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„Ich träume immer noch von Olympia in Sachsen“

Vor 20 Jahren hatte Wolfram Köhler eine Vision, die ihn berühmt gemacht und ein Land begeistert hat. Die Bewerbung, sagt er, war eine Erfolgsgeschichte.

Von Daniel Klein
 8 Min.
Bulliger Geländewagen vorm Haus und Stars and Stripes am Fahnenmast. Wolfram Köhler lebt in Florida seinen amerikanischen Traum, telefoniert aber täglich mit Deutschland.
Bulliger Geländewagen vorm Haus und Stars and Stripes am Fahnenmast. Wolfram Köhler lebt in Florida seinen amerikanischen Traum, telefoniert aber täglich mit Deutschland. © Robert Michael

Ein persönliches Gespräch ist schwierig in diesen Zeiten, nicht nur wegen der Entfernung. Wolfram Köhler lebt seit 2004 in Fort Myers im US-Bundesstaat Florida. Mit seiner Frau betreibt der Manager dort einen Kindergarten. 

Riesa, das er einst als Oberbürgermeister mit Weltmeisterschaften ins Rampenlicht rückte, ist weit weg – genauso wie die Leipziger Bewerbung für die Olympischen Spiele 2012, die er vor genau 20 Jahren angeschoben hatte. Köhler, 52, hat dennoch viele Details im Kopf und natürlich eine Meinung. Ein Gespräch am Telefon über eine aufregende Zeit, große Hoffnungen und verpasste Chancen.

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Herr Köhler, am 18. Juli 2000 haben Sie in Los Angeles gegenüber einem Journalisten erstmals davon gesprochen, die Olympischen Spiele nach Sachsen holen zu wollen. Wie kamen Sie auf die Idee?

Man muss sich in die Zeit zurückversetzen. Leipzig war vor 20 Jahren auf der sportlichen Landkarte kein bedeutender Standort. Dort gab es Frauen-Handball und ein Damen-Tennis-Turnier, nicht viel mehr. Wenn da eine Katarina Witt auftrat, hat das Riesa organisiert. Das kann man sich heute kaum noch vorstellen, aber so war es. In Riesa dagegen wurden Europa- und Weltmeisterschaften ausgetragen, so hatten wir Kontakte zu internationalen Sportfunktionären. Deshalb war es logisch, dass wir Riesaer die Diskussion anschieben. Wer sonst hätte es in Sachsen tun sollen?

Wollten Sie damals in Las Vegas einen Versuchsballon starten, um die Reaktionen zu testen?

Überhaupt nicht. Ich war damals von der Idee überzeugt – und bin es heute immer noch.

Wie war das Echo?

Überwiegend positiv. Ich habe mich kurz danach mit dem damaligen Leipziger Oberbürgermeister Wolfgang Tiefensee und dem Beigeordneten Burkhard Jung getroffen und ihnen meine Pläne gezeigt, wo welche Sportarten ausgetragen werden könnten. Die fanden das gut. Ein paar Wochen später haben sie dann behauptet, Olympia wäre ihre Idee gewesen.

Und niemand war skeptisch?

Natürlich gab es auch Leute, die das belächelt haben. Aber ich kann mich kaum an einen Vorschlag von mir erinnern, der nicht belächelt wurde. Gemacht habe ich es trotzdem immer.

Ein Höhepunkt im Bewerbungsmarathon. Im Juni 2002 lotste Köhler Boxlegende Muhammad Ali nach Riesa.
Ein Höhepunkt im Bewerbungsmarathon. Im Juni 2002 lotste Köhler Boxlegende Muhammad Ali nach Riesa. © Lutz Hentschel

Sie wollten Olympia nach Sachsen holen, also nach Dresden, Chemnitz, Leipzig und natürlich Riesa. Sehr schnell wurde daraus jedoch eine reine Leipziger Bewerbung.

Was ich für einen großen Fehler hielt. In Leipzig fehlten damals mehr als 40.000 Betten. Selbst wenn wir sie gebaut hätten: Wer soll nach Olympia darin schlafen? In Dresden gab es viel mehr Hotels, allein deshalb wäre es wichtig gewesen, die Stadt im Boot zu halten. In Riesa wären Kampfsport und Fußball denkbar gewesen, mehr nicht. Chemnitz war ebenfalls als Fußballstandort vorgesehen.

