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Ich habe meine Töchter nie gesehen

Ramona Dewitz hat 1985 Zwillinge geboren. Wenige Tage nach der Geburt sterben beide. Jahrzehnte später gibt es einen schrecklichen Verdacht.

Ramona Dewitz (60) bezweifelt den Tod ihrer Mädchen, die am 8. März 1985 auf die Welt kamen. Noch hat sie keine Gewissheit, was damals geschehen ist. Ihre Spurensuche geht weiter.
Ramona Dewitz (60) bezweifelt den Tod ihrer Mädchen, die am 8. März 1985 auf die Welt kamen. Noch hat sie keine Gewissheit, was damals geschehen ist. Ihre Spurensuche geht weiter. © privat

Von Dagmar Doms-Berger

Ramona Dewitz ist 60 Jahre alt. Mit ihrem Mann Thilo, 57, sitzt sie in ihrem gemütlichen Wohnzimmer in einer Döbelner Eigenheimsiedlung. Eigentlich sollten sie am Mittelmeer sein, ausspannen vom Alltag und auf andere Gedanken kommen und endlich mal wieder gut schlafen. Seit ein paar Jahren kreiseln ihre Gedanken um ihre toten Mädchen. 

Seit Anfang des vergangenen Jahres, als sie anfing, über den Tod ihrer Zwillinge und die Begleitumstände zu recherchieren, hat sie einen Verdacht: Ihre Töchter, oder zumindest eine von ihnen, sind gar nicht tot. Vieles deute darauf hin, sagt sie. Worte des damaligen Kinderarztes, die nur einfache Ausfertigung des Totenscheines und der fehlende Autopsie-Bericht. „Was ist wirklich mit meinen Mädchen passiert“, ist die Frage, die sie quält. 

Klinik Bavaria Kreischa
PERSPEKTIVEN SCHAFFEN – TEAMGEIST (ER-)LEBEN
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Ramona Dewitz, damals noch Reichel, ist 24 Jahre alt, als sie schwanger wird. Sie lebte in geordneten Verhältnissen, wie sie sagt, war berufstätig, arbeitete als Buchhalterin, wohnte in einer Zwei-Raum-Wohnung in Döbeln. Am 8. Mai 1985 war der voraussichtliche Geburtstermin. Doch ihre Zwillinge haben es eilig, auf die Welt zu kommen. Ende der 31. Schwangerschaftswoche muss Ramona Dewitz in die Klinik nach Leisnig.

Es ist der 8. März 1985. „Um 7 Uhr war ich im Kreißsaal“, erinnert sie sich. Wenige Minuten später, 7.25 Uhr wird ihre erste Tochter geboren, 7.30 Uhr, die zweite. Julia und Claudia, es waren zweieiige Zwillinge. Die erste Tochter kommt sofort nach der Geburt in den Inkubator, im Volksmund Brutkasten. Das habe sie noch beobachten können, dann kamen schon die Presswehen für die zweite. „Ich habe meine Mädchen schreien gehört, gesehen habe ich sie nie“, so Dewitz.

Die beiden Mädchen werden nach Westewitz in die Frühgeborenen-Station der Nervenklinik Westewitz-Hochweitzschen gebracht. Kein Grund zur Besorgnis damals. Schließlich waren die beiden Frühchen mit 1.420 und 1.200 Gramm auf die Welt gekommen und brauchten medizinische Überwachung. Dass sie keine Milch für ihre beiden Mädchen abpumpen, sondern auf Anraten der Ärzte abstillen muss, macht sie nicht stutzig. Nicht einmal als ein Anruf aus der Kinderklinik kommt und jemand nach der Milch fragt. „Damals habe ich das so hingenommen, nichts Schlimmes vermutet.“ 

Heute ist sie skeptisch. Am nächsten Tag erhält die junge Mutter die Nachricht, dass der Zwilling mit dem Geburtsgewicht von 1.200 Gramm verstorben ist. Am übernächsten Tag kommt es noch schlimmer. Man sagt ihr, dass es auch ihr zweites Baby nicht geschafft habe. Die toten Zwillinge zeigt man ihr nicht. Ramona Reichel verlässt mit leeren Händen das Krankenhaus. Noch völlig gefangen von den Ereignissen der vergangenen Tage, in denen Bangen und Vorfreude, Hoffnung und Verzweiflung, Himmel und Hölle aufeinanderstießen, geht die junge Frau in ihren Alltag zurück. Psychologische Betreuung hat sie nicht.

