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Ich hatte Corona - eine Unternehmerin erzählt

Katja von der Burg wurde positiv auf Corona getestet. Die Leipzigerin spricht über ihren Krankheitsverlauf und mahnt, Covid-19 ernst zu nehmen.

Katja von der Burg ist Chefin der Leipziger Online-Marketing-Agentur Projecter. Die sportliche Frau traf das Coronavirus hart.
Katja von der Burg ist Chefin der Leipziger Online-Marketing-Agentur Projecter. Die sportliche Frau traf das Coronavirus hart. © PR/Die Bildermanufaktur

Die Laufschuhe stehen in der Ecke, seit Tagen schon. Katja von der Burg sitzt in ihrem kleinen Homeoffice, das iPad vor sich, die braune Mähne mit einem Zopfgummi gebändigt und arbeitet. Sie bereitet ein virtuelles Mitarbeiter-Meeting vor. Die 70 Beschäftigten ihrer Leipziger Online-Marketing-Agentur Projecter sollen sich, nach fast zwei Wochen im Homeoffice, alle mal wiedersehen und sie, die Chefin, will die Zahlen für 2019 verkünden.

Das Haus in Garmisch-Patenkirchen, in dem die Vierzigjährige mit ihren beiden Söhnen und ihrem Lebenspartner wohnt und von dem aus sie regelmäßig nach Leipzig pendelt, ist seit fast zwei Wochen ihre familiäre Isolierstation. Katja von der Burg hat es erwischt. Vermutlich auf der letzten Skitour des Jahres Mitte März hat sie sich mit ​dem Coronavirus infiziert. 

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Sie erzählt ihre Geschichte, vor allem um die Ungeduldigen zu warnen. „Das Virus interessiert eure Fitness nicht“, sagt die passionierte Läuferin, die für einen Marathon kaum mehr als dreieinhalb Stunden braucht und regelmäßig auch über die ultralangen Distanzen läuft. Sie ist fit, sie macht jede Woche bis zu 15 Stunden Sport und ist am 20. März noch problemlos den Hausberg hochgerannt. Doch schon einen Tag später schienen die Treppen im eigenen Haus schwerer zu überwinden, als der Mount Blanc zu besteigen.

Katja von der Burg rennt normalerweise Marathon, doch das Coronavirus warf sie aus der Bahn.
Katja von der Burg rennt normalerweise Marathon, doch das Coronavirus warf sie aus der Bahn. © Thomas Kretschel

Das Virus fühlte sich an, wie eine starke Erkältung. Müdigkeit, Schwindel, leichtes Fieber, ein hämmernder Kopfschmerz und ein verräterisches Stechen in der Lunge. Der Schmerz nahm zu. „Ich lag auf dem Boden und rang um Luft“, so die Sportlerin. Es flossen Tränen und die Fahrt in die Notaufnahme wurde zu einer Option. Doch nachts verschwanden die Lungenschmerzen plötzlich, stattdessen verstärkte sich der krampfartig bellende Husten.

Seine Ursache sollte am Montag der Hausarzt klären. Katja von der Burg plante, ihn zunächst anzurufen, denn sie ahnte schon, dass das Coronavirus der Auslöser sein könnte. Doch Montag ging es plötzlich wieder bergauf und weil beim Hausarzt das Telefon ohnehin ständig besetzt war, entschied sie sich fürs Abwarten. 

Das fand am Dienstag, den 24. März, ein jähes Ende. Die Atemnot kam zurück. Schlagartig gingen außerdem Geschmacks- und Geruchssinn verloren. Katja von der Burg informierte das Gesundheitsamt von Garmisch-Patenkirchen. Der zuständige Amtsarzt entschied, dass sie umgehend einen Corona-Test durchführen sollte. Dafür gibt es in der oberbayerischen Gemeinde einen Drive Through, also eine mobile Teststation, an die man mit dem Auto heranfährt. Um unnötige Wartezeiten zu vermeiden, erhalten alle Testpersonen eine Uhrzeit, außerdem wird ihr Autokennzeichen registriert. Wer nicht auf den Listen auftaucht, wird nicht getestet.

Katja von der Burg erhielt das Testkit durch das Autofenster gereicht, führte selbst den Abstrich durch und gab die verschlossene Probe an die Helfer zurück. Die Auswertung im Labor erfolgte binnen eines Tages und als am Mittwoch, den 25. März, der Amtsarzt anrief, war klar, dass bei Katja von der Burg der Covid-19-Erreger nachgewiesen ist. Damit wurde das, was sich die junge Frau schon freiwillig selbst auferlegt hat, amtsärztlich zementiert: Hausarrest für sie, die beiden Söhne und ihren Lebenspartner.

