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„Ich hätte gern einen Siebentausender bestiegen“

Lutz Günther entscheidet mit, was aus den Straßen der Region wird. Privat suchte er gern das Abenteuer. Jetzt gibt es Grenzen.

© Thorsten Eckert

Von Constanze Knappe

Der Terminkalender von Lutz Günther ist prall gefüllt. Seit Juli führt der Ingenieur kommissarisch die Geschäfte der Bautzener Niederlassung des Landesamtes für Straßenbau und Verkehr. Als Gutachter bewertet er zudem den Sanierungsbedarf an Brücken. Der Bischofswerdaer hält aber auch Vorlesungen an der Hochschule Zittau/Görlitz. Bei alledem tauscht er gern den Anzug mit einem Sportdress. Als Abenteuersportler lernte er viele Ecken der Erde kennen. Jetzt hat der Weltenbummler die Heimat für sich wieder neu entdeckt. Und der Oberlausitzer kann das sogar genießen. Warum, das erklärt der 51-Jährige im SZ-Gespräch.

Garten
Der Garten ruft
Der Garten ruft

Die Gartenzeit läuft aber nichts geht voran? Tipps, Tricks und Wissenswertes haben wir hier zusammengetragen. Vorbei schauen lohnt sich!

Hallo Herr Günther, wie geht es Ihnen?

Sehr gut. Ich habe akzeptiert, dass ich durch die Folgen eines Kletterabsturzes nicht mehr die ganz großen Touren machen kann und irgendwann ein künstliches Kniegelenk brauche. Seit ich darüber mit mir im Reinen bin, geht es mir wieder gut.

Welche Straße im Landkreis kennen Sie nicht?

Einige. Aber ich bilde mir ein, fast alle Brückenbauwerke an Bundes- und Staatsstraßen im Landkreis zu kennen. Und auch viele kommunale Brücken. Die interessantesten sind die Steindecker-Brücken, eine Besonderheit der Oberlausitz. Leider gibt es davon immer weniger. Wie zum Beispiel eine schön Instandgesetzte in Göda und mehrere in Steinigtwolmsdorf, für die ich kürzlich ein Gutachten erstellen durfte.

Ihre Behörde betreut viele Straßenbauvorhaben im Landkreis. Freuen Sie sich auf den Winter?

Unsere Niederlassung betreut 1 064 Kilometer Staatsstraßen und 408 Kilometer Bundesstraßen. Seit der Funktionalreform 2008 sind die Landkreise für die Unterhaltung zuständig. Deshalb kann ich den Winter gelassener angehen.

Beruflich für Straßenbau verantwortlich, sind Sie vermutlich über viele Straßenbaustellen froh. Nervt Sie das nicht als privater Autofahrer?

Nein. Da bin ich doch ziemlich gelassen. Es ist besser, am bestehenden Netz möglichst zeitig zu bauen, damit nicht der schlimmste Fall eintritt, dass eine Brücke oder Straße für längere Zeit komplett gesperrt werden muss, weil sie nicht mehr verkehrstüchtig ist. Da nehme ich lieber mal eine halbseitige Sperrung in Kauf.

Sie sind in die Fußstapfen des verstorbenen Roland Schultze getreten. Er hatte als langjähriger Chef des Straßenbauamtes Bautzen maßgeblichen Anteil an der Umsetzung vieler Vorhaben. Wie fühlt man sich da?

Der eigentliche Niederlassungsleiter Andreas Biesold ist vorübergehend im Ministerium eingesetzt. Für diese Zeit bin ich mit der Wahrnehmung der Geschäfte betraut. Aber es ist schon so, die Fußstapfen von Roland Schultze sind riesengroß. Man hat Ehrfurcht, sie nach seinem Tod ausfüllen zu können, und hofft, dass man es schafft.

Gibt Sport die Gelassenheit dafür?

So könnte man es nennen. Aber vor allem lade ich meine Batterien durch sportliche Bewegung an der frischen Luft wieder auf.

Lässt Ihnen Ihr Job denn überhaupt noch genug Zeit dazu?

Ich nehme mir die Zeit. Auch wenn es spät ist, ziehe ich noch mal los. Egal, ob es schon dunkel im Wald ist. 184-mal war ich in diesem Jahr auf dem Hochstein und möchte bald die 200er Marke überschreiten.

Die Wanderwege im Landkreis kennen Sie also genauso gut wie die Brücken?