Zum Nachdenken kommt sie auch nicht. Das nächste große Ereignis steht bevor. Noch im März will sie heiraten, ihren Mann Thilo. Der Hochzeitstermin stand schon lange fest. Es gab noch eine Menge vorzubereiten. Die Zwillinge werden in Zschaitz auf dem Friedhof beigesetzt. Das Leben geht weiter. Noch im selben Jahr wird Ramona Dewitz wieder schwanger, eine Fehlgeburt. 1986 wird ihre Tochter geboren. 

Dann kam die Wende. Ereignisse überschlagen sich. 1998 kommt ihr zweites Kind auf die Welt, ein Sohn. „Über unsere Zwillinge haben wir nie gesprochen“, sagt sie heute. Getrauert habe jeder für sich, jeder auf seine Weise. Aufgearbeitet ist ihr Tod nicht. Erst als die Kinder aus dem Haus sind, der Alltag überschaubarer wird, gehen die Gedanken zurück an ihre Zwillinge. Sie liest Berichte über Frauen, deren Kinder ebenfalls gestorben waren und die die Umstände von damals nicht nachvollziehen können. In dieser Zeit reifte ihr Entschluss, dem Tod ihrer Mädchen nachzugehen. Spät, wie sie selbst sagt. Die Zeit spielt gegen sie. Für Patientenakten gilt eine Archivierungsfrist von 30 Jahren.

Im Februar 2019 nahm sie Kontakt zur Interessengemeinschaft gestohlene Kinder der DDR mit Sitz in Naunhof bei Leipzig auf. Der Verein ist ein Zusammenschluss von Betroffenen von Zwangsadoption oder vorgetäuschtem Säuglings- bzw. Kindestod in der ehemaligen DDR sowie deren Angehörigen und Unterstützern. „Wir beraten und können hilfreich zur Seite stehen. Wir behaupten nicht, dass die Kinder noch leben, aber die Mütter haben ein Recht darauf, zu wissen, was mit ihren Kindern wirklich passiert ist“, sagt Vereinsvorsitzender Andreas Laake. In der DDR sei es üblich gewesen, alle Dokumente akribisch aufzubewahren. Wenn sich Lücken in der Dokumentation auftun, sei es ein Grund, nachzuforschen, so Laake weiter.

Nach und nach füllte sich die Dokumentenmappe und häuften sich die Ungereimtheiten. Ihren Ordner hat sie bis heute mit keinem Namen versehen, nur mit einem großen Fragezeichen. Auf der Suche nach Unterlagen über ihre Kinder kontaktierte Ramona Dewitz Krankenhäuser, Archive, Ämter, sie sprach mit Betroffenen und damaligen Ärzten. Ihre erste Recherche betraf die Totenscheine ihrer Kinder. Totenscheine wurden zu DDR-Zeiten nicht an Privatpersonen ausgehändigt. Auf Anfrage an das Sächsische Staatsarchiv Leipzig erhielt Ramona Dewitz die Kopien beider Totenscheine. Dabei stellte sie fest, dass auf der Rückseite der Totenscheine die Eintragungen fehlten. „Hier stehen normalerweise persönliche Angaben“, so Laake. Eine nochmalige Anfrage von Ramona Dewitz an das Sächsische Staatsarchiv bestätigte, dass es kein zweites Blatt zu den beiden Totenscheinen gibt und auch kein weiteres Formular angeheftet ist.

Weitere Nachforschungen ergaben, dass in keiner weiteren Behörde ein Totenschein ihrer Kinder vorliegt. Normalerweise müsse es diesen in vierfacher Ausführung geben, erläutert Laake. Der I. ist das Original (Staatsarchiv), II. ist die 1. Durchschrift, dieser liegt in der Patientenakte und III und IV gehen mit dem Leichnam ins Bestattungsunternehmen, wobei Teil III nach der Bestattung zum Gesundheitsamt geht und Teil IV entweder beim Bestattungsunternehmen bleibt oder von dort in das örtliche oder kreismäßig zuständige Archiv übergeht. 

Doch weder im Gesundheitsamt Mittelsachsen und im Kreisarchiv noch im Krematorium Döbeln waren die Totenscheine ihrer Kinder auffindbar. Vom Gesundheitsamt wurde ihr schriftlich bestätigt, dass zu ihren Kindern keine Unterlagen vorliegen und mit der Vernichtung der Akten erst 2021 begonnen wird. Auch im Döbelner Stadtarchiv und Standesamt findet sich nichts.

