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„Ich verstehe die Zweifel der Deutschen“

Mitten in der Abhör-Affäre muss der neue US-Botschafter John B. Emerson in Deutschland erst einmal Vertrauen wieder zurückgewinnen.

© Robert Michael

Mr. Emerson, was verbinden Sie mit Deutschland? Was haben Sie über Deutschland gedacht, bevor Sie wussten, dass Sie hier Botschafter werden?

Den größten Eindruck hat bei mir und meiner Familie der unglaublich warmherzige Empfang in Deutschland gemacht. Ich spüre hohe Erwartungen, große Hoffnungen auf die deutsch-amerikanischen Beziehungen. Aber es gibt hier auch eine große Dankbarkeit für die Vergangenheit. Lassen Sie mich das am besten in einer kleinen Begegnung zusammenfassen: Kürzlich ergriff ein älterer Mann meine Hand und sagte zu mir: „Danke für 50 Jahre Freiheit und für die Wiedervereinigung.“ Das hat mich sehr berührt. Und ich muss ehrlich sagen, das habe ich nicht so erwartet, als ich hierher kam. Natürlich habe ich erwartet, Deutschland als Land zu sehen, in dem die Menschen hart arbeiten, in dem die Wirtschaft floriert, ein schönes Land mit vielen, höchst unterschiedlichen Städten. Aber dieses Verständnis, die Wertschätzung für das, was zwischen Deutschen und Amerikanern ist, hätte ich so nicht erwartet.

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...und lassen Sie sich elektrisieren.

Was macht die Deutschen aus amerikanischer Sicht so besonders in Europa?

Uns verbindet in besonderer Weise die Nachkriegsgeschichte, angefangen beim Wiederaufbau mithilfe des Marshallplans. Unser Bündnis hat uns durch die Zeit des Kalten Krieges getragen. Dabei haben wir Deutschland stets ermutigt, seinen eigenen Weg zu gehen. Wir haben auch die Wiedervereinigung unterstützt. Ich glaube, die Menschen hier erkennen das an. Und das macht unsere Verbindung so besonders. Heute bewundern wir Amerikaner die Deutschen. Die Menschen hier sind so produktiv, erfindungsreich, es gibt eine starke Wirtschaft mit hohen Qualitätsstandards.

Aber Erfahrung mit Ostdeutschland hatten Sie bisher noch nicht?

Ich war in den 70-er und 80-er Jahren zweimal in Ostberlin, bin am Checkpoint Charlie über die Grenze gegangen. Seit ich mein Amt angetreten habe, war ich bereits in Quedlinburg, Erfurt und Leipzig. Meine Kinder gehen in Brandenburg zur Schule.

Haben Sie in den ersten Monaten Ihres neuen Amtes bereits einen Unterschied zwischen West- und Ostdeutschen bemerkt?

Da bin ich noch vorsichtig. Aber ich glaube, die DDR-Zeit war mehr als nur eine kurze Unterbrechung in der deutschen Geschichte. Das sollte man nicht unterschätzen. Ich höre öfters, dass Ostdeutsche risikofreudiger seien, flexibler als im Westen des Landes. Sie sind eher bereit, etwas Neues anzufangen – so ähnlich wie wir Amerikaner.

Die deutsch-amerikanischen Beziehungen habe eine lange Geschichte. Das Kapitel, das wir gerade schreiben, ist ein eher düsteres - getrübt durch die NSA-Affäre. Hat sich Ihr eigenes Kommunikationsverhalten dadurch geändert?

Ich habe mein Kommunikationsverhalten geändert,als ich als Botschafter nominiert wurde, also bereits Mitte des Jahres. Damals sagte man mir: Sei vorsichtig, was du am Telefon sagst.

Womöglich kam die Warnung zu spät?

Nein, nein. Wissen Sie, als Amerikaner sind wir dafür sensibilisiert. Regierungsmitarbeiter schließen vor einer Besprechung, in der sensible Themen diskutiert werden, ihre Handys und Laptops ein, damit niemand mithören kann. Ich habe schon immer versucht, vorsichtig zu sein, was ich in E-Mails schreibe. E-Mails bleiben für immer erhalten. Spätestens als die Mails von Bill Gates in der Microsoft-Verhandlung zum Beweis hinzugezogen wurden, waren alle gewarnt, vorsichtig zu sein. Auch in meiner damaligen Firma gab es Trainings, wie solche Technologien zu benutzen sind. Und wir haben auch unseren Kindern gesagt: Passt auf, was ihr auf Facebook einstellt. Es bleibt für immer. Vielleicht bewerbt ihr euch mit 28 Jahren um einen Job, aber dann schaut jemand nach, was ihr gepostet habt, als ihr 19 wart.

Hat es Sie überrascht, dass die NSA in einer so umfassenden Art Datenmaterial rund um die Welt sammelt?

