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„Ich sehe mehr Chancen als Risiken“

Der Chef der Länderbahn, Andreas Trillmich, sagt, was auf der Schiene besser werden muss – und was man längst positiv betrachten sollte.

© Nikolai Schmidt

Landkreis Görlitz. Die ersten Wochen von 2018 sind vorbei und mit ihnen die Neujahrsempfänge in Politik und Gesellschaft. Zu mancherlei Themen wurde Stellung bezogen, zurückgeschaut und vorausgeblickt. Kein Wunder, dass dabei auch Andreas Trillmich beim Empfang des Görlitzer Unternehmerverbandes um ein Statement aus seinem Fachbereich gebeten wurde – zur Entwicklung des Schienenverkehrs in der Region der Oberlausitz. Während jedoch parteiübergreifend eher Kritik am Schienenverkehr der Region laut wird, bricht er als Geschäftsführer der Länderbahn, auf den Schienen bekannt als Trilex, dabei auch eine Lanze für positive Sichtweisen.

Wer den Pfennig nicht ehrt

und sich nicht im Paragrafendschungel zurechtfindet, ist schnell arm dran. Tipps und Tricks rund um Geld, Sparen und juristische Fallstricke gibt es hier zu finden.

Herr Trillmich, ist denn wirklich alles gut beim Schienenverkehr in unserer Region?

Natürlich gibt es berechtigte Kritik, aber man sollte dabei keinesfalls übersehen, dass sich, auch außerhalb des Schienenverkehrs, vieles gut entwickelt hat und sich noch weiter entwickeln wird. Wir leben in einer großartigen Stadt, und Görlitz hat viel Potenzial mit seiner Infrastruktur, hat eine Hochschule, ein Theater, bekennt sich zur Straßenbahn. Die unmittelbare Nähe zu Zgorzelec und der polnischen Wojewodschaft Niederschlesien stellt für mich auch langfristig einen Standortvorteil dar, der noch an Bedeutung zunehmen wird. Ich spreche auch mit Vertretern von Politik und Wirtschaft in Polen und weiß, dass auch dort mehr und mehr europäisch gedacht wird. Oder nehmen Sie den Tourismus: Die Übernachtungszahlen sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen, haben sich in den letzten zehn Jahren sogar verdoppelt. Wir haben keinen Grund, nur pessimistisch in die Zukunft zu sehen.

Auch dank der Eisenbahn?

Aber klar doch, Mobilität gehört schließlich mit dazu. Im Stundentakt fahren Trilex und Odeg (Ostdeutsche Eisenbahngesellschaft) von Görlitz und Zittau nach Dresden, über Görlitz nach Cottbus, in allen Bahnen sind Zugbegleiter, Tickets gibt es in den Wagen, im kleinen Grenzverkehr wird alle zwei Stunden das Riesengebirge erreicht, bald kommt die Strecke nach Grünberg hinzu, man kann da gleich im Bahnhof Görlitz einsteigen, und der Zweckverband Verkehrsverbund Oberlausitz-Niederschlesien (Zvon) bietet ein ausgesprochen günstiges Ticket für die Euroregion. Das alles ist doch wirklich ein tolles Angebot...

... das manchmal sogar schon nicht mehr auszureichen scheint?

Tatsächlich sind die Züge ab und an rappelvoll. Manchmal stoßen wir dabei auch mit unserer Planung auf Schwierigkeiten. Ein Beispiel: Wir stellen uns auf einen Fußballspiel-Zubringer nach Dresden ein, verstärken eine Verbindung, und dann fahren die Fans aus allen möglichen Gründen doch einen Zug früher oder später. Zusatzfahrzeuge nur für solche Spitzenzeiten vorzuhalten ist aber sehr teuer. Wir beobachten diese an sich ja auch positive Entwicklung freilich sehr genau.

Auch bei den Fahrzeiten?

Beim Eisenbahnverkehr wird der Fahrplan in Ostsachsen zu über 95 Prozent eingehalten. Und in den verbleibenden knapp fünf Prozent stecken auch nicht beeinflussbare Parameter wie das Wetter oder unvermeidliche Baustellen. Denken Sie nur an Ausfälle wegen Sturmschäden. Wir haben immer den Anspruch besser zu werden und deshalb analysieren wir alle Verspätungen sehr genau, insbesondere natürlich die durch uns zu vertretenden, beispielsweise durch Fahrzeugstörungen.