Fest steht, ihre Kinder wurden in Leisnig geboren und danach nach Westewitz verlegt. Dort aber verliert sich ihre Spur. Die Patientenakte von damals ist verschollen. In Westewitz sagte man ihr, dass die Unterlagen der Kinderklinik komplett nach Leisnig gegangen seien. Von der Helios Klinik Leisnig erhielt sie die Auskunft, dass Patientenakten an das DMI ausgelagert und nach 30 Jahren vernichtet worden sind.

Mysteriös ist für Ramona Dewitz, dass die Sterbetage ihrer Kinder in den Dokumenten nicht übereinstimmen. Im Geburtenjournal der Klinik Leisnig ist die Verlegung der Kinder nach Westewitz, als auch das Datum der Sterbetage vermerkt. Angegeben wurden hier der 9. und 10. März, laut Totenschein sind sie aber am 10. und 12. März 1985 gestorben. „Das ist eigenartig“, kommentiert Thilo Dewitz. 

So sah Ramona Dewitz damals aus.
So sah Ramona Dewitz damals aus. © privat

Rätselhaft bleiben den Eltern auch die Umstände um die Autopsie. Aus den Totenscheinen gehe hervor, dass die Autopsie der Kinder im Krematorium Döbeln durchgeführt wurde. Im Krematorium gibt es laut Ramona Dewitz jedoch keinerlei Dokumentation darüber. Eine Spur findet sich lediglich im sogenannten Brennbuch des Krematoriums, ein Eintrag über die Verbrennung. 

Vom damaligen Amtsarzt erfuhr Ramona Dewitz, dass die Autopsie ihrer Kinder durch Ärzte des Uniklinikums Leipzig erfolgte. „Ein Autopsie-Bericht ist nicht auffindbar“, so Dewitz. Die Uniklinik teilte auf wiederholte Nachfrage von Ramona Dewitz mit, dass die Recherche in den Pathologiebüchern keinerlei Vermerke oder Akten über die beiden Mädchen ergeben habe. Es könne „heute auch nicht mehr recherchiert werden, welcher Arzt die Autopsie vorgenommen habe“. Im Verlauf ihrer Recherchen hatte sich Ramona Dewitz dazu durchgerungen, auch den Kinderarzt zu kontaktieren, der damals die Totenscheine ausgestellt hatte. Von ihm erhielt sie die Antwort: „Lassen Sie die Vergangenheit ruhen. Machen Sie ihren Seelenfrieden.“ Diese Antwort machte das Ehepaar Dewitz stutzig und bestärkte sie einmal mehr, weiter nachzuforschen.

Bereits 1997, als sie mit ihrem Sohn schwanger und zu einem Infotag im Krankenhaus Leisnig war, nutzte sie die Chance, und fragte den Leiter der Kinderstation nach ihren Zwillingen. „Wir haben ihn darauf angesprochen und er konnte sich genau an sie erinnern“, sagt Ramona Dewitz. „Aber leider haben wir damals nichts hinterfragt. Zu dem Zeitpunkt haben wir die Fakten so genommen, wie man sie uns mitgeteilt hatte.“ Als sie den betreffenden Arzt 2019 während ihrer Nachforschungen erneut konsultierte, „wollte er uns nichts mehr dazu sagen“, so Dewitz. Im Rückblick wird Ramona und Thilo Dewitz klar, dass die Beisetzung ihrer Mädchen ohne jegliche Vorbereitung ihrerseits verlief. „Wir mussten nichts unterschreiben, nichts vorbereiten, gar nichts“, so Thilo Dewitz. „Ich sehe uns noch am Grab stehen mit den beiden Urnen.“

Die Recherchen gehen währenddessen weiter. Eine Bekannte hat eine Kinderkrankenschwester, die damals auf der Station gearbeitet hat, ausfindig gemacht. Sie bestätigte, dass die beiden Mädchen tot seien. Auf Nachfrage von Ramona Dewitz, ob sie die beiden Kinder gesehen habe, verneinte sie. Gesehen habe sie die Leichen nicht. Wieder bleibt alles offen. Nach den Recherchen stellt sie sich die Frage, ob sich wirklich die Asche ihrer beiden Kinder in den Urnen befindet. Sie überlegt, ob sie eine Aufhebung der Urnen beantragt und die Asche untersuchen lässt. Vereinsvorsitzender Andreas Laake sieht diesen Weg als eine weitere mögliche Option, um Gewissheit zu bekommen.

