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"Ich habe keine Angst vor dem Tod"

Ingrid Grosse aus Neustadt protestiert mit ihren 80 Jahren gegen Corona-Regeln. Sie will frei und auch im Alter selbst bestimmen, wie sie lebt und stirbt.

Wenn sie in den Supermarkt gehen will, bleibt Ingrid Grosse nichts anders übrig, als die ungeliebte Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen.
Wenn sie in den Supermarkt gehen will, bleibt Ingrid Grosse nichts anders übrig, als die ungeliebte Mund-Nasen-Bedeckung zu tragen. © Daniel Schäfer

Wenn es wirklich nicht anders geht, dann zieht Ingrid Grosse auch diesen ungeliebten Mundschutz vors Gesicht. Aber alle sollen trotzdem sehen, dass sie es nur widerwillig tut. Die promovierte Chemikerin hat "Wie lange noch" darauf geschrieben. Mit drei Fragezeichen. Dass das nicht der gültigen Rechtschreibung entspricht, weiß die Frau mit Doktor-Titel selbstverständlich. Doch sollen sich die anderen ruhig ihre Mäuler zerreißen. Auch im Alter geht Ingrid Grosse ihren eigenen Weg - wie schon immer.

Zuletzt führte dieser sie auf den Markt von Neustadt/Sachsen. Dort trifft sie sich mit Gleichgesinnten. Mal am Montag, mal am Freitag. Sie drehen, beschützt von etlichen Polizisten, eine Runde ums Rathaus und plauschen danach noch bei einem Eis vor der "Börse". Die unangemeldeten Demos sind ihre Art, gegen die Corona-Maßnahmen aufzubegehren. Mal sind es 30, mal 150 Leute.

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Ingrid Grosse gehört dabei zu den Ältesten und somit zu jenem Bevölkerungsteil, der in der Corona-Pandemie von Virologen und Politikern als Risikogruppe und als besonders schutzbedürftig eingestuft wurde. "Ich habe keine Angst vor dem Tod", sagt die resolute Rentnerin. Sie ist für ihr Alter kerngesund, fährt Fahrrad, ist mit dem eigenen Auto unterwegs und leitet Besucher bei Führungen durch die Stadt. Sie lebt selbstbestimmt und das will sich jetzt und auch in Zukunft nicht nehmen lassen - nicht mal vom Corona-Virus.

"Die Deutschen hatten Glück"

"Warum wir Deutschen im Vergleich zu Italien, Brasilien oder den USA so gut weggekommen sind, weiß ich nicht", sagt sie. Es sei wohl Glückssache gewesen. Mit den restriktiven staatlichen Maßnahmen will sie das aber keinesfalls begründet wissen. Dann führt sie - wie viele andere, die gegen die Maßnahmen protestieren - eine falsche Zahl der Grippe-Toten von 2018 in Deutschland in die Diskussion ein. Da seien hunderttausend Menschen oder mehr an Grippe gestorben. Sie mutmaßt, dass wegen dieser Durchseuchung damals die deutsche Bevölkerung möglicherweise so widerstandsfähig gegen das Corona-Virus ist. Allerdings wird die Zahl der Grippe-Toten in der Saison 2017/18 immer wieder falsch interpretiert - ein Vergleich mit der Corona-Statistik ist nicht möglich.  Als sie darauf hingewiesen wird,  zieht sie die Stirn kraus und akzeptiert die Zahlen der Wissenschaftler. Für neue Erkenntnisse bleibt sie empfänglich.

Information wichtiger als Schlager

"Aber dass jetzt so viel Angst geschürt wird, ist nicht in Ordnung", schimpft Grosse. Sie habe Freundinnen, die sich kaum noch auf die Straße trauen. In Pflegeheimen würden jetzt mehr Menschen an Einsamkeit sterben als an Corona, ist sie überzeugt. Dafür fehlen zwar noch wissenschaftliche Analysen. Aber ein absolut glaubhafter Bekannter habe ihr das von einem Heim im Brandenburgischen berichtet.

Wo aber ist die Grenze zwischen "Angst schüren" und "über eine Pandemie informieren"? Soll denn nicht mehr über alles berichtet werden dürfen? "Doch, unbedingt", erwidert die rüstige Rentnerin. Für sie kommen die tatsächlichen Streitgespräche zwischen Wissenschaftlern und Politikern aber viel zu kurz. Sie wünscht sich, dass auch öfter der Mikrobiologe Professor Sucharit Bhakdi oder Arzt Dr. Wolfgang Wodarg zitiert oder in Talkshows eingeladen würden, auch wenn beide schon lange im Ruhestand sind, wie Dr. Ingrid Grosse selbst. Die beiden genannten Akademiker werden für ihre Videos auf Youtube von Menschen gefeiert, die die Corona-Maßnahmen als völlig übertrieben ansehen.