Bei Schäden an Ihren Fahrzeugen haben Sie es dann ja nicht weit.

So kann man das auch formulieren. Im Ernst: Wir haben uns 2014 mit Übernahme des Ostsachsennetzes von der Deutschen Bahn bewusst dafür entschieden, Trilex-Fahrzeuge hier warten und reparieren zu lassen sowie einen Verwaltungsstandort in der Stadt Görlitz zu eröffnen. Dazu nutzen wir die Werkstatt der Odig (Ostdeutsche Instandhaltungsgesellschaft) im einstigen Bahnbetriebswerk an der Reichenbacher Straße. Diese Entscheidung sichert in Summe 16 Arbeitsplätze. Auch das ist zwar ein kleines, aber eben auch ein durchaus positives Zeichen für die Region.

Insgesamt also gute regionale Rahmenbedingungen. Für das von Ihnen geschilderte Potenzial der Region reicht lokale Kompetenz aber nicht aus.

Das ist es, was mich als Eisenbahner ärgert: Görlitz ist vom Fernverkehr abgeschnitten. Der vom Freistaat und vom Zvon finanzierte Dresden-Breslau-Express ist ein Schritt in die richtige Richtung. Aber wir reden hier von einem europäischen Korridor. Görlitz wird vielleicht nicht mehr wie früher Start- und Zielbahnhof sein, aber Städte wie Görlitz und Bautzen müssen Halte im Fernverkehr zwischen Ost und West werden. Um nachhaltigen Fernverkehr in unsere Region zu bekommen, müssen aus meiner Sicht die Voraussetzungen geschaffen werden: neben der Elektrifizierung auch eine Ertüchtigung der Strecken auf mindestens 160 km/h. Inzwischen ist die Elektrifizierung Görlitz – Dresden ohnehin nur noch ein „Lückenschlussprojekt“.

Elektrifizierung als Lückenschluss?

Klar, denn im kommenden Jahr wird der Fahrdraht auf polnischer Seite bis Zgorzelec liegen. Wir sind also in dieser Entwicklung „hintendran“, und vor dem Hintergrund der notwendigen Zeit für Planung und Umsetzung der Elektrifizierung wird hier keine kurzfristige Besserung eintreten. Umso wichtiger ist es, dass man nunmehr schnell Grundsatzentscheidungen trifft. Eine attraktive Infrastruktur ist zudem auch wichtig, um mehr Güterverkehr auf die Schiene zu verlagern.

Will heißen, Sie sind ein Befürworter für Güterverkehr weg von der Straße?

Ich bin ein Verfechter davon, den Schienenverkehr insgesamt zu stärken. Sehen Sie sich doch den Zustand auf der A 4 an, woran der Lkw-Verkehr ursächlich ist. Es gibt mittlerweile viele Vorschläge und Diskussionen. Ich wünsche mir hierbei eine intensivere Diskussion zur Frage, wie es uns gelingen kann, Verkehr von der Autobahn zu verlagern. Für mich muss dem Schienenverkehr bei der Bewältigung des Verkehrsaufkommens langfristig eine noch stärkere Rolle zukommen. Leider wurde in den vergangenen Jahren vielerorts die Infrastruktur durch die Deutsche Bahn zurückgebaut, so dass manche Strecken schon heute überlastet sind. Anders regional bei uns: Hier wird gerade die Strecke von Hoyerswerda bis nach Wegliniec (Kohlfurt) ausgebaut und elektrifiziert.

Und wann wird sich in Sachen Fernverkehr und vielleicht auch Güterverkehr auf der Schiene etwas ändern?

Ich bin grundsätzlich Optimist, sehe das Glas also eher halbvoll statt halbleer. Es sind innovative Ideen gefragt, wie man nachhaltig etwas ändern kann. Und es gehört der Mut dazu, Bestehendes in Frage zu stellen und Rahmenbedingungen anzupassen. Wir haben ein großes Potenzial und sollten die Lausitz als „Vollkreis“ mit der Wojewodschaft Niederschlesien und dem Liberecky Kraj sehen. Es gibt keinen Grund, nur negativ in die Zukunft zu blicken. Ich lebe hier seit meiner Geburt aus Überzeugung und bin zuversichtlich, dass auch meine Kinder alles vorfinden werden, um hier mit ihren Familien sesshaft zu werden. Wir haben mehr Chancen als Risiken, nicht nur im Eisenbahnverkehr.

Gespräch: Ralph Schermann