder Arbeitslosengeld II; 
  • Zeiten aus einem Versorgungsausgleich sowie Rentensplitting; 
  • Zeiten während der Ausbildungssuche, eines Schul-, Fachschul- oder Hochschulbesuchs ohne Entgeltersatzleistung

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