Das Haus in Oberbayern hat einen Garten und eine Terrasse, die dürfen sie weiterhin nutzen, aber Einkäufe oder Spaziergänge sind tabu. „Glücklicherweise war unser Kühlschrank gut gefüllt, aber so langsam gehen die Vorräte zur Neige“, sagt Katja von der Burg. Freunde werden in den nächsten Tagen helfen, denn die Isolation dauert noch mindestens bis Gründonnerstag an. 

Ein Kratzen im Hals, Schnupfen und Husten haben inzwischen auch alle anderen Familienmitglieder entwickelt, aber nur Lebensgefährte Erwin und Sohn Louis wurden getestet. Negativ getestet – vermutlich, weil die Laboruntersuchung zu spät stattfand. Die aktuellen Testkits haben nur über einen sehr kleinen Zeitraum die nötige Sensibilität.

Einmal am Tag klingelt das Telefon bei Katja von der Burg. Das Gesundheitsamt erkundigt sich nach ihrem Befinden und prüft so gleichzeitig, ob die Auflagen zur Isolation erfüllt werden. „Eigentlich sind wir schon seit 16. März in Quarantäne“, sagt die Unternehmerin. Es ist der Tag der Schulschließungen in Bayern, genauso wie in Sachsen. Sie führt aus dem Homeoffice ihr Unternehmen, das sich auf Social Media und Suchmaschinenoptimierung spezialisiert hat. Selbst in der Krise gibt es viel zu tun, denn gerade Unternehmen, die ihre Geschäfte jetzt ausnahmslos ins Netz verlagert haben, brauchen die Unterstützung des Projecter-Teams.

Auf der anderen Seite brechen Aufträge, beispielsweise für Messen, weg oder werden in die ferne Zukunft verschoben. Dass sie und ihr Team von zu Hause aus gut arbeiten können, sei nicht der Krise geschuldet, sondern Firmenphilosophie. Jeder verfügt über einen Laptop, hat über die Cloud Zugriff auf die für ihn wichtigen Dokumente und Slack ist eine langjährig erprobte Kommunikationsplattform. „Schon allein deshalb, weil viele unserer Mitarbeiter Eltern sind und das Homeoffice regelmäßig nutzen“, so die Geschäftsführerin.

Sie wollte eigentlich Auslandkorrespondentin werden, hat an der Leipziger Universität Journalistik studiert. Nach dem Volontariat in der Onlineredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kehrte sie schließlich in ihre sächsische Heimat zurück, um im Marketing bei PC Ware und Spreadshirt zu arbeiten. 2007 gründete Katja von der Burg mit einem Kollegen und von der Oma geborgtem Geld ihre Marketingfirma. Am Anfang waren es zwei, heute sind es 70 Mitarbeiter.

Sie alle werden in der Videokonferenz gute Zahlen von ihrer Chefin hören. Gelegentlich wird sie noch husten müssen, aber das Schlimmste scheint überstanden. Und die Laufschuhe, die werden vorerst weiter in der Ecke stehen. Für das erste Halbjahr sind alle Laufevents abgesagt, auch der Supermarathon mit seinen knapp 73 Kilometern über den Rennsteig. 

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Das schmerzt, genauso wie ein Blick in die Fotogalerie ihres Handys. Dort sind sie, die Bilder von vor einem Jahr, als Katja von der Burg mit einem internationalen Läuferteam in zehn Tagen von London bis nach Paris lief. Insgesamt 460 Kilometer, gekörnt vom Marathon an der Seine. Es erscheine ihr heute surreal, die Fotos zu sehen mit ihren Mitläufern aus Spanien, Italien oder Brasilien. Viele von ihnen sitzen wegen Corona auch schon seit Wochen zu Hause. Das Verbot, sich im Freien zu bewegen, das belaste mental, gesteht Katja von der Burg. Aber sie ist gewohnt, nach vorn zu blicken, nicht nur ab Kilometer 30, wenn sich beim Marathon für gewöhnlich der Mann mit dem Hammer meldet, sondern auch im Alltag. Wenn die Pandemie soweit eingedämmt ist, dass sich alle wieder freier bewegen können, plant die Patchwork-Familie eine Alpenquerung mit dem Rad von Garmisch-Patenkirchen an den Gardasee. Aber bis dahin müsse man sich an die Regeln halten, und zwar alle, und das konsequent, so die Athletin.

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