Natürlich wusste ich nicht genau, was die NSA damals tat. Denn das war geheim. Aber ich wusste, wie jeder Amerikaner, nach den Bombenanschlägen vom 11. September und nachdem im Irak keine Massenvernichtungswaffen gefunden wurden, dass unsere Geheimdienste in beiden Fällen versagt hatten. Im Fall von 9/11 haben sie die Daten, die an verschiedenen Orten – bei der lokalen Polizei und dem FBI – im Land durchaus vorhanden waren, einfach nicht miteinander abgeglichen. Das war der entscheidende Fehler. Und so haben die Geheimdienste nicht mitbekommen, dass die späteren Terroristen Flugstunden nahmen, aber immer dann nicht dabei waren, wenn es darum ging, das Landen zu lernen. Der Druck auf den Geheimdienst war darum gewaltig, seine Arbeit zu verbessern. Und der technische Fortschritt hat dabei enorm geholfen.

In der Tat. Damit sind die Datenmengen, die die NSA sammeln konnte, weiter angestiegen.

Man weiß nie, wer der nächste Schuhbomber sein wird – oder denken Sie an den Mann, der seinen Truck mitten auf dem Times Square geparkt hatte – voll beladen mit Sprengstoff. Man weiß nie, wo als nächstes etwas passieren könnte. Darum überrascht es mich nicht, dass unsere Geheimdienste diese extremen Anstrengungen unternehmen, um den nächsten möglichen Täter früh genug zu identifizieren. Darum versuchen wir auch, frühzeitig diejenigen zu finden, die mit Terroristen rund um die Welt in Verbindung stehen, um sie im Auge zu behalten und damit unsere Bevölkerung schützen zu können. Nur so konnten wir über 50 Terroranschläge in den vergangenen Jahren verhindern – darunter auch etliche auf deutschem Boden.

Die Frage ist nur, ob jeder dieser millionenfachen Datenabgleiche wirklich dazu beiträgt? Da wurde doch offensichtlich übers Ziel hinausgeschossen.

Ich verstehe, dass es da in Deutschland Verwirrung gibt wegen der Situation um das Handy von Bundeskanzlerin Merkel.

Es geht dabei nicht nur um das Handy der Kanzlerin, sondern auch um das von Millionen deutscher Bürger.

Viele Deutsche denken offenbar, dass die NSA alle deutschen Anrufe abhört. Aber das stimmt nicht. Bei der Metadaten-Analyse geht es nicht um Gesprächsinhalte, sondern um den Abgleich von Nummern, die miteinander verbunden waren. Also: Wer hat da mit wem telefoniert? Wer hat vielleicht mit einem Terroristen-Anwerber oder gar direkt mit einem Terroristen gesprochen. Das ist wie die berühmte Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Und wenn man eine gefunden hat, dann wird das genauer untersucht. Erst dann werden auch Telefon-Gespräche abgehört, nachdem ein Gericht das erlaubt hat.

Aber Sie verstehen die Vorbehalte, die gerade in Deutschland in puncto Datenschutz und -sicherheit, sehr hoch sind gegen dieses Vorgehen?

Ich verstehe die Zweifel der Deutschen, die Intensität ihrer Reaktion; vor allem auch die Reaktionen auf das angebliche Abhören des Handys der Kanzlerin. Ich habe das auch genauso an meine Regierung weitergegeben. Und ich kann Ihnen sagen, dass wir die Sorgen der Deutschen sehr, sehr ernst nehmen. Präsident Obama hat eine Untersuchung angeordnet, in der alle laufenden Aktivitäten unseres Geheimdienstes genauer unter die Lupe genommen werden. Für Obama stellt sich die Frage: Tun wir manche Dinge nur, weil wir sie technisch leisten können oder weil sie notwendig sind, um unsere Bevölkerung zu schützen? Die Frage um das Handy der Kanzlerin hat deutlich gemacht, dass es da offenbar eine Lücke gibt. Der Präsident will dem auf den Grund gehen. Dieser Bericht wird Mitte Dezember fertig sein.

Die grundlegende Frage ist doch: Wie weit darf ein Geheimdienst überhaupt gehen? Außerdem: Es geht nicht nur um das Handy der Kanzlerin, sondern auch um meines.