Der 8. März, der Geburtstag ihrer Zwillinge, hat sich bei Ramona Dewitz ins Gedächtnis eingebrannt. Der Tag ist ein Gedenktag für sie. In diesem Jahr hat sie am 8. März auf ihrer Facebook-Seite einen Post abgesendet, in dem sie um Mithilfe bittet. „Ich möchte so gern wissen, was wirklich geschehen ist. Vielleicht lebt ihr, habt eine neue Identität, andere Namen“, schreibt sie. „Wenn ihr Zweifel an euren Wurzeln habt, ihr wisst, dass ihr adoptiert seid, ihr Ähnlichkeiten auf den Fotos erkennt, dann meldet euch bei mir oder bei der Interessengemeinschaft gestohlener Kinder der DDR. …Alles Liebe zum Geburtstag. Eure Mama, die euch sehr liebt und nie vergessen wird.“ 

Sie ergänzt Bilder von sich, wie sie damals ausgesehen hat. Konkrete Hinweise erhielt Ramona Dewitz bis heute nicht, aber eine Bestätigung, dass viele den Beitrag gelesen und geteilt haben. Vielleicht meldet sich noch jemand, der etwas über die damaligen Umstände erzählen kann. Das ist eine Hoffnung, die sie auch mit diesem Beitrag verbindet. „Egal, wie die Informationen ausfallen“, sagt sie. Denn ihre Möglichkeiten, Informationen von offiziellen Stellen zu bekommen, seien erst einmal ausgeschöpft. Nach derzeitigem Recht haben leibliche Eltern kein Recht darauf, Einsicht in Adoptionsunterlagen zu nehmen.

Ramona Dewitz geht es nicht um Schuldzuweisung. Sie will nicht Anklage erheben und verurteilen. „Ich will die Wahrheit und vor allem Gewissheit, was mit meinen Kindern wirklich passiert ist“, sagt sie. „So könnte ich abschließen und endlich wieder durchschlafen.“ Falls sich herausstellt, dass noch mindestens eines ihrer Kinder lebt, wäre es das größte Glück für sie. Ob sie ein Treffen arrangieren würde, könne sie nicht sagen. Nach 35 Jahren stünde zwar ihr Kind, aber ein fremder Mensch vor ihr.

Etwas ganz Ähnliches wie der Döbelnerin ist Romy Bleuel passiert. Die damals in Polkenberg lebende junge Frau war ebenso mit Zwilligen schwanger. Doch angeblich ist 1985 im Leisniger Krankenhaus nur Tochter Julia lebend zur Welt gekommen. Die inzwischen ebenfalls junge Frau hat jahrelang das Gefühl, dass etwas von ihr fehlt, der Zwilling eben. Mutter und Tochter beginnen mit einer langen, nervenaufreibenden Suche, über die Sächsische.de berichtet hat.

Sohn nach 29 Jahren Recherche wiedergefunden

Der Verein „Interessengemeinschaft gestohlene Kinder der DDR“ überreichte im April 2018 dem Bundestag eine Petition. Kernforderungen sind unter anderem die Sicherung und Digitalisierung noch verbliebener Akten aus den Kliniken der DDR und ein Rechtsanspruch auf staatliche Ermittlungen für Betroffene. „Die Erstellung einer DNA-Datenbank und die Einrichtung einer zentralen Clearing-Stelle in Berlin, an die sich leibliche Eltern wie auch möglicherweise zwangsadoptierte Kinder wenden können, haben wir erreicht“, so Laake. Ein guter Anfang sei getan, aber alle Ziele sind noch nicht erreicht.

Weitere Forderungen, etwa die Verlängerung der Aufbewahrungsfristen für relevante Dokumente, stünden noch aus. Künftig soll der Verein in Naunhof als unabhängige Clearing-Stelle fungieren, sagt Laake. Der Verein erwarte noch die Bewilligung des Freistaates. Andreas Laake hatte 2013 nach 29 Jahren Recherche seinen Sohn, der in den 80er-Jahren zwangsadoptiert worden war, wiedergefunden. Ein Jahr später wurde die Interessengemeinschaft gegründet.

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