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Ich muss mich immer wieder neu erfinden

Detlef Heuke steht in Hoyerswerda für Volkshochschule und Swing. Gerechtigkeitssinn führte ihn zur Gewerkschaft.

Detlef Heuke, Jahrgang 1964
Detlef Heuke, Jahrgang 1964 © Foto: privat

Von Angela Donath

Herr Heuke, Sie waren über zwei Jahrzehnte der Leiter und das Gesicht unserer Volkshochschule. Sie unterrichteten, Sie organisierten, Sie waren aus dem öffentlichen Leben in Hoyerswerda kaum wegzudenken ...

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Genau genommen war ich 21 Jahre und zehn Monate in Hoyerswerda tätig, faktisch ein Viertelleben. Ich verdanke der Stadt meinen Berufseinstieg. Anfang der 90er-Jahre gab es politische Entscheidungsträger in Hoyerswerda, die einem jungen Mann mit vielen Ideen vertrauten und ihm die Freiräume schufen, diese in die Realität umzusetzen. Zusammen mit dem Team der Volkshochschule haben wir viel erreicht. Erinnern möchte ich an die europäischen Austauschprogramme oder die regelmäßig laufenden politischen Gesprächsrunden im lokalen Fernsehen.

Ihr Leben bestand aber sicherlich nicht nur aus Arbeit?

Ich konnte mich in Hoyerswerda auch mit meinem Hobby ausprobieren und fand einen künstlerischen Partner, das Long Street Orchestra Hoyerswerda, und tolle Verbündeten bei der Umsetzung der Vorhaben im Team der Lausitzhalle. Für zehn Jahre intensive Zusammenarbeit bin ich dankbar.

Jetzt trifft man Sie in Hoyerswerda eher selten. Wo stecken Sie denn, und sind Sie etwas ruhiger geworden?

Ruhiger bin ich natürlich nicht geworden. Dies war sicher auch ein Aspekt, mich beruflich ganz anders zu orientieren und mit 51 Jahren nochmal Azubi zu werden bei der Vereinigten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Nach der Ausbildung und einigen Jahren in Bautzen arbeite ich nun in Leipzig in der Zentrale von ver.di für Mitteldeutschland als Landesfachbereichsleiter Bund/Länder/Gemeinden, ich bin also verantwortlich für den kompletten öffentlichen Dienst in den drei Bundesländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Sie haben Politikwissenschaft studiert. Mit Landespolitik haben Sie heute bei ver.di sicher nicht wenig zu tun. Als Gewerkschafter sehen Sie manche Entscheidung wahrscheinlich eher kritisch. Mit welchen Problemlagen sind Sie aktuell beschäftigt?

Eine meiner Hauptaufgaben besteht darin, mit der jeweiligen Landespolitik Rahmenbedingungen und konkrete Themen anzusprechen und im gewerkschaftspolitischen Interesse für die vielen Beschäftigtengruppen im öffentlichen Dienst diese zu verbessern. Mein „Betätigungsfeld“ reicht dabei von Justiz und Bundeswehr über die Kommunen, Straßenmeistereien und die Autobahngesellschaft, Zoos, die Wasserschifffahrt, Forsten bis hin zur Flugsicherung.

Was genau tun Sie da?

Als Gewerkschafter analysiert man politische Vorgaben und Entscheidungen naturgemäß kritisch und mit dem „Gerechtigkeits-Auge“. Allerdings gibt es auch politische Forderungen, denen wir uns voll und ganz anschließen können. Ein Beispiel hierfür ist die Kampagne um einen Rettungsschirm für die Kommunen in Deutschland. Sie werden mit weniger Einnahmen und mehr Ausgaben die Hauptlast der Pandemie tragen. Die Steuerausfälle werden derzeit vorsichtig mit 500 Euro pro Einwohner beziffert. Da wird nicht einmal der in Sachsen beschlossene Rettungsschirm von 750 Millionen Euro ausreichen. Wenn ich schon bei Sachsen bin, dann ist ein weiteres Thema, das mich seit zwei Wochen beschäftigt, um nicht zu sagen „umtreibt“, die Öffnung der Kitas und Horte. Mir ist der Druck der Eltern auf die Politik durchaus bewusst, aber hier in Sachsen hat sich die Politik über alle mahnenden Stimmen hinweggesetzt.

Was genau meinen Sie damit?

Nicht nur, dass die Verantwortung auf die Träger und Kommunen abgewälzt wurde, die Erzieherinnen vor Ort wurden mit dem Problem der Umsetzung der geforderten hygienischen Standards allein gelassen. Es mangelt an Räumen, Finanzen und vor allem an Personal. Dies war ja schon vor der Krise ein Problem, nun aber verschärft sich die Situation durch das Thema der Risikogruppen, sprich unter anderem der älteren Kolleginnen, die nicht oder nur begrenzt eingesetzt werden können. Aber Sachsen war nur der „Vorreiter“. Mittlerweile habe ich ein ähnliches Problem in Thüringen. Einzig Sachsen-Anhalt scheint es besser machen zu wollen.

Klingt nicht nach einem „Nine-to-Five Job“ (von neun bis fünf, dann fällt der Hammer). Was hat Sie bewogen, sich beruflich deutlich anders zu orientieren?

