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"Ich liebe es, älter zu werden"

Auf ihrem Comeback-Album trotzt Alanis Morissette den Wirren der Welt mit Kreativität, Ruhe und klaren Worten.

Hat immer noch Panikattacken, aber auch die im Griff: Alanis Morissette.
Hat immer noch Panikattacken, aber auch die im Griff: Alanis Morissette. © dpa/Sven Hoppe

Vor einem Vierteljahrhundert wurde die Kanadierin Alanis Morissette (46) mit dem Album „Jagged Little Pill“ und dem Hit „Ironic“ weltberühmt. Seit ihrem achten Album „Havoc And Bright Lights“ aus dem Jahr 2012 war es eher still geworden um die engagierte Frau und Freundin klarer Ansagen, auch im Politischen. 

Am Freitag erscheint mit „Such Pretty Forks In The Road“ ein ungewohnt stilles, aber sehr intensives Comeback. Wir sprachen mit der dreifachen Mutter über ihre berufliche Auszeit, über die Freude am Älter- und Gelassenerwerden und über das, was sie außer ihrer Musik, ihrem Mann und ihren Kindern am meisten liebt: Essen.

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Frau Morissette, wo haben Sie die letzten acht Jahre gesteckt?

Ich hatte Kinder – drei Stück! Und ich bin umgezogen: Ich habe 22 Jahre in einem Haus in Los Angeles gelebt, dann bin ich nach Malibu gezogen und wurde prompt Opfer dieser fürchterlichen Waldbrände. Also ging es weiter nach Norden, in die Nähe von San Francisco. Dort fühle ich mich sehr wohl, viel wohler als in Hollywood. 

Ich wollte näher bei meinen akademischen Freunden in der Bay Area sein, und bislang war das die richtige Entscheidung. Ich habe jetzt ein wunderbares Haus in der East Bay – mit einem riesigen Büro, dessen Wände nur aus Bücherregalen bestehen – so, wie ich es mir immer gewünscht habe. Und Ende 2019 bin ich erneut Mutter geworden.

War es eine bewusste Entscheidung, sich aufs Private zu verlegen und die Karriere erst einmal ruhen zu lassen?

Für mich war das eigentlich nie eine Frage: Ich wollte immer eine Familie haben, und für mich kommt sie an erster Stelle. Mein Mann und ich unterrichten die Kinder auch selbst – mit Hilfe meiner Eltern, die beide Lehrer waren. Und eine vernünftige Erziehung ist mir wichtig. Wir verfolgen die „Theorie der multiplen Intelligenzen“ von Howard Gardener, die darauf abzielt, ihnen ein bisschen von allem beizubringen: Ein wenig Mathematik, ein paar Purzelbäume, ein bisschen Taekwondo, Kochen – eben, um alle Bereiche ihres Gehirns anzusprechen. Die letzten zehn Jahre waren wahnsinnig aufregend.

Ist der Trubel zu Hause der Grund, warum Ihre neuen Songs so ruhig ausfallen – zum Großteil lediglich mit Klavier und Gitarre?

Als ich das Album geschrieben habe, war es für mich nur „die Piano-Platte“. Denn Mike Farrell, der auch in meiner Band spielt und mich dabei unterstützt hat, hat größtenteils Keyboards beigesteuert, und eine Zeit lang habe ich wirklich darüber nachgedacht, nur mit Gesang und Klavier zu arbeiten. Aber meine Produzentinnen, hatten so viele tolle Ideen, dass ich sie einfach habe machen lassen. Es ist das erste Album, bei dem ich mich ein bisschen zurückgelehnt und entspannt habe.

Demnach steht der Titel „Such Pretty Forks In The Road“ („solch schöne Straßengablungen“) dafür, die Möglichkeiten, die einem das Leben bietet, wahrzunehmen und zu zelebrieren?

Ganz genau! Eben Risiken einzugehen und auch mal mutige Entscheidungen zu treffen – egal, in welcher Situation. Das reicht von: „Soll ich diese Person wirklich heiraten?“ Über: „Was soll ich frühstücken?“ Bis zu: „Sollen wir noch ein Kind haben?“ Das Leben birgt so viele Wendepunkte. Auf 90 Prozent davon lasse ich mich ein. Bei den übrigen zehn Prozent bin ich nur sarkastisch, weil sie eben nicht so toll sind.

Lässt sich das auf die große Bühne übertragen? Sollten wir mutiger sein und mehr Risiken im Leben eingehen?

