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„Ich halte nicht viel von Bürgerwehren“

Polizeichef Conny Stiehl sagt aber auch: Facebook-Suche oder eigene Recherche sind erwünscht. Eine Gratwanderung.

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© dpa

Von Anja Beutler

Polizeipräsident Conny Stiehl ist mit einer gesunden Portion Mitgefühl gesegnet: Natürlich könne er den 15-jährigen Nick Krause aus Zittau verstehen, sagt er mit Nachdruck. Der Schüler büßte vor Himmelfahrt seine heiß geliebte Simson durch Diebe ein, suchte seine Maschine per Facebook und Handzetteln in Polen. Er sah dann per Zufall sein Moped, verfolgte es gemeinsam mit seiner Mutter – allerdings ohne Erfolg. Später entdeckte er noch das Auto der Simson-Diebe. Das Moped fand man bislang aber allerdings nicht – eine Sache, die Nick nur schwer verwinden kann. Diese Geschichte ist dem Chef der Polizeidirektion Görlitz ebenso vertraut wie viele andere Fälle, in denen sich die Bestohlenen selbst aufmachen, um ihr Hab und Gut jenseits der Grenze zu finden – oder gar eine Art Bürgerwehr gründen, wie in Ostritz. Gemeinsam mit Jiri Taficuk, dem Mann für deutsch-polnisch-tschechische Polizeikooperation, und Pressesprecher Thomas Ziegert erklärt Stiehl nun, warum die Polizei durchaus auf Hilfe von Privatpersonen setzt, aber hier auch klare Grenzen sieht:

Polizeipräsident Conny Stiehl
Polizeipräsident Conny Stiehl © Pawel Sosnowski/80studio.net

Hat die Polizei etwas dagegen, wenn Bestohlene selbst ermitteln?

Nein, im Gegenteil: Generell sei man für Hinweise dankbar, betont Conny Stiehl: „Wir sind in fast allen Dingen auf die Mithilfe angewiesen.“ Er verweist auf die oft sehr mühsame Suche nach Zeugen. Wenn also im Zeitalter der sozialen Netzwerke jemand sein gestohlenes Eigentum per Facebook sucht und um Hinweise bittet, dann sieht Stiehl das als eine Art Zusammenarbeit: „Facebook ist einfach eine neue Art der Zeugensuche, dabei können uns die Bürger gern unterstützen“, betont er. Zumal es eben auch viele Fälle gibt, bei denen die Täter vor Ort kaum Spuren hinterlassen. Gerade dann sei die Polizei froh, wenn man auf diesem Wege einen roten Faden, einen Ansatz für die Ermittlungen erhalte.

Wo sind die Grenzen

bei der eigenen Tätersuche?

Das entscheidet sich bei der Frage, was mit den privat gesammelten Hinweisen geschieht: „Die Informationen sollten grundsätzlich zuerst an die Polizei weitergegeben werden, damit die zuständigen Kollegen im Bild sind und reagieren können“, betont Polizeisprecher Thomas Ziegert. Fatal werde es oftmals dann, wenn die Betroffenen selbst handeln. Jiri Taficuk erklärt das am Fall des Autos der Mopeddiebe, das der junge Zittauer durch Hinweise gefunden hatte: „Der Hinweis, wo das Auto steht, sollte an die deutsche Polizei weitergegeben werden, damit die wiederum polnische Kollegen alarmieren kann.“ Wenn stattdessen die Bestohlenen selbst vor Ort nachschauen, scheuchen sie die Diebe nur auf. Die flüchten dann nicht nur, sondern bringen auch das Diebesgut in Sicherheit. Polizeichef Stiehl ergänzt: „Natürlich wollen auch wir die Sachen sicherstellen, aber genauso wichtig ist es, dass wir die Täter fassen“, erklärt er. Deshalb sei die Herangehensweise taktisch etwas anders und mag den Bestohlenen langsamer erscheinen.

Reagieren polnische und tschechische Kollegen sofort auf solche Hinweise?

