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„Ich kann gegen Chinesen gewinnen“

Tischtennisprofi Dimitrij Ovtcharov spricht über seine Auftritte in Fernost und außergewöhnliche Herausforderungen.

Und nächstes Jahr in China. Seit 2013 spielt Dimitrij Ovtcharov in der Superliga, in diesem Sommer für Jiangsu. Die Saison läuft seit 18. Mai, Deutschlands bester Tischtennisprofi spielt seit Dienstag mit. Im Idealfall bleibt sein Klub bis zum zweiten August-Wochenende im Rennen um den Titel. „Da kommen in zwei Monaten so viele Duelle auf höchstem internationalen Level zusammen, wie sonst aufs Jahr verteilt“, sagt der 25-Jährige. Dieses Niveau braucht er für seinen nächsten Angriff auf die Tischtennis-Großmacht.

Herr Ovtcharov, Sie spielen in diesem Sommer zum zweiten Mal in der chinesischen Superliga. Was lernen Sie da?

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Es ist immer wieder interessant zu sehen, welche Mentalität die Chinesen haben, wie sie Tischtennis spielen und trainieren. Ich war in Arenen mit 60 und mehr Platten in Aktion. So was existiert in Europa gar nicht. Da kämpfen Kinder um Punkte wie um ihr Leben. Keine Ahnung, ob sie wissen, was eine Schule ist. Ich finde die landesweite Begeisterung für Tischtennis toll. Ich spiele alle paar Tage an einem anderen Ort, häufig in ausverkauften Hallen und treffe immer auf die besten Spieler der Welt. Dadurch kann ich den nächsten sportlichen Schritt gehen.

Was ist Chinas Erfolgsgeheimnis?

Sie haben keins. Die Chinesen beginnen früh, bleiben immer dran. Die es nicht schaffen, fliegen zeitig raus. Es liegt am System. Das funktioniert wie bei uns im Fußball. Sie haben Mittel ohne Ende. Der große Unterschied besteht in der Qualität der Trainingspartner. Die Chinesen verfügen über unglaublich viele Spitzenspieler. In der Champions League, Deutschland und Russland treffe ich auf keinen Profi mit dem Format eines Chinesen. Ich muss bereits beim Üben mein Bestes geben, um mithalten zu können. Dabei sind die Einheiten nicht besonders anspruchsvoll, häufig einfacher, leichter, simpler als bei uns.

Simples Training – was bedeutet das?

Die Chinesen machen nichts Schwieriges, trainieren aber sehr spielorientiert. Es handelt sich um normale Übungen wie bei uns. Chinesen führen sie nur härter, präziser, schneller aus. Dazu kommen die vielen Sportlehrer. Ein Trainer betreut zwei Spieler. Dadurch geht es extrem individuell zu. So arbeiten sie sehr intensiv an Details wie Auf- oder Rückschlag.

Das klingt, als wollen Sie nach China auswandern.

Das kommt für mich nicht infrage. Ich finde Deutschland extrem schön und fühle mich da sehr wohl. Außerdem lassen mich die Chinesen nicht in die Sporthallen, in denen ihre besten Nationalspieler üben.

Wie viel trennt Sie noch von denen?

Ich kann gegen Chinesen gewinnen. Das habe ich auch schon bewiesen wie im Finale der Mannschafts-WM, als ich gegen Olympiasieger und Weltmeister Zhang Jike siegte. Solche Erfolge sind gut für das Selbstbewusstsein. Sie spielen noch ein bisschen besser, aber wir rücken ihnen immer näher, so dass die Chinesen einen gewissen Respekt vor uns haben. Doch wir besitzen nur eine Chance gegen sie, wenn Timo Boll und ich am gleichen Tag unsere beste Leistung abrufen, das erste Einzel gewinnen und sie ein bisschen nervös reagieren. Kommt all das zusammen an diesem einen entscheidenden Tag, kann es funktionieren. Es ist unser Ansporn, Chinesen zu bezwingen. Es ist schwer, aber ich glaube daran. Sonst könnte ich mich nicht motivieren, so hart zu trainieren.

Wie langweilig ist es gegen Europäer?

Gar nicht. Es gibt ausreichend Gute, die mich in Schwierigkeiten bringen können, wenn sie einen Supertag erwischen und in Bestform spielen. Die Konstanz, ihr Leistungshoch über einige Monate zu halten, fehlt allen. Das bleibt ihr großes Manko.

Welche Ziele haben Sie?

Eine WM-Einzelmedaille fehlt mir. Als Weltranglistenvierter kann ich drei Plätze gutmachen. Eventuell klappt es mit dem Auswahlerfolg. Wir besitzen noch mindestens eine große Chance bei Olympia 2016 in Rio de Janeiro. Dann sehen wir vermutlich das beste deutsche Team aller Zeiten.

Wie spielt es sich vor den Chinesen?

Total anders. Das deutsche Publikum sitzt deutlich leiser und extrem ruhig auf seinen Plätzen. Es schaut sich die Duelle in aller Stille an. Chinesische Zuschauer gehen viel mehr aus sich heraus. Da gibt es immer eine extreme Geräuschkulisse um einen herum. Gefällt ihnen ein Ballwechsel, schreien sie auch schon mal vor Begeisterung.

Wie sehr irritiert Sie das?

Gar nicht. Es macht mir eher Spaß, da ich sehe, dass Tischtennis die Menschen fasziniert. Sie beobachten exakt, was ich tue, verfolgen alle Ballwechsel genau. Die Kulisse erinnert eher an andere Hallensportarten wie Basket-, Hand- oder Volleyball.

Warum fehlt deutschen Zuschauern die chinesische Begeisterungsfähigkeit?

Wir reden da über unterschiedliche Voraussetzungen für unseren Sport. In China gehört Tischtennis zu den Mediensportarten. Alle drei Tage überträgt das Staatsfernsehen eine Partie live – in einem Umfang, der der Fußballberichterstattung großer deutscher Sender entspricht. Das regionale TV überträgt kleinere Spiele. Alle berichten häufig über einzelne Profis. Dadurch wissen die Leute immer Bescheid und können sich besser für unseren Sport begeistern.

Und was bekommen Sie von China mit?

Ich muss mich immer wieder an das Essen gewöhnen, was in jeder Region anders schmeckt. Sichuan steht für scharfe Küche. Ich komme dort an, und alles duftet nach Chilischoten. Da schnappe ich immer nach Luft. Auch Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit setzen mir extrem zu. Ansonsten machen die Menschen, die ich treffe, einen aufgeschlossenen Eindruck. Außerdem gibt es alle drei, vier Tage nicht nur neue klimatische und kulinarische, sondern auch sportliche Herausforderungen.

Das Gespräch führte Maik Schwert.