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„Ich hätte früher die Reißleine ziehen müssen“

Finanzbürgermeister Hartmut Vorjohann will den entlassenen Rathaus-Planer um keinen Preis zurück.

© André Wirsig

Der entlassene Chef-Planer für die Rathaus-Sanierung wirft der Stadt Täuschung, Einmischung und Falschdarstellung vor. Für Finanzbürgermeister Hartmut Vorjohann (CDU) ist der Rauswurf längst überfällig gewesen, sagt er im Gespräch mit der Sächsischen Zeitung.

Herr Vorjohann, der Planer will
Ihnen wieder seine Arbeit anbieten. Nehmen Sie das Angebot an?

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Um Gottes Willen, natürlich nicht.

... weil sie die Kosten nach oben
getrieben haben sollen?

Ich behaupte gar nicht, dass der Planer daran schuld ist, dass das Bauvorhaben teurer geworden ist. Ich habe immer gesagt, dass diese riesige Kostensteigerung etwas damit zu tun hat, dass das Rathaus so schwierig ist. Wir haben uns sogar vorgeworfen, dass wir das Rathaus vorher nicht intensiver untersucht haben. Das ist natürlich nicht möglich, wenn das Haus belegt ist.

Was werfen Sie dem Planer dann vor?

Er hat sich nicht die Bohne für Steuergeld interessiert und im Zweifelsfalle immer Lösungen vorgelegt, die auch wirtschaftlicher hinzubekommen wären. Ich mache ihm zum Vorwurf, dass das Projekt jetzt 45 Millionen Euro kosten würde, wenn wir ihn alleingelassen hätten.

Der Planer will Sie schon 2010 auf
die tatsächlichen Kosten hingewiesen haben. Stimmt das?

Als wir den Planer ausgesucht haben, sagte er zu uns: Ihr habt ein super Projekt hier, das ist sehr gut vorbereitet, ich garantiere euch, dass 26 Millionen Euro reichen. Als es dann ins Material hineinging, hat er auch erkannt, das wir den Kostenplan nicht halten können. Der Planer führt sich auf wie Jesus, als sei er fehlerfrei. Dafür fehlt mir jedes Verständnis. Normalerweise kommen wir mit Planern gut zurecht, wenn wir Kitas und Schulen bauen. Zwar gibt es auf allen Baustellen Probleme. Was wir hier erleben, geht aber weit darüber hinaus.

Haben Sie dem Planer einseitig
eine Kostenobergrenze diktiert?

Die Obergrenze haben wir gemeinsam verabredet. Der Planer stellt es jetzt so dar, als hätte die Stadt ihn genötigt. Das ist absurd. Das hat es so nicht gegeben.

Sie haben sich also auch in
seine Aufgaben eingemischt?

Wir mussten uns einmischen. Er hat sich gegen unseren Willen engagiert und die Denkmalschützer wild gemacht, damit er die Lampen von der Entstehungszeit des Rathauses einbauen darf. Ich kann keinen Planer gebrauchen, der die Idee entwickelt, die Stadtwerke sollen seine schöne Lampenvorstellung sponsern. Der Planer hat sich daran zu halten, was der Bauherr für Vorgaben macht. Und wenn er davon abweicht, dann muss er sich gefallen lassen, dass der Bauherr einschreitet.

Wann ist Ihnen das erste Mal klar
geworden, dass die Ansichten von Stadt und Planer auseinanderdriften?

Ich glaube, wir hatten im ersten Halbjahr 2012 die ersten Probleme. Da musste ein Schutzanstrich gegen Feuchtigkeit im Kellerbereich aufgetragen werden. Als ich ins Rathaus kam, stank es nach Lösungsmittel, als wenn ein Benzinlastzug seine Ladung verloren hätte. Der Planer sagte, es stehe zwar auf der Verpackung, dass dieses Material nur für Außenanstriche verwendet werden darf. Für Innenanstriche sei es aber auch zulässig. Auf unsere Kosten mussten wir dann einen Gutachter heranholen. Der sagte wiederum, es sei so wie es auf der Packung steht.

Wieso hat die Stadt nicht schon
früher die Kündigung ausgesprochen?

Das ist mein größter Fehler gewesen, das gebe ich zu. Als es zu einer Krisensituation kam, haben wir gefordert, den zentralen Mann auf der Baustelle auszutauschen. Das ist dann auch passiert. Dann ging es besser, da haben wir einen Fortschritt gesehen. Leider ist der eigentliche Projektleiter nicht ausgewechselt worden. Es gibt auf allen Baustellen Probleme. Da geht es auch mal ruppig zu. Wir haben immer gehofft, dass wir uns einig werden.

Warum hat sich die Stadt damals
überhaupt für den jetzt entlassenen Planer entschieden?

Wir haben die Leistung ausgeschrieben. Dieser Planer hatte gute Referenzen und machte einen guten Eindruck.

Und wahrscheinlich haben wir uns ein wenig blenden lassen von seiner Aussage, dass dieses Projekt super vorbereitet sei und dass er es im vorgegebenen Rahmen schaffen würde.

Wie still ist es jetzt auf

der Rathaus-Baustelle?

Die Arbeiten gehen ganz normal voran. In der Planung gibt es nur noch wenige Dinge zu tun. Jetzt geht es um das Bauen und die Bauüberwachung. Und diese Aufgabe übernimmt der bisherige Projektsteuerer.

Auch der will bezahlt werden.
Wird die Sanierung also doch teurer?

Sie wird nicht teurer, das ist eine Fehleinschätzung, die der Anwalt des Planers geäußert hat. Es wird bei den 36,7 Millionen Euro bleiben, und bei der Fertigstellung 2015. Europaweit ausschreiben müssten wir nur, wenn die Planer-Leistungen teurer wären als 207 000 Euro. Wir werden auch auf die städtische Stesad zurückgreifen.

Schulden Sie dem Planer noch Geld?

Die Leistungen, die er noch hätte erbringen müssen, werden wir ihm nicht bezahlen. Daraus wird sich eine rechtliche Auseinandersetzung ergeben und da werden wir uns vor Gericht sehen, vermute ich. Ich bin aber zuversichtlich, dass wir eine Schadenersatzforderung abwehren können. Wir sind gut vorbereitet.

Kommt eine außergerichtliche
Einigung für Sie überhaupt infrage?

Wenn der Preis ist, dass wir den Planer weiterbeschäftigen müssen und wieder diese Schlechtleistung bekommen, dann nicht.

Welche Lehre ziehen Sie aus dem Streit?

So ein Bauvorhaben würden wir nächstes Mal besser vorbereiten. Beim Kulturpalast nehmen wir für uns in Anspruch, dass wir dort deutlich vorbereiteter in das Projekt gestartet sind. Wir haben intensiv die Baumaterialien und Wandstärken untersucht. Das konnten wir auch, weil der Kulturpalast zuletzt leer stand. Die einzige Lehre: Ich müsste früher die Reißleine ziehen.

Und was ist mit Kostensteigerungen

bei Bauprojekten?

Beim Kulturpalast haben wir zum ersten Mal mit einem Risikobudget gearbeitet, denn alle Risiken kann man vorher nicht erkunden. Wir müssen uns haushaltspolitisch fragen, ob wir bei Sanierungen nicht immer so ein Risikopuffer einplanen. Aber auch das muss irgendwie finanziert werden. So viel Grundsteuererhöhung kann ich den Stadträten gar nicht zumuten.

Das Gespräch führte Sandro Rahrisch.