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„Ich gehe mit viel Hoffnung für die Region“

Timothy Eydelnant, US-Generalkonsul in Leipzig, über Sachsens Zukunft, die Amerika-Tage und die Haltung zu Russland.

Timothy Eydelnant war seit Juli 2017 US-Generalkonsul in Leipzig. Nun kehrt der Diplomat in die USA zurück.
Timothy Eydelnant war seit Juli 2017 US-Generalkonsul in Leipzig. Nun kehrt der Diplomat in die USA zurück. © Janice Fedak/U.S.State Department

Herr Eydelnant, was macht ein Generalkonsul eigentlich während eines Lockdowns?

Es ist für mich immer noch unglaublich, dass diese letzten drei, vier Monate in Deutschland so verlaufen sind mit Videokonferenzen und auf Abstand. Der Lockdown war ein großer Jammer. Wir hatten so viele unterschiedliche Veranstaltungen geplant wie etwa den Amerika-Tag in Chemnitz. Gemeinsam mit der Stadt, der Industrie- und Handelskammer und Schulen wollten wir einen besonderen Tag mit US-Themen gestalten. Besonders für Chemnitz ist diese Verbindung wichtig. Wir müssen jetzt ein neues Datum finden.

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Warum ist dieser Amerika-Tag gerade für Chemnitz wichtig?

In Sachsen gibt es viele kleinere Städte, die kaum internationale Beziehungen haben wie Leipzig und Dresden oder Städte im Westen. In den Gesprächen, die ich 2018 nach den Protesten in Chemnitz dort hatte, zeigte sich genau dies. Ich habe Chemnitz identifiziert als eine Stadt, die von solch einem Amerika-Tag mehr profitieren würde als andere Städte in Sachsen. Wir wollten dort zum Beispiel die Sportdiplomatie stärken mit Kontakten zu amerikanischen Basketball-Spielern.

Ihre Zeit hier endet im Juni. Wie hat sich ihr Blick auf Ostdeutschland verändert?

In Leipzig gibt es ein amerikanisches Konsulat seit 1826, es ist eines der ältesten Konsulate in Europa. Ich habe drei Jahre lang meinen Kollegen in Washington und Berlin erklärt, warum es so wichtig ist, gerade in Leipzig ein Konsulat für Ostdeutschland zu haben. Mich freut die Entscheidung, dass es größer werden wird. Ab diesem Sommer werden drei statt zwei US-Diplomaten von hier aus tätig sein. Die Zahl der deutschen Mitarbeiter steigt von sechs auf acht. Künftig können wir noch engagierter in der Region unterwegs sein.

Warum ist das Konsulat in Leipzig so wichtig?

Wie schon gesagt, weil die Menschen hier nicht viele Verbindungen nach Amerika haben. Ich war in Niesky, Zittau und anderen kleineren Städten, wo es viele Menschen gibt, die keine Amerikaner kennen und auch sonst kaum internationalen Verbindungen haben. Ganz anders als in Bayern, wo viele unserer Soldaten stationiert sind. Ein Beispiel: Ich hatte einen Stammtisch mit Mittelständlern in Niesky an der polnischen Grenze. Das war das erste Mal, dass sie „offizielle“ Amerikaner getroffen haben. Ich war froh, das freundliche Gesicht von Amerika zeigen zu können.

Auf dieses freundliche Gesicht kommt es jetzt an. US-Präsident Trump will US-Soldaten abziehen. Die Medien schreiben von einer Eiszeit zwischen Washington und Berlin. Stimmt das oder trügt der Eindruck?

Also ich spüre keine Eiszeit zwischen den Menschen. In einer Demokratie und unter Freunden darf es unterschiedliche Meinungen geben. Donald Trump ist der von den Amerikanern demokratisch gewählte Präsident der USA. In dieser nicht einfachen Zeit haben wir dennoch einiges erreicht etwa die Diskussion um eine europäische Sicherheitspolitik oder in der Position zur Hisbollah. Es gibt Probleme und Herausforderungen auf beiden Seiten, wie etwa den Rechts- oder Linksextremismus auch in dieser Region. Die Polarisierung der Gesellschaft nimmt weltweit zu, nicht nur in den USA, Deutschland oder Frankreich.

Der Tod von George Floyd hat auch hierzulande große Demonstrationen ausgelöst. Lässt sich die Situation in den USA mit der in Deutschland vergleichen?

Der Tod von George Floyd hat bei Amerikanern und Amerikanerinnen wie bei Menschen auf der ganzen Welt Schock und Trauer ausgelöst. Die US-Justiz hat bereits Maßnahmen unternommen, um die verantwortlichen Polizisten zur Rechenschaft zu ziehen. Ich will daran erinnern: Viele Proteste für Menschenrechte, für gleichgeschlechtliche Ehen, gegen Rassismus haben in den USA begonnen. Ich hoffe, dass wir Amerikaner diese Kraft und Kreativität als eine Nation auch künftig nutzen, um im Dialog zu bleiben – auch bei dieser schwierigen Frage des Rassismus.

Afroamerikaner sind wiederholt Opfer von Polizeigewalt geworden. Warum gibt es gerade jetzt so große Proteste?

