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„Ich möchte kein Stellvertreter werden“

Löbau oder Zittau als Hauptsitz eines großen Amtsgerichtes–in der Öffentlichkeit ist es um dieses Thema ruhig geworden. Nun ist die Sache offenbar entschieden. Löbau ist der Verlierer. Seit 2005 ist hier Dr.

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Von Matthias Klaus

Löbau oder Zittau als Hauptsitz eines großen Amtsgerichtes–in der Öffentlichkeit ist es um dieses Thema ruhig geworden. Nun ist die Sache offenbar entschieden. Löbau ist der Verlierer. Seit 2005 ist hier Dr. Karl Keßelring Direktor des Amtsgerichtes. Der 58-Jährige aus Hof, verheiratet, zwei erwachsene Töchter, kam gern in die Oberlausitz. Seit Anfang der 90er Jahre „eroberte“ er beruflich den Osten der Republik, arbeitete in Plauen, Zwickau und kurzzeitig in Dresden. Heute hat er ein Haus an der Löbauer Marschnerstraße–und plant seine berufliche Zukunft wieder neu.

Herr Keßelring, wie ist die Stimmung unter den Mitarbeitern in Ihrem Haus?

Sagen wir mal so: Die Richter, Rechtspfleger und Mitarbeiter sind nicht begeistert. Wir waren und sind ein gut funktionierendes kleines Amtsgericht. Aber wenn das Standortgesetz wirksam wird, wird von hier aus natürlich alles getan, um dem Zusammenschluss mit Zittau zum Erfolg zu verhelfen.

Standortgesetz?

Ja, das Sächsische Standortgesetz regelt unter anderem, dass es ab 1.Januar 2013 ein großes Amtsgericht Zittau mit einer Außenstelle in Löbau geben wird. Es gibt dann einen Direktor und einen ständigen Vertreter des Direktors.

Sie hatten in der SZ gesagt, dass Sie sich für den Posten des Direktors am neuen Amtsgericht bewerben wollen. Bleibt es dabei?

Nein. Denn nach jetziger Leseart wird der derzeitige Direktor des Amtsgerichtes Zittau auch der Direktor des neuen Amtsgerichtes, ohne Ausschreibung der Stelle. Ich bin nicht neidisch, ich bin darüber nicht böse. Es fällt dem Kollegen eben einfach zu. Und der Kollege Behrens in Zittau macht ja auch eine gute Arbeit.

Das heißt, Sie werden der ständige Vertreter des Zittauer Direktors in Löbau?

Nein. Ich möchte kein ständiger Stellvertreter werden. Ich werde deshalb Löbau verlassen. Mehrere Bewerbungen laufen bereits. Aber bis es ein Ergebnis gibt, kann ein halbes bis ein dreiviertel Jahr vergehen.

2013 startet das neue Amtsgericht also ohne Sie?

Wenn ich das ganz genau wüsste, würde ich meinen Job als Amtsgerichtsdirektor sofort aufgeben und als Wahrsager arbeiten. Falls keine meiner Bewerbungen Erfolg hat, könnte mich theoretisch das Ministerium auf den Vertreter-Posten versetzen.

Vorausgesetzt, die Bewerbungen sind erfolgreich: Kehren Sie zurück in Ihre Heimat Franken?

Ich möchte auf jeden Fall eine bessere Lösung für meine Frau und meine Familie, näher an sie heran. Ich denke dabei auch an mich. Ich bin jetzt 58, habe noch gut sieben Jahre Arbeit vor mir.

Haben Sie sich wieder auf einen Posten als Amtsgerichtsdirektor beworben?

Es gibt für mich unterschiedliche Möglichkeiten. Am liebsten würde ich schon als Amtsgerichtsdirektor arbeiten. Bei gleicher Besoldung käme es aber auch in Betracht, wieder als Vorsitzender Richter an einem größeren Gericht zu arbeiten. Letztendlich ist aber alles offen. Meiner Meinung nach ist es zudem für einen Richter nicht schlecht, wenn er nach einer angemessenen Zeit die Stelle wechselt, neue Erfahrungen sammelt und seine bisherigen an der neuen Position einbringt. Man darf einfach nicht stehenbleiben.

Was verbinden Sie mit Löbau?

Obwohl die Stadt eher ein Aschenputteldasein hat, gibt es doch schöne Besonderheiten. Ich denke da an das Haus Schminke, den Honigbrunnen, die freundliche Altstadt. Darüber hinaus habe ich in Löbau nur nette und freundliche Menschen kennen gelernt. Ich fühle mich hier wohl.

Gibt oder gab es schon Gespräche mit dem Amtsgericht Zittau zur künftigen Zusammenarbeit?

Ja, wir haben erste Absprachen getroffen. Dabei ging es vor allem um Spezialisierungen in den Häusern.

Spezialisierungen? Haben die denn Vorteile?

Ja. Es wird durch den Zusammenschluss zur Bildung größerer Einheiten kommen, zum Beispiel in der Zivil- oder Nachlassabteilung. Wenn es da in der Außenstelle Personalprobleme durch Urlaub oder Krankheit gibt, kann dann schnell ausgeholfen werden. Derzeit ist es zudem so, dass die Richter im Haus zwei Rechtsgebiete bearbeiten. Das ist für die Kollegen sehr schwierig.

Zum Beispiel?

Ein Sorgenkind sind Familiensachen, also familienrechtliche Verfahren, die elterliche Sorge nach der Trennung der Eltern für das Kind. In den vergangenen Jahren gab es da nicht selten bösartige Auseinandersetzungen zwischen den Eltern. Damit ein Richter hier objektiv entscheiden kann, ist viel Zeit nötig. Es muss mit Jugendämtern geredet, psychologische Gutachten eingeholt werden. Da ist sehr viel Fingerspitzengefühl nötig und ein hoher Zeitaufwand, um zu einer vernünftigen Lösung zu kommen.

Worum dreht es sich denn bei derartigen Auseinandersetzungen zwischen Eltern?

Es geht um Geld, Unterhaltszahlungen. Manchmal wird der , Ehekrieg’ aber auch auf den Schultern der Kinder fortgesetzt. Und: Väter wollen zunehmend selbst an der Erziehung ihrer Kinder teilnehmen. Insgesamt ist es dann nach dem Zusammengehen mit Zittau positiv, wenn sich ein Richter allein mit derartigen Familiensachen beschäftigen kann. Das ist zweifelsfrei ein Vorteil an der Sache.

Was sagt Ihre Frau zu Ihrer Entscheidung, nicht in Löbau zu bleiben?

Nun, sie kennt Löbau, kennt das Haus in dem ich wohne, und sie kommt häufig am Wochenende hierher. Ihr gefällt es. Und sie hat gesagt, dass wir später vielleicht hier bleiben könnten–wenn wir nicht mehr arbeiten.