Genau darüber brauchen Sie sich aber keine Sorgen machen. Wir haben nicht 300.000 fließend Deutsch sprechende Mitarbeiter, die sich 24 Stunden lang, die ganze Woche hindurch, Telefongespräche anhören. Es geht um ein Computerprogramm, das Telefonnummern abgleicht. Also: Nur wenn Sie mehrfach mit Terroristen telefonieren, wird es interessant. Aber Sie haben recht: Wir müssen die Frage beantworten, wieweit die NSA gehen darf. Das müssen wir ernsthaft diskutieren, sowohl in der Regierung als auch im Kongress. Viele Abgeordnete sind besorgt, dass die technologischen Fähigkeiten der NSA längst ihre eigenen Kontrollmöglichkeiten überholt haben. Und das wollen sie wieder ins Gleichgewicht bringen. Der Kongress wird sehr genau prüfen, was die NSA tut und dann entscheiden, ob gesetzlich engere Grenzen gesetzt werden müssen. In jedem Falle wollen wir auch weiterhin mit dem deutschen Nachrichtendienst zusammenarbeiten. Aber das muss in einer Art ablaufen, dass beide Seiten respektvoll mit der Achtung der Privatsphäre jedes Bürgers umgehen. Schließlich ist Deutschland für uns ein Freund und Alliierter.

Aber Freunden sollte man mit Vertrauen begegnen. Wem trauen die USA eigentlich noch, wenn sie nicht einmal ihren Freunden trauen?

Mal ehrlich: Auch andere Länder machen es doch ähnlich wie wir. Deutschland vielleicht weniger, obwohl es technologisch dazu in der Lage ist, weil es aus seiner Geschichte heraus einen engen gesetzlichen Rahmen gesetzt hat . Wir alle müssen uns fragen: Wofür setzen wir unsere Ressourcen ein? Wo ist es sinnvoll? Was hat Priorität? Sollen wir uns darauf konzentrieren, was unsere Freunde tun? Oder darauf, wo uns Menschen schaden wollen? Das ist entscheidend. Und das wird uns die nächsten Monate beschäftigen.

Es dürfte nicht einfach für Sie sein, ausgerechnet am Anfang Ihrer Botschafter-Tätigkeit in eine solch angespannte Situation zwischen Amerika und Deutschland geraten zu sein.

Wir haben alle unsere Herausforderungen in unserer Zeit. Kürzlich habe ich mit dem früheren deutschen Botschafter in Washington, Wolfgang Ischinger, gesprochen. Er war während des Irak-Krieges in den USA, als die Deutschen und die Amerikaner gerade über diesen Krieg stritten. Auch Freunde können unterschiedlicher Meinung sein. Hätte ich mir gewünscht, dieses Problem nicht zu haben, als ich aus dem Flugzeug stieg? Ja, selbstverständlich. Aber das ist eben Teil meines Jobs. Ich habe drei Jahre Zeit. Und in dieser Zeit will ich vor allem Vertrauen zurückgewinnen.

Wie wollen Sie das konkret schaffen?

Zum Beispiel durch Interviews wie dieses. Das ist schon ein Teil meiner Arbeit. Ich werde viel zuhören, diskutieren, auch manche Dinge richtigstellen. Und ich werde das zurückspiegeln in die USA, was die Menschen hier bewegt und sorgt.

Was glauben Sie, warum die Deutschen so viel sensibler in dieser Frage sind als die meisten anderen Europäer?

Das hat viel mit der deutschen Geschichte zu tun. Wir Amerikaner hatten nie die Angst, dass unsere eigene Regierung die Macht gegenüber der Bevölkerung missbrauchen könnte. Wir wurden, wenn man von der Zeit der Rassentrennung absieht, nie von der eigenen Regierung unterdrückt. Die Deutschen haben es zweimal erlebt. Ich habe den Film „Das Leben der Anderen“ zweimal gesehen, lange bevor ich hierherkam. Diese historische Erfahrung erklärt auch, warum die Gesetzeslage in Deutschland eine andere ist.

Die Amerikaner haben aber leider mehr Terror-Erfahrung als wir Deutsche.

Ja, Deutsche sehen die Welt in diesem Punkt nicht so, wie wir sie sehen. Das soll auch in Deutschland in den 70-er Jahren anders gewesen sein. Damals verbreitete die RAF Angst und Schrecken, damals waren die Westdeutschen bereit, Einschränkungen der Freiheit zu akzeptieren. Auch die Briten haben andere Erfahrungen. Sie haben die Gewalt in Nordirland erlebt, Bombenanschläge in U-Bahnen. Darum denken sie mehr wie Amerikaner. Lassen Sie es mich so zusammenfassen: Wir haben die gleichen Werte, den gleichen Wunsch nach persönlicher Freiheit, und uns verbindet Argwohn gegenüber einer übermächtigen Regierung. Wegen unserer unterschiedlichen Erfahrungen kommen wir aber zu einem anderen Schluss, was das Verhältnis zwischen der Wahrung unserer Sicherheit und dem Schutz unserer Freiheit und Privatsphäre betrifft. Das ist der Unterschied. Und das sollten beide Seiten verstehen und respektieren. Darum ist mein Titel auch „Botschafter“, denn genau das will ich vermitteln.

Interview: Annette Binninger und Nora Miethke