In meiner unmittelbaren Heimat, ja. Wie zum Beispiel am Valtenberg, am Hochstein oder in der Sächsischen Schweiz.

Sie waren auf Abenteuertouren in der ganzen Welt. Welche war die Schönste?

Meine schönste Radtour führte 2007 von der Türkei aus über Syrien und Jordanien nach Jerusalem. Es war eine sportliche Herausforderung in einer wundervollen Landschaft, die extrem geschichtlich und religiös geprägt ist, pünktlich zu Ostern in Jerusalem anzukommen. Meine Freunde und ich haben unterwegs wunderbare Menschen getroffen. Umso mehr ist man fassungslos, wenn man jetzt Berichte über Syrien im Fernsehen sieht, wie sich die Menschen dort gegenseitig töten.

Und die schönste Hochgebirgstour?

Die führte nach Ladakh, in den tibetischen Teil Indiens. Dort ist es mir gelungen, den ersten Sechstausender zu besteigen. Das war eine sehr abenteuerliche Tour. Wir erlebten eine Monsunkatastrophe und konnten nicht mehr zurückfliegen. Zwei Tage fuhren wir über die höchste Passstraße der Welt und durchquerten ein Bürgerkriegsgebiet.

Bei diesen Erfahrungen erübrigt sich die Frage nach der gefährlichsten Tour?

Als solche würde ich die Tour 2008 bezeichnen, als wir im Elburs-Gebirge im Iran beim Abstieg vom 5 610 Meter hohen Damavand direkt in ein Gewitter gerieten, welches förmlich am Berg klebte. Aber Sie haben recht, ein Risiko ist da immer dabei.

Demnach lieben Sie den Nervenkitzel, oder was treibt Sie sonst dazu an?

Die eigenen Grenzen auszutesten, die Suche nach intensiven und komplexen Sinneseindrücken und Erfahrungen. Mit dem Klettern habe ich in der Sächsischen Schweiz angefangen. Wenn Berge immer höher und die Touren risikovoller werden, gibt das den berühmten Adrenalinkick. Aber es geht auch um das Ausleben von Bewegung. Da muss man aufpassen, dass man davon nicht süchtig wird.

Es klingt, als wären Sie das?

Ich wurde auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Ich hätte gern einen Siebentausender bestiegen. Doch nach den Spätfolgen des Kletterunfalls vor vielen Jahren musste ich mich jetzt von solchen Zielen trennen. Die Erkenntnis war nicht leicht zu ertragen.

Trainieren Sie jetzt lieber im Fitnessstudio oder draußen?

Wann immer es geht, bin ich draußen an der frischen Luft. In diesem Sommer habe ich das Fitnessstudio überhaupt nicht von innen gesehen.

Weil Ihnen das Wetter egal ist?

Das kommt auf die Sportart an. Auf dem Hochstein stört schlechtes Wetter nicht. Dagegen ist das Klettern in der Sächsischen Schweiz sogar verboten, wenn es nass ist. Viele schätzen gar nicht, was dieser Nationalpark für eine Perle ist.

Was ist Ihr nächstes sportliches Ziel?

Von den Extremtouren habe ich mich verabschiedet und inzwischen viele schöne Ecken in der näheren und etwas weiteren Umgebung entdeckt, wie die vielen Gebirge Niederschlesiens, die ich alle erwandern möchte.

Was hält Ihre Frau davon?

Meine Frau Ute hat meine sportliche Leidenschaft akzeptiert. In den 1990er Jahren waren wir wenig gemeinsam im Urlaub. Aber sie war damals auch mit auf dem Djebel Toubkal, mit 4 167 Metern der höchste Berg Nordafrikas. Seit der Geburt unseres Sohnes unternahmen wir viele gemeinsame Radreisen in Europa.

Was wünschen Sie sich beruflich?

Innerhalb der Straßenbauverwaltung war ich 2004 und 2010 einige Zeit in Polen tätig und entdeckte für mich ein neues Aufgabenfeld. Die niederschlesisch-sächsische Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Verkehrswesens möchte ich gern intensivieren. An der 116 Kilometer langen deutsch-polnischen Grenze bestanden bis 1945 etwa 60 Brücken über die Neiße. Nicht alle werden wir wieder brauchen. Aber gerade mal 14 Straßen- und Wegebrücken sind wieder in Betrieb, die letzte erst seit diesem Jahr bei Zittau. Da gibt es beiderseits der Grenze noch zu tun. Darauf würde ich mich gern konzentrieren, denn da hängt mein Herzblut dran.