Ganz gewiss nicht, eher 24-7-Job (meint: 24 Stunden am Tag, sieben Tage in der Woche). Ich gehe nicht um 16 Uhr nach Hause und bin dann kein Gewerkschafter mehr. Das geht nicht. Außerdem gibt es durchaus schon mal politische Gespräche am Samstag. Ich bin nicht der Typ, der auf seine Rente in ein und demselben Job 40 Jahre warten kann. Ich muss mich immer wieder neu ausprobieren, Grenzen ausloten und mich auch immer wieder neu erfinden. Dies ist aber eine Erkenntnis, die ich erst in den letzten Jahren gewonnen habe. Es liegt viel an den Rahmenbedingungen meiner Arbeit. Werde ich von außen eingeengt, dann beginnt dieser Prozess des Sich-Abwendens und Neu-Suchens. Deshalb hatten wir ja so viel Erfolg in den 1990er-Jahren in Hoyerswerda. Allerdings hat dieser Prozess auch ein wenig gedauert. Wie gesagt, sowas bekommt man nicht in der Schule mit und es fällt einem nicht mal so eben unterwegs ein. Dem entgegen stehen immer natürlich auch Verlust- und Existenzängste, noch dazu, wenn man nicht mehr 30 ist. Glück spielt immer auch eine große Rolle im Leben und ich hatte viel Glück bisher. Was mich sozusagen aus meinen „Genen“ heraus wohl zur Gewerkschaft gebracht hat, ist mein Gerechtigkeitsempfinden. Aus diesem heraus hatte ich damals einen Betriebsrat in der neu gegründeten Zoo, Kultur und Bildung Hoyerswerda gGmbH initiiert und hieraus erwuchsen die Kontakte zu ver.di. So läuft es im Leben.

In Hoyerswerda liebte man Sie auch als Sänger und Entertainer. Gemeinsam mit dem Long Street Orchestra unter der Leitung von Klaus Peter Haselbauer und ihrem Ehemann brachten Sie als Dav Hansson jährlich die Lausitzhalle zum Kochen oder Sie begeisterten auf Volksfesten. Hat der Dav denn überhaupt noch Zeit?

Ich bin sehr dankbar, dass ich mit Unterstützung des Long Street Orchestras, von Klaus-Peter Haselbauer und den Kollegen der Lausitzhalle, die alle meine Wünsche verwirklicht haben (und das waren nicht wenige), über zehn Jahre solche Erfolge auch als Künstler hatte. Dankbar bin ich auch dem Publikum in Hoyerswerda gegenüber. Es wurden Jahr für Jahr mehr Freunde und fast eine Familie. Aber natürlich wächst auch von Jahr zu Jahr der Druck, das geschaffene Niveau nicht nur zu halten, sondern auch künstlerisch weiterzuentwickeln. Dies war aber gerade in den letzten Jahren auch immer mit erheblichen Kosten verbunden. Viele Musiker der Stadt gingen ausbildungs- oder studienbedingt weg von Hoyerswerda. Die Lücken mussten mit Profis besetzt werden. Irgendwann konnte ich nicht mehr und habe den Schlussstrich gezogen. Diesen Schritt haben mir bestimmt einige Menschen in Hoyerswerda übelgenommen, aber es war meine Entscheidung und ich stehe auch heute noch dazu. Alles hat seine Zeit. Aber dieser „Dav Hansson“ hat durchaus noch Zeit für Kunst, auch wenn es ja im Moment gar keine Möglichkeiten des Auftretens gibt. Aber das wird wieder besser werden. Ich brauche dieses Feeling der Bühne. Das wird mich auch nicht mehr loslassen, solang ich lebe. Ich arbeite zum Beispiel mit der Small Town Bigband Döbeln schon seit vielen Jahren zusammen und sporadisch auch mit der Red Tower Bigband Kamenz. Aber alles vor dem Hintergrund meines Jobs nicht ganz so intensiv.

Wo können wir Sie in diesem Jahr eher treffen? Bei einer Demo – oder auf der Bühne, selbstverständlich unter Beachtung der Abstandsregel?

Mit dem eben Gesagten wahrscheinlich in den nächsten Jahren eher als Redner auf diversen Großveranstaltungen, aber eben auch auf irgendeiner dieser vielen kleinen Bühnen, garantiert, also ab 2021. Als Solosänger hat man ja nicht ganz so viele Probleme mit dem Abstand.

Was müsste denn passieren, wenn wir Sie in Hoyerswerda treffen wollten?

Ich müsste einfach eingeladen werden, von wem und für was auch immer. Sicherer: Wenn die nächsten Tarifverhandlungen in der Zoo, Kultur und Bildung Hoyerswerda gGmbH anstehen. Die sind Chefsache. Jedenfalls komme ich immer wieder gern in die Stadt, in der mein beruflicher Werdegang begann ...

Detlef Heuke alias Dave Hansson (links) mit Gesangs-Partner bei einem früheren Auftritt in der Lausitzhalle, begleitet vom Long Street Orchestra.
Detlef Heuke alias Dave Hansson (links) mit Gesangs-Partner bei einem früheren Auftritt in der Lausitzhalle, begleitet vom Long Street Orchestra. © Archivfoto: Angela Donath

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