Leipzig schlug im April 2003 überraschend die nationalen Konkurrenten Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt am Main und Stuttgart. Wie konnte der Außenseiter gewinnen?

Durch die Veranstaltungen in Riesa kannte ich viele Funktionäre der einzelnen Sportarten, hatte gute Kontakte. Hinzu kam, dass sich der damalige Ministerpräsident Georg Milbradt unheimlich eingebracht hat. Er war sich nicht mal zu schade, den Barkeeper zu spielen, wenn er mit den Präsidenten der Sportfachverbände diskutierte. Die, denke ich, haben gespürt, dass wir das wirklich wollen.

Der emotionale Werbefilm, das Cello-Spiel von Tiefensee, der Auftritt des Ex-Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker – all das soll bei der Stimmabgabe keine Rolle gespielt haben?

Doch, natürlich. Aber viel war da schon im Vorfeld passiert. Die Funktionäre sind ja nicht dumm, sie haben in ihrem Leben schon viele gute Videos gesehen. Mit einem Film allein kann man sie nicht umstimmen.

Was hat dieser Sieg mit den Menschen in der Stadt gemacht?

Er war enorm wichtig für das Selbstwertgefühl, man konnte das bei der Party auf dem Marktplatz spüren. Es hat der Stadt einen Schub gegeben, von dem sie noch lange profitierte. Leipzig heute ist lebendig, jung und voller Esprit, vor 20 Jahren aber gab es viele Arbeitslose und noch dunkle Ecken. Das Potenzial konnte man schon sehen – der Sieg hat ganz sicher geholfen, das zu entdecken.

Im Mai 2004 kam dann das Aus. Unter neun Bewerbern landete Leipzig auf dem sechsten Platz – vor Istanbul, Havanna und Rio de Janeiro, dem Gastgeber der Spiele 2016. Nur die besten fünf wurden zu offiziellen Kandidatenstädten ernannt. Woran ist die Bewerbung gescheitert?

An den inneren Querelen und an der zu kurzen Zeit. Wir hätten Leipzig nur durch einen nationalen Kraftakt rechtzeitig fit machen können, 2016 oder 2020 wären die Chancen besser gewesen. Ein Start-Ziel-Sieg war aus meiner Sicht ohnehin unrealistisch, für einen so kleinen und unbekannten Bewerber sind mehrere Anläufe nötig. Da braucht man einen langen Atem. Es fehlte zudem an der Nachhaltigkeit, weil alles in einem Zehn-Kilometer-Radius untergebracht sein sollte. 

So viele Sportstätten kann man auf so engem Raum in einer vergleichsweise kleinen Stadt nicht vernünftig nachnutzen. Und es ist auch nicht möglich, täglich eine halbe Million Olympia-Besucher innerhalb von zehn Kilometern hin und her zu schieben. Ich wäre deshalb einen anderen Weg gegangen, einen sächsischen – mit Dresden, Chemnitz und Riesa. Aber das war nicht gewollt.

Die Spiele 2012 bekam London, danach folgte Rio de Janeiro, die nächsten werden in Tokio, Paris und Los Angeles ausgetragen. Diese Metropolen haben zwischen 2,2 und 9,2 Millionen Einwohner. Ist Leipzig mit seinen jetzt gut 600.000 schlicht zu klein für Olympia, wie es so ähnlich auch der damalige IOC-Präsident Jacques Rogge formuliert hatte?

Das Problem sehe ich eher in unserer Vorstellung von Siedlungsgebieten. Bei uns hat eine Stadt enge Grenzen, sie fängt hier an und hört da auf. In den USA ist das völlig anders, da geht alles ineinander über. Die Wettkämpfe werden sich in Tokio, Paris und Los Angeles in den Ballungsräumen abspielen. Und dort wird man ähnlich lange unterwegs sein wie zwischen Leipzig und Dresden. Bleibt man wirklich in den Stadtgrenzen, dann ist Leipzig sogar größer als Atlanta, der Olympiagastgeber von 1996.