„Da gibt es keine Abstriche“, sagt Stiehl. Jeder Fall sei auf allen Seiten gleich wichtig – egal, wie groß der Schaden sei. Deshalb werde schnellstmöglich reagiert – beispielsweise mit einer gemeinsamen Streife. „Beim Ermitteln gibt es keine Grenzen“, fügt Stiehl hinzu. Jedoch sei sehr wichtig, dass die Infos am richtigen Ort landen. Um beim Mopedklau in Zittau zu bleiben: Auch wenn eine Entdeckung zu dem Mopeddiebstahl in Polen gemacht worden ist, müssen die zuständigen deutschen Polizisten die neuen Informationen kennen. „Es gilt hier das Tatortprinzip, und gestohlen wurde die Simson hier“, erklärt Ziegert. In so einem Fall in Polen zur Polizei zu gehen, sei ein Umweg. Den deutschen Ermittlern ist es jedoch möglich, über die polnischen Kollegen bei deren Staatsanwaltschaft die Erlaubnis für eine Durchsuchung des Hauses zu erhalten, in dem sich das Diebesgut oder die Täter befinden könnten. Einfach losstürmen dürfe ohnehin niemand.

Dürfen Einbruchsopfer Täter auch als Bürgerwehr verfolgen und fassen?

Zu diesem Thema hat der Polizeipräsident eine klare Meinung: „Ich halte nicht viel von Bürgerwehren, aber viel von Informationen“, sagt Stiehl. Wenn also jemand einen Einbrecher auf frischer Tat ertappt und dann in sicherem Abstand verfolgen will, kann er das durchaus tun. „Aber dann bitte vor der Verfolgung die 110 wählen und uns alarmieren.“ Möglich sei auch, per Handy während der Verfolgung eine Live-Schalte zur Polizei aufrechtzuerhalten. So erfahre man im Lagezentrum schnell, um wie viele Täter es sich handelt, wohin sich Diebe bewegen, ob sie bewaffnet sind und könne handeln. Zwar sei es rechtlich auch Zivilpersonen möglich, jemanden kurzzeitig festzuhalten. Aber das Risiko, selbst verletzt zu werden oder etwas Gesetzeswidriges zu tun, sei sehr hoch.

Kann man bei einem Einbruch nicht auch die Bundespolizei holen?

Die Bundespolizei zu alarmieren, sollte auf keinen Fall die Regel sein, auch wenn vor allem Ostritzer offenbar gern hier Hilfe suchen. Zwar kooperieren Bundes- und Landespolizei bei Einsätzen durchaus. Aber: „Bei Einbrüchen sollten Betroffene immer die 110 anrufen“, betont Stiehl. Nur dann lasse sich schnell Unterstützung im Nachbarland organisieren: „Das geht auf dem kurzen Dienstweg“, sagt er. Wenn die Bundespolizei alarmiert werde, greife sie ebenfalls auf Partner im Nachbarland zurück – das seien dort aber Sicherheitskräfte, die ganz andere Aufgaben haben, sagt auch Kooperationsexperte Taficuk.

Ostritzer beklagen, dass die Polizei zu langsam ist, nichts tut. Stimmt das?

Dass es manchem in Ostritz und Leuba so vorkommt, weiß Conny Stiehl: „Für den kleinen Ort ist die Kriminalitätsbelastung höher als normal, da gibt es nichts zu beschönigen“, sagt er. Dennoch gebe es Erfolge. Und was die Geschwindigkeit der Polizei betrifft: „Wenn ein Dieb auf frischer Tat ertappt wird, versuchen wir natürlich zuerst, ihm den Fluchtweg abzuschneiden und fahren erst dann zum Tatort.“

Behandeln polnische oder tschechische Polizisten Diebe anders, gar lascher?

Nein, sagt Jiri Taficuk. Zwar gebe es in den drei Ländern geringe Unterschiede – zum Beispiel, ab wann ein Tatverdächtiger als Beschuldigter gelte. Aber das habe vor allem für die Juristen Bedeutung. Ob ein mutmaßlicher Dieb in Haft kommt, dafür gelten in Polen und Tschechien gleiche Kriterien: Wiederholungs- und Verdunklungsgefahr, Vorstrafen und Fluchtgefahr spielen eine wesentliche Rolle. Je besser die Polizei im Dreiländereck zusammenarbeitet, desto besser kann die Justiz reagieren, sagt Taficuk. Er denkt dabei an den Fall eines Intensivtäters. Der Mann hatte in Deutschland über 70 Straftaten im Register, in Polen 15, in Tschechien fünf. Kurz nach Ende einer dreimonatigen Haftstrafe war er in Tschechien wieder aufgefallen. Dass er gleich in Gewahrsam kam, habe nur daran gelegen, dass die Polizei der tschechischen Staatsanwaltschaft die Taten in den Nachbarländern mit vorlegte. Die Juristen hätten die Infos anders nicht erhalten. Auch hier hilft die Zusammenarbeit.