Wir beobachten in den sozialen Medien, dass viele Menschen ein großes Bedürfnis haben, öffentlich darüber zu sprechen. Das gab es in dieser Form früher nicht so stark. Wichtig ist natürlich, dass dies dann auch zu notwendigen Polizei- und Justizreformen führen wird. Aber nicht nur die Polizisten in den USA benötigen mehr interkulturelles Training. Aus Gespächen weiß ich, dass das auch für die Polizei in Sachsen wichtig ist. Aber natürlich ist die Situation in den USA aufgrund unserer Geschichte eine andere, wir stehen jedoch vor ähnlichen Herausforderungen.

Wie werden die Proteste den Wahlkampf beeinflussen?

Republikaner wie Demokraten müssen sich damit auseinandersetzen. Diese Wahlkampfkampagne ist wegen der Corona-Pandemie und ihrer Folgen nicht einfach. Die Unterstützer von US-Präsident Trump sind noch da. Auch Joe Biden hat eine starke Anhängerschaft. Wir sehen jetzt in dieser aufgeheizten Atmosphäre, was den Unterschied zu Russland und China ausmacht, dass ist Transparenz und Meinungsfreiheit. In verschiedenen Webinaren, die ich in den letzten Wochen mit Journalisten, Politikern und Vertretern von Nichtregierungsorganisationen hatte, betonten viele Gesprächspartner, dass sie Angst haben davor, was in den USA derzeit passiert. Aber sie sehen auch Amerika als sehr gutes Beispiel dafür, was es bedeutet, eine Demokratie zu sein. Ich hoffe, dass dieser Pluralismus und diese Meinungsfreiheit in den folgenden Monaten anhält und dann werden die Amerikaner und Amerikanerinnen am 3. November ihre Wahl treffen.

Russland ist ein gutes Stichwort: Sie haben vergangenes Jahr in einem Gastbeitrag für die SZ ungewöhnlich deutliche Worte zur Haltung vieler Ostdeutscher zu Russland gefunden. Was hat Sie dazu bewogen?

Vorab will ich klarstellen: Ich habe in Moskau als Diplomat gearbeitet, ich habe Freunde dort und bin ein großer Fan von russischer Kultur. Aber das unterscheide ich von der politischen Situation. In persönlichen Gesprächen, aber auch in Leserbriefen in Zeitungen ist mir eine unkritische Haltung gegenüber der russischen Regierung aufgefallen. Woher diese Haltung vieler Ostdeutscher kommt, ich weiß es nicht. Vielleicht sind es Sympathien mit dem vermeintlichen Underdog. Fakt ist und das wollte ich mit meinem Gastbeitrag betonen: Russland ist weiterhin ein autoritärer Staat. Das aggressive Verhalten stellt eine reale Bedrohung für die internationale Sicherheit dar. Die demokratischen Institutionen, die es in Deutschland und den USA gibt, existieren in Russland leider nicht wie zum Beispiel eine unabhängige Justiz. Dialog mit Russland ist wichtig und wir müssen ihn haben. Aber ein Dialog ist nur sinnvoll, wenn beide Seiten an echten Fortschritten bei der Zusammenarbeit interessiert sind. Und das sehen wir in Russland nicht. Dafür gibt es viele Belege, wie etwa die Hackerangriffe oder der Mord an einem Georgier im Berliner Tiergarten vergangenes Jahr.

Lassen sich ostdeutsche Politiker im Ringen um eine Aufhebung der Sanktionen gegen Russland instrumentalisieren?

Ich hatte zahlreiche Gespräche zum Thema Sanktionen gegen Russland, vor allem in Chemnitz. Am Konsulat haben wir untersucht, wie viele Firmen in Ostdeutschland wirklich von den Sanktionen betroffen sind. Das Ergebnis: Es sind nur ein paar wenige. Die Sanktionen haben geringe Auswirkungen auf die Wirtschaft in Ostdeutschland. Es ist auch eine Chance für ie sächsichen Unternehmen, ihre Beziehungen nach Amerika auszubauen. Ich sehe da wachsendes Interesse und hoffe, das Ministerpräsident Michael Kretschmer seine eigentlich für diesen August geplante USA-Reise im kommenden Jahr nachholt. Ein weiteres Projekt für die Zukunft ist der Aufbau einer Partnerschaft zwischen dem Freistaat und einem US-Bundesstaat wie es Bayern mit Georgia seit knapp zwanzig Jahren hat.

Was ist ihre nächste Station?

Ich gehe erst einmal zurück nach Washington und werde dort die National Defense University besuchen. Nach einem Jahr werde ich zurück in das Außenministerium gehen, vielleicht wieder in die europäische Abteilung. Ich verlasse Mitteldeutschland mit viel Hoffnung für diese Region. Ich sehe in ihr die Zukunft von Deutschland. Ich weiß zwar nicht, wie lange das brauchen wird. Aber ich freue mich, in 15 oder 20 Jahren wieder zu kommen und zu sehen, was sich wirtschaftlich, politisch und kulturell verändert hat.

Das Gespräch führte Nora Miethke

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