Die Pläne für den Olympiapark in Leipzig waren beeindruckend. Der Dresdner Architekt Peter Kulka entwarf das Olympiastadion (l.).
Die Pläne für den Olympiapark in Leipzig waren beeindruckend. Der Dresdner Architekt Peter Kulka entwarf das Olympiastadion (l.). © Archiv

Sie haben die internen Querelen im Bewerbungskomitee angesprochen, es gab Rücktritte, Medien berichteten über Schlammschlachten und den Leipziger Sumpf. Hat das die Funktionäre des IOC in ihrer Entscheidung beeinflusst?

Natürlich haben sie das wahrgenommen.

Sie selbst sind im Herbst 2003 als Olympia-Staatssekretär abberufen worden.

Weil ich fand, dass der Weg kein erfolgreicher mehr war. Ich habe da immer erhobenen Hauptes meinen Standpunkt vertreten und tue es immer noch.

Das heißt, die ominösen Provisionszahlungen im Zusammenhang mit der Sachsen-Arena in Riesa, die damals öffentlich wurden, waren gar nicht ausschlaggebend?

Ich wusste natürlich, dass da nichts dran ist, dass es Protokolle gibt und es sich alles aufklären wird. Trotzdem musste ich mich schnell aus der Schusslinie nehmen, sonst hätte ich der Bewerbung geschadet. Ich bin keiner, der da rumjammert. Wenn man im öffentlichen Leben steht, dann passiert so was halt, damit muss man klarkommen.

Meine kritischen Ansichten zum Zehn-Kilometer-Radius wurden nur von wenigen geteilt, deshalb war mir bewusst, dass meine Position nicht die stärkste war. Ob diese Anschuldigungen dann zufällig kamen oder nicht, muss jeder selbst entscheiden.

Was von der Bewerbung blieb, ist ein 100-Millionen-Euro-Sofortprogramm, also Investitionen in die Infrastruktur. Und was noch?

Da sind in diesem Zusammenhang noch viel mehr Fördergelder geflossen, übrigens auch in Dresden, etwa für den Bau des Sportgymnasiums.

Also hat sich die Bewerbung trotz des Scheiterns rückblickend gelohnt?

Jeder, der sieht, was vor allem in Leipzig passiert ist, kann nur zu diesem Schluss kommen.

Warum hat Leipzig oder Sachsen keinen zweiten Anlauf unternommen?

Das verstehe ich auch nicht, es ist wohl die deutsche Art, so was anzugehen: Wenn ich antrete, will ich gewinnen. Und wenn ich verliere, ziehe ich mich zurück. Pyeongchang hat erst im dritten Anlauf den Zuschlag für die Winterspiele 2018 erhalten – und München geschlagen. Leider haben sie es in Bayern auch nicht ein zweites Mal versucht, die Chancen wären sicher sehr gut gewesen.

Es gab im vorigen Jahr den Vorstoß einer Privatinitiative, die Winterspiele 2030 nach Thüringen und Sachsen zu holen. Hatte die Aussicht auf Erfolg?

Die Idee war ambitioniert, aber das Konzept ein bisschen dünn. Ganz allgemein appelliere ich jedoch vor allem in Richtung der Kommunen, nie aufzuhören, etwas zu wollen. Ich zitiere mal den ehemaligen sächsischen Ministerpräsidenten Kurt Biedenkopf: Hätte August der Starke nur auf sozialen Wohnungsbau gesetzt, gäbe es heute den Zwinger nicht.

Sie träumen also weiter von Olympischen Spielen in Sachsen?

Ich hoffe, dass es irgendwann doch noch klappt. Und ich glaube, dass die Sachsen nach wie vor sportbegeistert sind, sie wollen nur keine Luftschlösser.

Würden Sie bei einer erneuten Bewerbung mitmachen?

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Ich würde nie Nein sagen und mich freuen, weil es die Dinge sind, die ich liebe und die ich am besten gemacht habe in meinem Leben. Aber natürlich muss man auch Realist sein und schauen, ob man da eine Rolle findet, die man ausfüllen kann. Es müsste Leute geben, die für solch eine Idee brennen, die nicht nach links und rechts schauen, sich nicht von Rückschlägen entmutigen lassen. Menschen wie Apple-Gründer Steve Jobs oder der SpaceX-Chef Elon Musk sind da Vorbilder. Ich finde, man sollte mehr Achtung haben vor Leuten, die sich was trauen.

Im nächsten Teil lesen Sie: Was von Leipzigs Bewerbung bis heute übriggeblieben ist

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