Alles, was ich schreibe, ist zunächst einmal persönlich. Aber ich bin mir auch bewusst, dass das Mikro dem Makro entspricht und jeder Kommentar zu Beziehungen auch auf Nationen, Systeme und andere Menschen übertragbar ist. Was allerdings voraussetzt, dass sie ganz allgemein weniger Angst haben. Und als Kind haben mir meine Eltern immer gesagt, dass ich auf keinen Fall Wut, Trauer und Angst fühlen sollte. Aber natürlich habe ich sie ständig gespürt. 

Nur: Ich denke, wir wären alle viel risikobereiter, wenn wir ganz allgemein mehr Sicherheit in unseren Beziehungen spüren würden. Deshalb bemühe ich mich, eine stabile Ehe und enge Freundschaften zu haben und genauso viel Liebe zu geben wie zu verlangen. Was nicht immer leicht ist – für einige verlange ich mehr als sie zu geben bereit sind oder zu geben vermögen. Die letzten zehn Jahre waren für mich eine Dekade des massiven Wachsens. Insofern bin ich froh, dass ich älter werde. Ich kann das nur empfehlen.

Im Ernst?

Ich liebe es, älter zu werden. Ich verstehe auch, dass Leute Angst davor haben, aber bei mir geht es einher mit mehr Erdung und Belastbarkeit. Viel mehr als früher. Die Höhen fallen weniger hoch und die Tiefen weniger tief aus. Und wenn ich merke, dass ich im Begriff bin, eine Panikattacke zu bekommen, was früher oft der Fall war, weiß ich jetzt: Ich muss tief Luft holen und mich kurz an jemandem festhalten. Da gibt es gewisse Werkzeuge und Techniken, derer ich mich jederzeit bedienen kann.

Also zeigt das Album, wo Sie heute mit 46 stehen, was Sie bewegt und wie Sie über bestimmte Dinge denken?

Es ist eine Mischung aus Melancholie, Liebe und Hoffnung. Es steht dafür, dass es immer ein Morgen und eine Zukunft gibt, selbst wenn die Gegenwart noch so düster und undurchsichtig ist. Wenn wir nie wissen, was uns mit dem Coronavirus und dem Flüchtlingsproblem noch alles erwartet. Es geht darum, nie aufzugeben, sondern die Schönheit in Dingen zu erblicken und das auch wirklich zu wollen.

Warum gehen Sie auf Ihre nächste Tour offiziell nicht mit diesem Album, sondern mit Ihrem Debüt „Jagged Little Pill“, das seinen 25. Geburtstag feiert?

Das hat sich einfach so ergeben. Es fällt beides ins selbe Jahr – und eigentlich ist das perfekt. So kann ich die neuen Songs bringen, aber mich gleichzeitig vor „Jagged Little Pill“ verneigen – vor Stücken, die ich immer noch voller Überzeugung singe. Ich liebe dieses Album genauso, wie ich mein neues Album und meine Kinder liebe. Aber: Mit einem Säugling zu touren, ist Wahnsinn. Das geht nur, wenn ich die ganze Zeit in höchster Alarmbereitschaft bin und nicht zu sehr über das nachdenke, was gerade in der Welt passiert. Ansonsten würde ich keine Luft bekommen und heftige Panikattacken haben.

Werden Sie auf der kommenden Herbst-Tournee dann Ihr Set nach alt und neu unterteilen oder stellen Sie die Stücke einfach nebeneinander?

Ich werde „Jagged Little Pill“ ehren, aber auch neue Songs und andere Stücke der letzten 25 Jahre bringen. Und zwar rein akustisch. Das bedeutet, dass meine Stimme und Texte mehr im Vordergrund stehen. Ich kann mich diesmal nicht hinter den Gitarren verstecken. Und der Schweiß ist auch nicht ganz so heftig wie sonst. Was mal etwas ganz anderes, Angenehmeres ist. Ich stehe mit meinen beiden Gitarristen Jason und Julian auf der Bühne, das Ganze ist betont intim. Gleichzeitig herrscht aber auch mehr Druck, weil man sich keine Fehler leisten darf; das Publikum würde sie sofort hören. Eine ziemliche Herausforderung.

Was ist aus Ihrem Traum einer alternativen Kochsendung geworden?

Ich werde zumindest ein Kochbuch veröffentlichen. Ich bin besessen vom Reisen und Essen.

Worauf schwören Sie aktuell in Sachen Ernährung?

Auf Suppen, Brühen, Saucen. Also in erster Linie Proteine. Und ich liebe die japanische und thailändische Küche.

Und wenn Sie in Deutschland sind?

Auf Schnitzel. Schließlich bin ich damit aufgewachsen. Meine Kindheitsjahre, die ich ja in Deutschland verbracht habe, waren geprägt von Schnitzel.

Das Interview führte Marcel Anders

Alanis Morissette: Such Pretty Forks in the Road (Sony)

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