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Schon vormittags ist Feierabend

Dietmar Wendler aus Kirschau versorgt Läden mit frischem Obst und Gemüse. Dass er immer extrem zeitig aufstehen muss, sieht er positiv.

© Steffen Unger

Von Katja Schäfer

Kirschau. Wenn Dietmar Wendler zu arbeiten anfängt, ist es stockdunkel. Immer. Obwohl er nicht in einer Backstube steht. Mit den Frauen und Männern, die mit Mehl hantieren, hat der Kirschauer dennoch etwas gemein. Auch er sorgt dafür, dass die Leute was zu essen haben. Jede Nacht verteilt er frisches Obst und Gemüse an Händler; vor allem an privat geführte Geschäfte im Oberland. Wendler steuert nachts den sonnengelben Laster, der tagsüber an der Straße zwischen Kirschau und Schirgiswalde auf dem Parkplatz gegenüber der Firma Meiko steht. Das auffällige Fahrzeug zieht viele Blicke an. Vor allem wegen des Bildes, das darauf prangt. Es zeigt eine attraktive leicht bekleidete Frau, die in der rechten Hand eine üppige Weintraube hält, in der linken ein saftiges Stück Melone. Um sie herum liegen Paprika, Salat, Bananen, Blumenkohl, Ananas … Dieses und noch viel mehr Obst und Gemüse fährt Dietmar Wendler durch die Gegend. Er ist beim Großhandel Macoo beschäftigt. „Seit 22 Jahren schon“, sagt er.

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Seine Schicht beginnt entweder 0.30 oder 3 Uhr. Zuerst stapft der 62-Jährige die wenigen Meter von seinem Haus hoch zum Parkplatz, wo der gelbe Laster steht. Er schließt die Fahrertür auf, wirft seinen Rucksack auf den Beifahrersitz, startet den Motor und schaltet das Licht an. Denn wenn er losfährt, ist es immer dunkel. Dietmar Wendler stört das nicht. Im Gegenteil. „Um die Zeit hat man wenigstens seine Ruhe auf der Straße. Da sind nur wenige andere unterwegs“, sagt er schmunzelnd.

Gurken und Tomaten derzeit besonders gefragt

In den Wochen mit dem Schichtbeginn kurz nach Mitternacht fährt er von Kirschau aus über die Autobahn nach Dresden. In einem Obst- und Gemüse-Großmarkt in Kaditz packt er den Lkw voll. So schnell wie möglich geht’s dann zurück in die Oberlausitz, in die Macoo-Filiale nach Görlitz. Dort kommt alles runter von der Ladefläche. Anschließend werden Paletten zusammengestellt, so wie die Einzelhändler ihre Vitaminlieferungen geordert haben. Einen Teil davon fährt Dietmar Wendler auf dem Heimweg nach Kirschau breit, lädt zum Beispiel in Ebersbach oder Sohland Ware ab. „Zurzeit gehen vor allem Gurken und Tomaten gut. Bei Bananen nimmt die Nachfrage langsam ab. Wenn es warm wird, essen die Leute weniger davon“, berichtet der 62-Jährige. Er selbst mag von dem, was er durch die Gegend fährt, am liebsten Tomaten und Salat.

In Wochen mit Schichtbeginn um 3 Uhr steuert er gleich Görlitz an, hat dort mit dem Zusammenstellen der Lieferungen zu tun und verteilt das Obst und Gemüse dann in der Umgebung. „Wir schaffen unseren Kunden die Waren bis in den Laden rein“, betont er. Von einer rein sitzenden Tätigkeit kann bei Dietmar Wendler also keine Rede sein. Immer nachts zu arbeiten, macht ihm nichts aus. „Das bringt doch einige Vorteile. Ich habe schon vormittags Feierabend und kann tagsüber was machen“, sagt der Kirschauer und erwähnt als Gegensatz Bekannte, die bei Baufirmen arbeiten und von früh um sieben bis abends um sieben unterwegs sind.

Die Fahrerei macht Spaß

Um trotz des extrem zeitigen Aufstehens genügend Schlaf zu bekommen, legt sich Dietmar Wendler nach dem Mittagessen zwei Stunden hin und geht abends beizeiten ins Bett. Seine Frau hat für den ungewöhnlichen Rhythmus vollstes Verständnis, ist sie doch selbst im Zwei-Schicht-System in einem plastikverarbeitenden Betrieb tätig. Die Kinder sind längst aus dem Haus. Als Kraftfahrer ist der Mann, der seit jeher in Kirschau wohnt, sogar dort geboren wurde, ein Quereinsteiger. Gelernt hat er Straßenbauer und eine ganze Weile auch in diesem Beruf gearbeitet. Später wechselte er in die Forstwirtschaft.

Seit er diesen Job eine Weile nach der Wende verlor, transportiert er Obst und Gemüse. Diese Arbeit gefällt ihm so gut, dass er trotz seines Alters noch nicht im Entferntesten daran denkt, in Rente zu gehen. „Die Fahrerei macht mir Spaß“, sagt Dietmar Wendler und man sieht ihm an, dass das stimmt. Wie viele Kilometer er als Vitamin-Lieferant schon zurückgelegt hat, hat er nicht gezählt. Von Unfällen blieb er bisher verschont. „Nur einmal bin ich im Winter einem anderen Fahrzeug hinten drauf gerutscht. Das ging zum Glück mit Blechschaden ab“, erzählt Wendler. Eine Schaufel und etwas Streusplitt hat er nicht erst seit diesem Tag im Fahrerhaus. Schließlich ist zu der Zeit, wenn er morgens startet, noch kein Winterdienst unterwegs.

Obwohl der Kirschauer wegen des frühen Arbeitsbeginns selten lange aufbleiben kann und so manche Feier früher verlässt, fühlt er sich nicht sozial isoliert. Dafür sorgt auch sein Hobby. Mit Bekannten geht er Kegeln. „Zum Spaß, nicht wettkampfmäßig“, betont Dietmar Wendler.