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„Ich sehe mich als Bauernopfer“

Da im Haushalt drei Millionen Euro fehlen, spart Riesa an der Kultur. Nicht nur Dirk Haubolds Zukunft ist ungewiss.

Von Jane Pabst

Es ist Dienstag, 13 Uhr. Dirk Haubold überkommt ein ungutes Gefühl. Vor genau einer Woche um dieselbe Zeit erhielt er eine Nachricht, die in ihm Wut, Mutlosigkeit und Zorn auslöste. Denn das Kulturwerk Riesa wird zum Jahresende abgewickelt. Von 201 000 Euro, die der Verein als städtischen Zuschuss jährlich erhält, werden ab kommendem Jahr 150 000 Euro eingespart. Und das wird erst der Anfang sein.

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„Dem Spardruck der Großen Kreisstadt Riesa wird die Soziokultur geopfert“, sagt der Chef des Kulturwerks Riesa. Die Hiobsbotschaft erfuhr der studierte Sozialarbeiter in einem Gespräch mit der Oberbürgermeisterin Gerti Töpfer (CDU), der Amtsleiterin für Bildung, Kultur und Soziales und zugleich Geschäftsführerin der FVG, Kathleen Kießling, sowie der Sachgebietsleiterin für Kinder, Jugend und Senioren, Diana Weishaupt. „Eigentlich ging es bei diesem Termin um einen Trägerwechsel. Die Verwaltungsaufgaben des Kulturwerks sollten von einem anderen Träger übernommen werden“, so Haubold. Doch dann fiel die Entscheidung, dass dem Verein die städtischen Zuschüsse gekürzt werden.

„Eine Katastrophe“, sagt er und schaut nach unten. „Ich bin ratlos und schockiert. Man verlangt von mir, bis Jahresende den Verein herunterzufahren. Doch ich weiß gar nicht, wie das geht“, erklärt er. Denn es hängen nicht nur 3,5 feste Arbeitsplätze am Kulturwerk, sondern auch bestehende Förderverträge für das Mehrgenerationenhaus, Künstlerverträge für den Spielplan 2014, Lieferantenvereinbarungen und Kooperationen zu beispielsweise den Landesbühnen Sachsen. „Zudem beschäftigen wir zwei geförderte Arbeitnehmer, vier geringfügig Beschäftigte, zwei Bufdis bis August 2014 sowie 15 Ehrenämtler und Honorarkräfte“, sagt er. Lediglich das Offene Jugendhaus soll erhalten bleiben. Dort hinein fließen die verbleibenden 51 000 Euro Zuschuss. Nur diesem Aspekt kann Dirk Haubold etwas Positives abringen. „Dass das Jugendhaus erhalten bleibt, ist eine Bestätigung für unsere Arbeit. Denn als wir es 2010 übernahmen, stand es kurz vor der Schließung“, sagt er. Doch: „Auch mit unseren Angeboten im Stern waren wir auf einem guten Weg. Doch nun muss ich nach achtjähriger Tätigkeit der Wechselbühne Riesa die Kleinkunstbühne abwickeln. Die Kulturwerkstatt Art, die 1994 als Kinderkulturzentrum begann, wird ihr zwanzigstes Bestehen im nächsten Jahr ebenso nicht erleben“, ergänzt der Riesaer. Er senkt erneut seinen Blick. Auch ohne, dass er etwas sagt, spürt man die Traurigkeit, die im Raum liegt. „Das zurückliegende Wochenende war schwer“, meint er mutlos, und auch Ärger stellt sich ein. „Ich vermute, man will uns aus dem Stern herausdrängen und das Gebäude vielleicht als Rückzugsort für die FVG nutzen. Dann ist man mich auch gleich los. Ich bin doch eh der Querulant“, mutmaßt er. Doch ganz lautlos verabschiedet er sich nicht von der städtischen Kulturbühne.

Ab Freitag, 8. November, startet eine Dankestour. „Wir verabschieden uns mit zwölf Veranstaltungen bis Jahresende von unserem Publikum“, sagt er. Schwingt da nicht doch ein wenig Hoffnung auf eine Fortsetzung mit? „Natürlich wollen wir damit auch die Riesaer aufrütteln, dass sie merken, dass es jetzt die letzten Veranstaltungen sind, die sie besuchen können und sich zugleich mit dem Thema auseinander zu setzen“, so Haubold. Doch ein „Hurra, wir werden aufgelöst“ à la Praktiker-Mentalität wird es mit ihm nicht geben. Und auch mit Kritik am Vorgehen der Stadt spart er nicht. Zwar sei es ihm klar, dass Riesa sein finanzielles Problem lösen muss und auch, dass die Sparzwänge das Kulturwerk Riesa betreffen, aber dass der Verein eingestampft werde, sei ihm nicht klar gewesen. „Ob Kultur, Sport, Tourismusförderung – wir alle, die städtische Zuschüsse erhalten, hätten uns doch an einen Tisch setzen können und gemeinsam Lösungsvorschläge erarbeiten können. Das wäre eine demokratische Vorgehensweise. Stattdessen beschließt die Stadt einfach, wo gestrichen wird. So funktioniert Stadtplanung in meinen Augen nicht“, kritisiert er und ahnt, dass es nicht nur ihn treffen wird. Auf SZ-Nachfrage erklärt der Pressesprecher der Stadt Riesa, Uwe Päsler: „Es muss und wird definitiv im freiwilligen Leistungsbereich erhebliche Einsparungen geben. Das wird die Förderung des Sports, der Kultur, der Wohlfahrtspflege, die Förderung des Brauchtums, der Kinder- und Jugendarbeit und viele andere Bereiche betreffen“. Laut Päsler erarbeiten zu all diesen möglichen Kürzungen die Ämter der Verwaltung derzeit Positionen und sprechen mit allen Beteiligten. „Zwischen FVG und Kulturwerk hat es Anfang des Jahres einige Gespräche gegeben, die letztlich aber ergebnislos verliefen“, sagt er. Dabei sei Haubold durchaus bereit gewesen, auf 50 000 Euro Zuschuss zu verzichten. „Das hätten wir abfedern können. Nicht aber 150 000 Euro. Das ist unser Ende“, sagt er und schaut auf die Uhr. Es ist inzwischen 14.30 Uhr und das ungute Gefühl noch immer da.