Im Alter noch mal richtig rebellisch

Angefangen mit dem Corona-Protest habe für sie alles mit den unangemeldeten Kundgebungen, von den Teilnehmern als "Spaziergang" genannt, in Pirna Ende April. Grosse gaben diese Menschen das Gefühl, ihr wieder die gewohnte Freiheit zurückgeben zu wollen. Dass die Regierungen später die Lockerungen nach Rücksprache mit Fachleuten veranlasst haben, kommt ihr nicht über die Lippen. Stattdessen ist sie von der Wirksamkeit des Protests überzeugt. Fakt sei aus ihrer Sicht, dass es nicht schnell genug ging. "Am Anfang waren die Maßnahmen ja richtig", sagt sie. Seit die Infektionszahlen in Sachsen so gering sind, ist ihr der Mundschutz nur noch lästig. 

Noch mal so richtig rebellisch sein, damit kokettiert sie sogar. "Es ist für mich keine Beleidigung, als Corona-Rebellin bezeichnet zu werden." Die meisten Demo-Teilnehmer in Neustadt kennt sie gut. Über Mundpropaganda kam man zusammen. Für eine offizielle Anmeldung einer Demonstration wollte aber keiner die Verantwortung übernehmen - genauso wenig wie in Pirna. Immer wieder löste die Polizei solche Veranstaltungen auf. 

Unheimlich sei es ihr nur einmal gewesen, als eine Gruppe von Männern in Neustadt mitgelaufen war, die eindeutige Kleidung trugen, unter anderem die Marke Thor Steinar, die bei Rechtsextremen beliebt ist. Das könne sie schon einordnen. Wenn sie jemand bei den Spaziergängen instrumentalisieren wollen würde, dann würde sie sich auch "lauthals distanzieren", wie sie sagt. Kein leichtes Unterfangen: Bei den Hygiene-Demos laufen regelmäßig neben bürgerlichem Publikum auch Rechtsextremisten, Verschwörungstheoretiker und andere mit, die staatliche Regeln ablehnen. 

Ein Leben lang Querdenkerin

Die 80-Jährige muss weit zurückdenken, wann sie mal schwer erkrankt war. "In der Nachkriegszeit wäre ich fast an Scharlach gestorben", sagt sie dann. Heute ist die Behandlung dieser bakteriellen Krankheit mit Antibiotika kein Problem. 1949 sah das ganz anders aus. Das bringt sie gleich auf die nächste Palme. Dieser Einordnung von Bundeskanzlerin Angela Merkel und anderen Politikern als schwerste wirtschaftliche Krise seit dem 2. Weltkrieg. "Damals in der Nachkriegszeit hatten wir es wirklich schwer. Das kann man doch nicht ernsthaft mit heute vergleichen", sagt sie.

Sich mit der Staatsmacht anzulegen, hat ihr noch nie was ausgemacht. "Wider den Stachel lecken" nennt sie das in Anspielung auf das berühmte Zitat von Reformator Martin Luther. "Ich war mein ganzes Leben lang ein Querdenker."  In einer Partei war sie nie. In der Gewerkschaft hatte sie sich für Kolleginnen und Kollegen eingesetzt. Bis 2002 arbeitete sie am Institut für Polymer-Forschung in Dresden. 

Würdevolles Sterben ist wichtig

Ingrid Grosse ist vielseitig interessiert. Im Landtagswahlkampf hat sie zahlreiche Veranstaltungen besucht und sich beim Wahl-Forum von Sächsische.de und der Landeszentrale für Politische Bildung in der Stadtkirche zu Wort gemeldet. Auch an die Bundeskanzlerin hat sie schon mal einen Brief geschrieben und sogar eine Antwort erhalten. So "Blabla" eben, wie sie meint.

Autoritäten flößen ihr keine Angst ein. Dann wird ihre Stimme etwas leiser. "Wovor ich wirklich Bange habe, ist ein würdeloses Sterben." Auch deshalb setze sie sich jetzt für ein Ende der Kontaktbeschränkungen ein. In Krankenhäusern und Pflegeheimen seien viel zu wenige soziale Kontakte möglich gewesen. Auch wenn die Menschen alt sind, sollten sie doch selbst bestimmen können, ob sie abgeschirmt werden oder nicht. Sie wolle das jedenfalls nicht. Freilich wirft das für all jene Fragen auf, die durch ungeschützten Kontakt in Gefahr geraten könnten. Haben sie kein Recht auf Selbstbestimmung?

Am meisten fehlte Ingrid Grosse in den vergangenen Wochen die Kultur. "Jetzt freue ich mich auf das nächste Sinfonie-Konzert", sagt sie. Die Tickets hat sie schon. Am 18. Juni geht es in den Kulturpalast in Dresden. Sie will lieber etwas erleben als nur zu Hause zu sitzen.

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